Ferrari und Vettel zwingen Mercedes zu genauer Analyse

17. April 2017, 15:43
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Umdenken bei Silberpfeilen nach Vettels zweitem Saisonerfolg in Bahrain – Ferrari-Präsident Marchionne: "Keine Eintagsfliege" – Teamorder-Revival bei Mercedes

Sakhir – Sebastian Vettel grinste schelmisch und gab dann den Party-Befehl. "Auf dem Siegerpodest gab es ja nur Rosenwasser", sagte der Ferrarifahrer etwas enttäuscht nach seinem souveränen Sieg beim Wüstenrennen in Bahrain. Doch der Deutsche gab sich sicher, noch etwas Standesgemäßes zu finden, um auf seine alleinige WM-Führung anzustoßen: "Wir werden schon noch feiern."

Vettel: "Das Auto ist ein Traum"

Und dafür hatte Vettel auch allen Grund: Nach seinem zweiten Sieg im dritten Rennen der Saison ist der 29-Jährige plötzlich Titelfavorit und die WM läuft auf ein Gigantenduell zwischen dem Deutschen und Hamilton hinaus.

Vettel strotzt jedenfalls vor Selbstvertrauen, nachdem er das Mercedes-Duo Lewis Hamilton und Valtteri Bottas nach einer effektiven Vorstellung abgehängt hatte. "Ich kann spüren: Wir sind schnell, wir können ein Wörtchen mitreden. Das Auto ist ein Traum", sagte Vettel, der mit 68 Punkten auf dem Konto jetzt sieben Zähler Vorsprung auf Hamilton hat.

Der Sieg seines Rivalen hatte bei Hamilton ziemliche Spuren hinterlassen, der Brite haderte mit seinem Auftritt. "Ich bin nicht hier, um Zweiter zu werden", sagte er geknickt: "Das ist schmerzhaft." Zumal dem 32-Jährigen ein ziemlicher Patzer unterlief: Er blockierte Daniel Ricciardo beim Boxenstopp und kassierte dafür eine fünfsekündige Zeitstrafe. "Das war mein Fehler, ich habe die Situation falsch eingeschätzt", sagte er.

Wolff: "Mehr Murks als Positives"

Hamilton weiß, es muss mittlerweile alles passen, damit er Vettel schlagen kann. "Das Rennen hat uns erneut vor Augen geführt, dass wir uns in diesem Jahr in einer ganz anderen Konkurrenzsituation befinden", sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff: "Es war für uns mehr Murks in diesem Rennen als Positives."

Doch Vettel weist die neue Favoritenrolle weit von sich: "Ich ändere meine Meinung nicht: Wer Weltmeister werden will, muss zunächst einmal an Mercedes vorbei." Aber genau das schaffen Vettel und Ferrari ja mittlerweile. In Bahrain hatte die Scuderia auch die bessere Strategie, mit dem so genannten "Undercut" wurde Mercedes düpiert. Vettel kam früh zum Boxenstopp, um mit frischen Reifen einen entscheidenden Vorsprung herauszuholen. "Wir haben alle Ostereier gefunden", sagte Vettel und freute sich über den Coup. Der bisher letzte Ferrari-Fahrer, der zwei der ersten drei Saisonrennen gewann, war Michael Schumacher 2004.

Wolff als Spaßbremse

Pole-Position-Mann Valtteri Bottas fehlte über das gesamte Rennen der Speed. Die Mercedes-Box dirigierte Hamilton daher zweimal an seinem Teamkollegen vorbei, doch selbst die Rückkehr zur sonst oft verpönten Stallorder half nichts. "Das war ein superharter Call, den wir über all die Jahre nicht gemacht haben. Das macht absolut keinen Spaß", betonte Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Ins Duell zwischen dem zurückgetreten Weltmeister Nico Rosberg und Hamilton hatte Mercedes versucht, tunlichst nie einzugreifen. Durch das Widererstarken von Ferrari sind die "Silberpfeile" aber dazu gezwungen, auch wieder mehr auf die Konkurrenz zu schauen. "Die Situation ist jetzt anders", sagte Wolff. "Wir brauchen eine genaue Analyse, was das für uns bedeutet."

"Wasserträger" Bottas und Räikkönen

Die Teamkollegen von Vettel und Hamilton scheinen mit den Topstars der Szene nicht mithalten zu können. "Es ist eine Weltmeisterschaft der zwei Geschwindigkeiten", schrieb die italienische Zeitung "La Stampa" am Montag. Bottas und dessen finnischer Landsmann Kimi Räikkönen seien lediglich "Wasserträger". Das habe das Rennen in Bahrain gezeigt.

"Ein großes Ferrari-Fest", titelte die "Gazzetta dello Sport" nach dem österlichen Triumph in der Wüste. Nach dem besten Saisonstart seit 2008 träumt Italien gar von einer neuen roten Ära. Seit Räikkönen 2007 wartet die Scuderia vergeblich auf einen Weltmeister. "Wir sind jetzt komplett überzeugt, dass unser Sieg in Melbourne keine Eintagsfliege war, und dass wir bis zum Schluss in dieser WM ganz vorne dabei sein werden", sagte Ferrari-Präsident Sergio Marchionne.

Mit dem neuen Reglement und dem vor zwei Jahren nach vier WM-Titeln von Red Bull losgeeisten Vettel als Katalysator ist Ferrari zum echten Gegner aufgestiegen. Im Vorjahr hatten die Roten nicht ein Rennen gewonnen, die 2016 geleistete Entwicklungsarbeit macht sich nun aber bezahlt. Der Auftaktsieg in Australien habe noch einmal neue Energie freigesetzt, berichtete Vettel. "Die ganze Fabrik ist zum Leben erwacht. Das ist großartig, und das müssen wir fortsetzen."

Vorfreude auf Testfahrten

Daher war Perfektionist Vettel nach seinem Triumph mit dem Kopf auch bereits bei den Testfahrten, die am Dienstag und Mittwoch in Bahrain auf dem Programm stehen. "Ich habe mich schon zur Hälfte des Rennens gefreut, bald wieder in den Wagen zu springen", sagte der 29-Jährige. So begeistert ist er von seiner neuen Roten Göttin "Gina". "Das Auto ist eine Freude, ich genieße es wirklich."

Viel Raum für Tests auf der Strecke sieht das Reglement nicht vor. Auch Hamilton, in der Vergangenheit oftmals aus privaten Gründen verhindert, will die Proberunden diesmal absolvieren. Der dreifache Weltmeister weiß, was es geschlagen hat. (APA, Reuters, sid, 17.4.2017)

  • Souveräne Vorstellung von Sebastian Vettel in Bahrain.
    foto: reuters/andrej isakovic/pool

    Souveräne Vorstellung von Sebastian Vettel in Bahrain.

  • Auch wenn der Champagner-Ersatz nicht mundete, die Freude beim Deutschen ...
    foto: ap/luca bruno

    Auch wenn der Champagner-Ersatz nicht mundete, die Freude beim Deutschen ...

  • und dem Ferrari-Team war riesig.
    foto: reuters/hamad i mohammed

    und dem Ferrari-Team war riesig.

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