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15. April 2017, 09:00
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Pro Woche werden im Schnitt zwei Journalisten getötet, rechnet das Institut für News-Sicherheit vor

Perugia – In den ersten 15 Wochen dieses Jahres sind nur 13 Journalisten oder Medienleute getötet worden. Für Hannah Storm vom International News Safety Institute (INSI) ist das eine gute Nachricht, denn seit der Gründung des Instituts im Jahr 2003 sind in den letzten Jahren wöchentlich durchschnittlich zwei Journalisten getötet worden.

"Es ist trotzdem eine schockierende Zahl", sagt Storm am diesjährigen International Journalism Festival in Perugia. Und sie betont, dass damit nicht alles gesagt ist, denn am besonders lokale Reporter werden oft bedroht, entführt und getötet, ohne dass die breite Öffentlichkeit davon erfährt. Nicht nur das, in 90 Prozent der Fälle wird niemand für ihre Tode zur Rechenschaft gezogen.

foto: afp photo / alfredo estrella
"Ohne Journalismus keine Demokratie": Ein Journalist bei Protesten nach der Ermordung des Korresondenten Miroslava Breach in Mexico City Ende März 2017.

cherheit und Journalisten redet, denkt man generell an die alten Hasen unter den Korrespondenten in ihren Flak-Jacken, die kurz ins Kriegsgebiet reisen, von dort berichten und genauso schnell wieder weg sind", sagt Hannah Storm. Die Veränderungen der letzten Jahre machten es jedoch notwendig, weiter zu denken, denn manche der Bedrohungen lägen nun direkt vor der Haustür. "Eine unserer Reporterinnen berichtet über die AfD. Wenn sie bei Veranstaltungen der AfD ist, wird mit dem Finger auf sie gezeigt und sie wird identifiziert als diejenige, die schlecht über uns schreibt‘", erzählt Marcel Rosenbach ("Der Spiegel").

Aufdecker werden bestraft

Noch im April wird eine Studie veröffentlicht, die 129 Länder auf ihre Sicherheit für Journalisten und deren Quellen untersucht hat. Die australische Journalistin Julie Posetti war an der Studie beteiligt. Die grundlegende Erkenntnis der Studie lautet: Journalisten und der Schutz ihrer Quellen – das Fundament des investigativen Journalismus – sind weltweit in Gefahr.

Besonders sogenannte Whistleblower müssen mit harten Strafen rechnen. Erst Anfang des Jahres begnadigte Barack Obama drei Tage vor Ende seiner Amtszeit die ehemalige US-Soldatin Chelsea Manning. Sie hatte 2010 geheime Dokumente an Wikileaks weitergegeben, welche unter anderem hunderte Fälle von Folter von US-Militärgefangenen während des Irak-Krieges belegen. Manning war dafür zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Obama verkürzte die Haftstrafe auf sieben Jahre – Manning wird nun Mitte Mai entlassen.

Journalist oder Terrorist

Sind bisher Journalisten meist mit einem blauen Auge davongekommen, rutschen sie nun "in der Bedrohungs-Hierarchie immer weiter hinauf", sagt Julie Posetti. Häufig werden sie als gleiche Bedrohung wie Terroristen gesehen, wie 2013 aus den Snowden-Files hervorging. Das haben in den letzten Monaten viele Journalisten in der Türkei am eigenen Leib erfahren.

Der im deutschen Sprachraum aktuellste Fall ist der von "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel. Ihm wird Propaganda für eine terroristische Organisation und Volksverhetzung vorgeworfen. "Das ist extrem beunruhigend, denn in der Türkei, wie überall sonst auch, werden Terrorismus-Anklagen ganz anders gehandhabt, als gewöhnliche Strafrechtsfälle", sagt Marcel Rosenbach ("Der Spiegel").

Steinewerfen im westlichen Glashaus

Westliche Staaten sollten sich aber hüten, den Finger in Richtung Türkei zu erheben. Ein Journalist der Washington Post erhielt vergangenes Jahr eine Morddrohung, weil er zu Trumps Wohltätigkeits-Aktivitäten recherchiert hatte. Auch Online-Attacken gegen Journalisten nehmen zu und es wurden in den letzten Monaten vielerorts Gesetze auf den Weg gebracht, die in erster Linie dazu dienen sollen, die nationale Sicherheit sicherzustellen – besonders im sogenannten Kampf gegen den Terror.

Auf den zweiten Blick wird klar, dass sie massiv in die Meinungs- und Pressefreiheit eingreifen. Der Quellenschutz, laut Julie Posetti das tragende Fundament des investigativen Journalismus, ist unter Beschuss und es wird Medien immer schwerer gemacht, sogenannte Leaks zu veröffentlichen, "und das in etablierten Demokratien".

Einfach ignorieren

Journalisten, aber auch Whistleblower müssen lernen, sich zu schützen. Besonders junge Generationen sind sich nicht dessen bewusst, wie viel Informationen sie über die sozialen Medien, zum Beispiel durch Geo-Tagging oder das Posten von Fotos, preisgeben und dass das gefährlich sein kann. Auch Online-Angriffe, zum Beispiel in Kommentaren, stellen eine große psychische Gefahr da und können dazu führen, dass die betroffene Person darüber nachdenkt, ihre Karriere zu beenden.

Gegen Schikanen und Belästigung im Internet gibt Cameron Barr ("Washington Post") den simplen Rat, "nicht hinzusehen, es einfach zu ignorieren." Darauf zu reagieren, gibt den Angreifern Macht und verschlimmert die Situation. Grundsätzlich müssen sich Journalisten wappnen, sagt Barr, denn ihre Arbeit werde immer wieder heftige Reaktionen hervorrufen. (Pia Miller-Aichholz, 15.4.2017)

Zum Projekt

Vom Internationalen Journalismus-Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW.

Pia Miller-Aichholz hat die Unkenrufe über eine Krise der Medien satt und glaubt daran, dass sich der Journalismus differenzieren und weiterhin als wichtig erweisen wird. Sie möchte dazu beitragen und studiert deshalb Journalismus und Medienmanagement.

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