Wie das Kreuz zum Kult wurde

16. April 2017, 10:00
202 Postings

Warum auf Österreichs Spitzen, Kogeln und Kuppen ein Gipfelkreuz steht

Nicht jedem Alpinisten ist der Ort heilig. Wer im Winter einen Berg erklimmt, findet den höchsten Punkt mitunter gelb markiert vor. Ob es nun an starkem Wind oder schweren Beinen liegt: So manchem Skitourengeher sind ein paar Schritte der Anstrengung zu viel, um seine Notdurft an einer diskreteren Stelle zu verrichten.

Dabei ziert die heimische Bergeshöh' kein x-beliebiges Gebälk, das man(n) respektlos besprenkeln sollte. Dass die unzähligen Kreuze auf den Spitzen, Kogeln und Kuppen auf demselben religiösen Fundament fußen wie jene in den Kirchen, verrät schon ein alter Bergsteigerwitz: "Hätten s' den Jesus ertränkt, müsste auf jedem Gipfel ein Aquarium stehen."

Die Hinrichtung des Gelehrten Daphitas auf dem Berg Thorax in der heutigen Türkei: Diesem (unzuverlässig belegten) Ereignis zwei bis drei Jahrhunderte vor Christi Geburt verdankt die Menschheit die erste Erwähnung eines Kreuzes auf einer Anhöhe, berichtet der Salzburger Historiker Peter Danner. Doch erst als Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, jene Holzkonstruktion gefunden haben soll, auf die rund 300 Jahre zuvor Jesus von Nazareth genagelt worden war, entfachte sich in der christlichen Welt der bis heute florierende Kult ums Kreuz.

Im Dienste des Volksglaubens

Damit erwachte auch der Brauch, rechtwinkelig miteinander verbundene Balken in die Landschaft zu stellen, wobei sich religiöser Hintergrund mit profanen Motiven vermischte. Eroberer demonstrierten ihren Hoheitsanspruch, Pilger ihre Frömmigkeit. Kreuze erinnerten an Unglücke oder Wunder, dienten als Markierung von Wegen und Grenzen, aber auch als vermeintliche Schutzvorrichtungen, um Blitz, Hagel und Stürme abzuwehren.

Da Berge in vielen Kulturen seit Jahrtausenden als "Orte der Begegnung zwischen Göttern und Menschen" (Danner) gehandelt werden, bot sich dieser Standort im Dienste des Volksglaubens an.

Quellen des späten Mittelalters weisen Kreuze in Österreich etwa am Arlberg, am Grödner Joch oder am Semmering nach. Eine erste Gipfelkreuzwelle setzte mit dem religiös aufgeladenen Dreißigjährigen Krieg in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein, eine weitere mit der "Eroberung" der Berge durch den modernen Alpinismus Ende des 18. Jahrhunderts – die Vereinnahmung der Gipfel als triumphalistischer Akt. Besonders üppig sprießten Kreuze schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg: den Heimkehrern zum Dank, den Gefallenen zum Gedenken.

"Heute ist der Boom vorbei", sagt Peter Kapelari, der beim Alpenverein (AV) die Abteilung für Hütten, Wege und Kartografie leitet. Er macht kein Hehl daraus, dass ihm das ganz recht ist: "Wir wollen die Möblierung der Alpen hintanhalten. Die meisten Gipfel haben kein Kreuz notwendig."

Nachdem die Tourismusverbände die lokalen Aussichtsziele flächendeckend aufgeputzt haben, sind es heute vor allem noch Bergführer, Bergrettungen und AV-Sektionen, die zur Erinnerung an einen Kameraden oder ein Jubiläum dem Hausberg eine feierlichere Anmutung verpassen wollen.

Bremsen gegen Bekreuzigung

Doch auch Einzelpersonen setzten sich mitunter die Bekreuzigung des Lieblingsgipfels in den Kopf, erzählt Kapelari und erinnert sich an eine alte Witwe, die dem verstorbenen Gemahl auf diese Weise ein Denkmal setzen wollte: "Klären wir die Leute dann auf, welche Genehmigungen sie dafür brauchen, ist die Sache meistens schnell vorbei."

