Phishing Leaks: Hacker suchen den Ruhm

16. April 2017, 10:00
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Hinter vielen "Enthüllungen" ist nicht Aufklärung der Öffentlichkeit, sondern gezielte Desinformation

Perugia – Die Digitalisierung ist wieder einmal Fluch und Segen zugleich. Sie ermöglicht eine übersichtliche, schnelle Archivierung großer Datenmengen, erleichtert aber auch den Zugriff von Außen. Hacking-Angriffe auf Weltkonzerne oder Regierungen sind keine Seltenheit mehr. Was fehle, sei der kritische Blick darauf, sagt Lorenzo Franceschi-Bicchierai in seinem Vortrag über Hacks und Leaks, auf dem International Journalism Festival in Perugia.

Der Italiener ist der Meinung, dass sich viele Journalisten von den vermeintlichen Enthüllungen blenden lassen und sich mehr der Eigendynamik und dem Druck einer massiven Publikationswelle hingeben. Und weniger eine kritische Analyse betreiben, kam der Journalist zum Schluss. Er ist auf Themen wie Hacking und Informationssicherheit spezialisiert. Viele seiner Untersuchungen zeigen: Medien übernehmen "Enthüllungen" häufig ohne sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Ein Durcheinander an Daten und Informationen sei die Folge.

Guccifer, Cosy und Fancy Bear

Als Beispiel führt er die Hacking-Attacke auf den Server des Democratic National Comittees (DNC) an. Während des US-Wahlkampfes gelang es zwei russischen Hackern, "Fancy Bear" und "Cosy Bear", parteiinterne Informationen zu stehlen. Plötzlich tauchte Guccifer auf. Allem Anschein nach ein rumänischer Hacker. Er outete sich seinerseits als Täter und schrieb auf seinem Online-Blog, er habe die Dokumente Wikileaks zugespielt. Franceschi-Bicchierai nahm Kontakt mit ihm auf und entlarvte ihn im Nachhinein als Strohmann, der weder Rumäne war noch Hacking-Kenntnisse besaß. Was Guccifer wollte: Aufmerksamkeit und Chaos.

"Das ist genau die Absicht, die hinter solchen Angriffen steht," so Franceschi-Bicchierai. Die weltbekannte Plattform Wikileaks sei lediglich benutzt worden, um das notwendige öffentliche Aufsehen zu erregen. Guccifers Autauchen legte nur eine falsche Fährte, weg von den russischen Hacker-"Bären".

Hacker wollen Ruhm für ihre Taten

Franceschi-Bicchierei betonte die Wichtigkeit, mit "erhackten" Informationen kritisch umzugehen – gerade wenn die Täter nicht eindeutig zu identifizieren seien. Denn: "Hacker wollen Ruhm für ihre Taten." Auf die Regeln des Faktencheckens darf im journalistischen Alltag nicht vergessen werden, so der Appell des Italieners. Ist die Quelle überhaupt glaubhaft und sind die Informationen überhaupt von öffentlichem Interesse?

Eine weitere Erkenntnis die Franceschi-Bicchierai aus seinen Analysen über Hacking-Angriffe gewann: Oftmals hätten "geheime" Informationen überhaupt keinen Neuigkeitswert. Für den Hacking-Experten war die ganze DNC-Show nicht mehr als eine "Desinformations-Kampagne" die von Russland initiiert wurde. Russland hat die Wahl nicht "gehackt" oder das Ergebnis geändert, so der Italiener. Aber "gestohlene Informationen ziehen immer" – das wissen auch die Russen.

Same Old Story

In der Vergangenheit hat es bereits ähnliche Ereignisse gegeben. Vor drei Jahren wurde das Unternehmen Sony vom nordkoreanischen Hacker-Kollektiv namens "Guardians of Peace" (gop) angegriffen. Tagelang wurde über private Email-Korrespondenzen der Mitarbeiter berichtet und unveröffentlichte Filme ins Netz gestellt. "Da ging es mehr um Gossip und Voyeurismus als Journalismus", stellte Francheschi-Bicchierai fest. Aufgefallen sei das wenigen. Seiner Ansicht nach sei die Zeit anonymer Hacking-Angriffe aber erst im Kommen.

Und so erlangt das Zitat von Ladislav Bittmann, einem Geheimdienstoffizier während des Kalten Krieges, neue Aktualität: "Anonymity is a signal indicating that a Big Russian Bear might be involved." Das glaubt auch Franceschi-Bicchierai. (Ornella Wächter, 16.4.2017)

Das Video vom Vortrag "Hacks and Leaks: The Future of Transparency Journalism" beim Journalismusfestival 2017 in Perugia:

international journalism festival

Zum Projekt

Vom Internationalen Journalismus-Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW.

Ornella Wächter machte nach ihrem Studium der Publizistik in Wien ein Jahr Pause, die Hälfte davon verbrachte sie in Neuseeland. Wenn die deutsch-italienische Journalistin nicht gerade einen Berg hinauf geht, schreibt sie davon.

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