Nur jeder Vierte glaubt an die Existenz eines einzigen Gottes

14. April 2017, 17:10
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Nur neun Prozent der Österreicher und 13 Prozent der Österreicherinnen bezeichnen sich als religiös. 58 Prozent vertrauen auf Schutzengel

Wien – Die Österreicher glauben an übernatürliche Wesen – aber nicht im Sinne der Kirche. Das zeigt eine aktuelle Market-Umfrage für den STANDARD. Nur 28 Prozent glauben demnach an die Existenz eines einzelnen Gottes, und nur 21 Prozent an die Dreifaltigkeit. 58 Prozent sind hingegen von der Tätigkeit von Schutzengeln überzeugt. Die Hälfte der Befragten gehen allerdings von einem Leben nach dem Tod aus, aber nur 39 Prozent an eine unsterbliche Seele. Die Samplegröße betrug 412.

Unsere Volks- und Heimatsagen sind voll von der Vorstellung, dass es ein persönliches Böses gibt, einen Teufel, der die Menschen verführt, Böses zu tun. Alles ein Mythos: Nur acht Prozent der vom Linzer Market-Institut befragten Wahlberechtigten sagen, dass der Teufel die Menschen verführt, Böses zu tun.

foto: imago/matthias rietschel
35 Prozent sagen, dass sie glauben, dass Gott will, dass die Menschen Gutes tun.

35 Prozent sagen, dass sie glauben, dass Gott will, dass die Menschen Gutes tun, immerhin. Religiös sind die Österreicher nach eigenem Bekunden mehrheitlich nicht mehr. 26 Prozent sagen von sich, sie wären gar nicht religiös, weitere 34 Prozent sind es "eher nicht".

"Eher schon" religiös sind 33 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer; als "auf jeden Fall" religiös bezeichnen sich 13 Prozent der Frauen und neun Prozent der Männer.

Die heurige Oster-Umfrage für den STANDARD ging der Frage nach, was heutzutage in Österreich für sündhaft gehalten wird – wo also unabhängig von Strafbarkeit eine besondere moralische Verwerflichkeit angenommen wird. Stehlen steht ganz oben auf der Liste – wobei die Verwerflichkeit von religiösen Menschen deutlich stärker wahrgenommen wird als von den nicht Gläubigen.

Ganz unten in der Tabelle – und nur von jedem Fünfzigsten als verwerflich gesehen – sind Arbeit an Sonn- und Feiertagen, Glaubenswechsel oder Austritt aus der Kirche. Selbst religiöse Menschen sehen darin in überwältigender Mehrheit kein sündhaftes Verhalten. Ähnliches gilt für Sex unter Unverheirateten – das rangiert, wie die Grafik zeigt, in derselben Kategorie wie "Parksünden" und "Temposünden".

Dagegen gilt das Betrügen des Partners einer Mehrheit als Sünde. Wobei Market-Chef Werner Beutelmeyer relativiert: "Wir sehen auch hier, dass die religiöseren Menschen das Fremdgehen in einem höheren Maße als sündhaft empfinden als die nicht religiösen. Das muss man auch unter dem Aspekt sehen, dass mit der Religiosität auch der Begriff der Sünde auf dem Rückzug ist. In der Vorstellungswelt vieler Menschen ist das inzwischen gar keine Kategorie mehr."

Faulheit und Neid

Auch von den klassischen Todsünden sind etwa Faulheit und Wollust ganz weit unten auf der Skala – Neid, Geiz und Hochmut werden immerhin von mehr als jedem Vierten immer noch als sündhaft gesehen. Steuer-"Sünder" sind dagegen nur für 15 Prozent der Befragten moralisch betrachtet Sünder – hier sind es besonders die Sozialdemokraten, die unmoralisches Verhalten wahrnehmen.

Was sollte die Kirche in einer Welt tun, in der derartige Wertvorstellungen herrschen? Market fragte im Auftrag des STANDARD: "Welche dieser Aufgaben soll die katholische Kirche Ihrer Meinung nach vermehrt wahrnehmen, wo soll die Kirche weniger machen?" Man würde vermuten, dass die Kirche nun verstärkt ihre Werte vermitteln sollte. Aber nur 37 Prozent der Befragten (aber mehr als die Hälfte der Religiösen) meinen, die "Vermittlung von Werten, die nicht der Mode unterworfen sind", wäre nun etwas, was die Kirche stärker angehen sollte, zwölf Prozent empfehlen gar, diese Aktivitäten zurückzuschrauben.