Wer ein Kreuz aufstellen will, muss die Auflagen der Naturschutzbehörde erfüllen, braucht eine Baugenehmigung der zuständigen Gemeinde und die Zustimmung des Grundeigentümers, in Österreichs Bergen oft die Bundesforste. Der Alpenverein hingegen ist nur fürs Beraten zuständig – oder besser: fürs Bremsen.

Viele Leute unterschätzten, welche Verantwortung sie damit übernehmen, sagt Kapelari, schließlich müsse die "Anlage" auch instandgehalten werden. Solange nichts passiert, könne man zwar auf das Motto "wo kein Kläger, da kein Richter" setzen. Doch wenn ein schlecht verankertes Kreuz umfällt, weil – wie schon vorgekommen ist – Kinder darauf herumgeturnt sind, "dann ist der Errichter haftbar".

"Verspargelung der Alpen"

Freilich liegt es nicht immer an Unfällen, Blitzschlägen oder Orkanen, wenn Kreuze in der Waagrechten landen. Vergangenen Sommer fielen in den bayrischen Alpen mehrere Exemplare Axtattacken zum Opfer. Der oder die Täter wurden, soweit bekannt, nicht gefasst.

Dass ein weltberühmter Höhenbergsteiger in Tatortnähe gesichtet wurde, ist nur ein bösartiges Gerücht. Er würde sich niemals an einem Gipfelkreuz vergehen, gab Reinhold Messner in der "Süddeutschen Zeitung" zu Protokoll, stellte aber auch klar, dass die "Verspargelung der Alpen" nicht in seinem Sinne sei.

Die Berge gehörten der ganzen Menschheit, argumentiert der Staralpinist, da habe die Demonstration einer bestimmten Weltanschauung nichts verloren: "Das Kreuz ist das christliche Symbol schlechthin, dieses gehört meiner Meinung nach nicht auf einen Gipfel."

Messner steht mit dieser Ansicht nicht allein da. Eine Schweizer Freidenker-Bewegung etwa produzierte ein paar Schlagzeilen, als sie den öffentlichen Raum – und damit auch die alpinen Höhen – von religiösen Zeichen befreien wollte.

"Kipferlsturm"

Eingebildet war hingegen ein Gipfelkreuzsturm, der hierzulande im Wahlkampf 2006 für Furore sorgte. Peter Westenthaler, damals Chef des mittlerweile fast schon verblichenen BZÖ, war einem gefälschten Briefwechsel aufgesessen, laut dem der Alpenverein eine islamische Sektion gründen und auf den Bergen Halbmonde errichten wolle.

Als der Politiker die Unterstellung aufrechterhielt, obwohl sich der Sachverhalt längst als Schwindel entpuppt hatte, klagten die angeblichen Verfasser, darunter der AV. Westenthaler verlor vor Gericht, Vertreter von Christen und Muslimen begruben die Affäre mit einem "Kipferlsturm" auf den Peilstein im Wienerwald.

Es mag Westenthaler nicht getröstet haben, doch zehn Jahre später prangte zumindest auf einem Gipfel tatsächlich ein Halbmond. Ein atheistischer Künstler aus dem Schweizer Kanton Appenzell wollte auf einem Berg namens Freiheit einen "Kontrast" setzen, der ebenso "absurd" sei wie die allgegenwärtige christliche Punzierung.

Ein paar (künstliche) Erregungen und ein behördlicher Einspruch später war die mit Solarstrom beleuchtete Skulptur auch schon wieder Geschichte – und die Alpen gehören, wie in all den Jahrhunderten zuvor, ausschließlich den Kreuzen. (Gerald John, 16.4.2017)

  • Der Morgenkogel in den Tuxer Alpen in Tirol bietet einen wunderbaren Rundumblick.
    foto: birgit eder

    Der Morgenkogel in den Tuxer Alpen in Tirol bietet einen wunderbaren Rundumblick.

Share if you care.