Fassadendämmung: Viel Holz vor der Hütte

14. April 2017, 15:26
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Tiroler Forscher haben ein Fassadensystem für thermische Sanierungen in Holzbauweise entwickelt

Innsbruck – Der Holzbau boomt. Der Einsatz vorgefertigter Module, die dann auf der Baustelle zu fix und fertigen Zimmern und Geschoßen zusammengefügt werden, macht schnelle und vergleichsweise kostengünstige Bauten möglich. Hotels, Hochhäuser und Flüchtlingsheime sind auf diese Art bereits entstanden. Von den Vorteilen dieser Bauweisen können aber nicht nur Neubauten, sondern auch thermische Sanierungen von Bestandsbauten profitieren. Das zeigt ein neu entwickeltes Fassadensystem in Holzbauweise, das von Tiroler Materialwissenschaftern entworfen wurde.

"Grundsätzlich ist das System für jedes Gebäude geeignet, das man energetisch sanieren will", sagt Clemens Le Levé vom Arbeitsbereich Holzbau am Institut für Konstruktion und Materialwissenschaften der Universität Innsbruck, der die Technologie gemeinsam mit seinem Kollegen Thomas Badegruber unter der Leitung von Michael Flach und Anton Kraler entwickelt hat.

Keine Gerüste notwendig

Am besten kann das System allerdings dort seine Vorteile entfalten, wo größere Bauten mit wiederkehrenden Fassadenstrukturen besonders schnell oder ohne große Störung für die Hausnutzer gedämmt werden sollen – also etwa bei Schulsanierungen über die Sommerferien oder bei Mehrparteienhäusern, die während der Sanierung bewohnt sind. Das Anbringen der Module kommt vollkommen ohne Gerüstbauten aus. Zudem bietet die Technologie einfache Möglichkeiten, Gebäude zusätzlich zur Dämmung in Holzbauweise zu erweitern oder aufzustocken.

Ausgangspunkt für ein neues Fassadensystem ist eine Aufnahme des Gebäudes per 3-D-Scanner oder Tachymeter, anhand derer eine detaillierte Planung der Elemente möglich wird, erklärt Le Levé. Die Module werden im Werk entsprechend der Pläne in Holzrahmenbauweise und in der erforderlichen Stärke maßgeschneidert – inklusive Fenster, Dämmung und Putzträgerplatte samt Putz. Leitungen, Lüftungssysteme, Solarpaneele oder andere Haustechnik kann in den Modulen auch gleich untergebracht werden.

Eignung bis Gebäudeklasse 5

Vor Ort an der Baustelle werden die vorgefertigten Elemente dann Stück für Stück an der Rohfassade montiert. Die Innsbrucker Holzbauer haben dazu spezielle Verbindungstechniken entwickelt, die einerseits die Elemente selbst ineinandergreifen lassen, andererseits die gesamte Konstruktion mithilfe stabiler Konsolen einfach und dauerhaft an den Bestand binden. Eine zusätzliche Adaptionsschicht aus Dämmmaterial schließt den verbleibenden Hohlraum zur Mauer.

Zuletzt wurde das Fassadensystem in Kombination mit einer Zellulosedämmung auch den nötigen Brandschutztests unterzogen. Die Klassifizierung ist nun bis zur Gebäudeklasse 5 gegeben, also bis zu einem Fluchtniveau von 22 Metern, was in etwa einem achtgeschoßigen Gebäude entspricht. Um eine Brandweiterleitung zu unterbinden, werden die Module geschoßweise mit Mineralwollstreifen getrennt, erklärt der Materialwissenschafter.

Kein Sondermüll

Die Fassaden sind so gestaltet, dass grundsätzlich jeder Holzbauer in der Lage ist, sie anzufertigen. "Das System ist herstellerunabhängig. Komponenten wie Beplankung, Putz oder Dämmung können von verschiedenen Herstellern verwendet werden", so Le Levé. Eine erste Anwendung könnte die Technologie bei der Sanierung mehrgeschoßiger Wohnbauten in Innsbruck finden.

Und der Preis? Wie macht sich das Fassadensystem im Vergleich zu konventionellen Dämmtechniken? "Wir liegen bei 160 bis 200 Euro pro Quadratmeter. Vergleicht man unser Holzbaufassadensystem mit Polystyrol, das mit 60 bis 100 Euro pro Quadratmeter zurzeit die günstigste Dämmvariante ist, sind wir preislich noch nicht ganz da", erklärt Le Levé. "Man muss dabei aber auch Qualität und Nachhaltigkeit betrachten. Bei Polystyrol hat man am Ende der Nutzungsdauer häufig ein Sondermüllproblem. Und der Preis des Holzbaufassadensystems wird durch eine Systematisierung der Produktion noch deutlich sinken." (pum, 14.4.2017)

  • Mithilfe eines 3-D-Scans werden die Elemente im Werk vorgefertigt. Auf der Baustelle können sie dann Stück für Stück an der Fassade montiert werden, ohne dass ein Gerüst notwendig ist.
    foto: universität innsbruck

    Mithilfe eines 3-D-Scans werden die Elemente im Werk vorgefertigt. Auf der Baustelle können sie dann Stück für Stück an der Fassade montiert werden, ohne dass ein Gerüst notwendig ist.

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