Beutelmeyer: "Die Befragten sagen uns ganz klar, dass sie die Kernaufgabe der Kirche, die Menschen auf ein ewiges Leben vorzubereiten, einfach nicht wichtig nehmen. Nur jeder elfte von uns Befragte würde diese Aktivität verstärken, 22 Prozent sagen sogar, dass die Kirche diese spirituellen Aktivitäten reduzieren sollte. Und obwohl die Berichterstattung über Missbrauchsfälle zurückgegangen ist, sagen uns 73 Prozent, dass sie eine vermehrte Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen wünschen."

Keine politische Einmischung

Die Kernfrage zu Ostern ist, ob die Kirche die "Verkündung der Erlösung der Menschen durch Tod und Auferstehung Christi" verstärken sollte. Auch das wird nur von zehn Prozent der Befragten befürwortet, 22 Prozent lehnen es ab. Ganz starke Ablehnung (45 Prozent) gibt es zum Vorschlag, dass sich die Kirche bei aktuellen politischen Fragen zu Wort melden sollte, und zur im Evangelium festgehaltenen Aufgabe, die Menschheit zu missionieren.

Der STANDARD ließ vorschlagen, die Kirche könne "Zuwanderer mit anderem Glauben zur römisch-katholischen Kirche bekehren" – aber das wird von 43 Prozent abgelehnt, besonders deutlich von Wählern der Grünen und Sozialdemokraten. Aber auch unter den Anhängern der ÖVP und unter den erklärt religiösen Befragten steht eine relative Mehrheit von Missionierungsgegnern einer sehr kleinen Gruppe von Befürwortern gegenüber. Beinahe die Hälfte der Befragten hat dazu keine Meinung oder denkt, dass die Kirche da so zurückhaltend agieren sollte wie bisher.

Einsatz für Asylwerber

Beutelmeyer: "Es fällt insbesondere auf, dass der Kirche weltliche Aufgaben hoch angerechnet werden, also etwa der Einsatz für Benachteiligte im Inland. Auch wenn der Einsatz für Asylwerber viel weniger geschätzt wird, bekommt dieses Thema doch viel mehr Zustimmung als das Feiern von religiösen Feiertagen oder die Erziehung junger Menschen zu einem gottgefälligen Leben."

Market fragte schließlich, woran die Menschen in Österreich (befragt wurden aus methodischen Gründen ausschließlich Wahlberechtigte, weshalb Migranten ohne Staatsbürgerschaft nicht erfasst sind) glauben:

  • 60 Prozent meinen, dass auch Tiere eine Seele haben.
  • 50 Prozent glauben an Kraftorte, von denen eine überirdische Kraft ausgeht. Jedoch glauben nur 18 Prozent, dass Wallfahrten gut für das Seelenheil wären.
  • Ein Leben nach dem Tod erwartet sich ebenfalls jeder zweite Befragte – übrigens mit steigender Tendenz zu vergleichbaren Umfragen vom Beginn des Jahrzehnts. Dass es das nicht gibt, sagen ausdrücklich 21 Prozent.
  • Dass Menschen eine unsterbliche Seele haben, scheint dasselbe zu sein, ist es aber nach der Einschätzung der Befragten nicht – an eine unsterbliche menschliche Seele glauben nämlich nur 39 Prozent.
  • Die Hölle als Ort, wo die Menschen, die Böses tun, hinkommen, ist nur für vier Prozent vorstellbar, an das Fegefeuer glauben sechs Prozent.

Außerdem wollte Market wissen, an welche überirdischen Wesen die Menschen glauben. Da hat der dreifaltige Gott der christlichen Kirchen einen schlechten Stand – nur 21 Prozent glauben an ihn. Wobei dieser Glaube in der jungen Generation kaum noch vorhanden ist. Auch ist dieses christliche Gottesbild auf dem Land stärker verbreitet als in größeren, städtischen Gemeinden. Und selbst von den nach eigener Definition religiösen Befragten ist nur etwa die Hälfte von diesem dreieinigen Gott überzeugt.

Dass es einen einzigen Gott gibt (was das Mysterium der Dreifaltigkeit einschließt), glauben 28 Prozent. Weit überragt wird dieser Glaube aber durch den Glauben an Schutzengel (58 Prozent). Und immerhin jeder fünfzigste Befragte glaubt, dass es Vampire gibt. (Conrad Seidl, 14.4.2017)

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