"Eine Freundschaft ist viel Arbeit"

    Interview14. April 2017, 09:44
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    Freundschaften müssen gepflegt werden – das gilt auch für die Ultras. Fanforscher Jonas Gabler spricht im Interview über den Wert von Freundschaft, schwierige generationsübergreifende Bindungen und österreichische Vorbilder für deutsche Gruppen

    "Es ist eine schöne Abwechslung, dass ich einmal nicht über Gewalt reden muss." Jonas Gabler forscht zu organisierten Fanszenen, das mediale Interesse an seiner Arbeit ist in Deutschland vor allem nach gewalttätigen Auseinandersetzungen groß. Im ballesterer-Interview soll es nun um Freundschaften unter aktiven Fangruppen gehen – und doch lassen den Hertha-Anhänger auch bei diesem Thema die Rivalitäten nicht ganz los, immer wieder betont er, welchen Einfluss sie auf Freunde haben können.

    ballesterer: Warum gibt es überhaupt Fanfreundschaften?

    Jonas Gabler: Das liegt gewissermaßen auf der Hand, weil sich Fußballfans sehr ähnlich sind. Oft ist bis auf die unterschiedlichen Farben und Symbole alles andere austauschbar. Wenn es keine Rivalität zwischen den betreffenden Vereinen und Gruppen gibt, merken die Fans das auch. Außerdem sind Fußballfans sehr reisefreudig, sie fahren alle zwei Wochen auswärts. Bei vielen sorgt das für eine gewisse Offenheit und ein Interesse an anderen Gruppen. Durch diesen Austausch erfahren sie, wie Fußball anderswo gelebt wird oder wie andere Fans mit ähnlichen Problemen umgehen.

    Worüber tauschen sich die Fangruppen denn aus?

    Gabler: Früher hat man sich darüber unterhalten, wie man zu schwer erreichbaren Plätzen und Stadien kommt, heute geht es auch um den Umgang mit polizeilicher Repression. In diesem Kontakt wird ja deutlich, wie viele Überschneidungspunkte es zwischen Fangruppen gibt – und manchmal entsteht daraus eine Freundschaft. Bei Verbrüderungen zwischen Ultragruppen kommt auch eine eigene kulturelle Praxis dazu. Da gehört es zum guten Ton, Freunde zu haben und das zu zelebrieren: sich gegenseitig einladen, Geschenke überreichen, die Zaunfahne in der befreundeten Kurve aufhängen.

    Sind diese vergleichsweise jungen Freundschaften zwischen Ultras anders als frühere Freundschaften unter Fangruppen?

    Gabler: Die Rahmenbedingungen sind heute ganz andere. Man kann sich im Internet relativ leicht über andere Kurven informieren, auch das Groundhopping ist sehr viel weiter verbreitet als vor 30 Jahren. Meine Vermutung wäre zudem, dass der Alkohol früher eine sehr viel größere Rolle gespielt hat. Dazu passt die Geschichte über die Entstehung der Freundschaft zwischen der Hertha und dem Karlsruher SC Mitte der 1970er Jahre. Die Hertha-Fans sind mit dem Interzonenzug von Westberlin nach Karlsruhe gefahren und haben erwartet, dass sie dort am Bahnhof von Schlägern empfangen werden. Stattdessen haben sie einige KSC-Fans erwartet und gesagt: "Herzlich willkommen, wollt ihr mit uns einen trinken gehen?"

    Heute zelebrieren auch Ultras eine betont zuvorkommende Gastfreundschaft.

    Gabler: Ja, ich vermute, diese Freundschaften sind davon inspiriert, was die Ultras bei Besuchen in Italien erlebt haben. Anders als in Deutschland ist es dort völlig selbstverständlich, dass man auf Essen und Trinken eingeladen wird und sich die Gastgeber ein Programm überlegen, also durch die Stadt führen und ähnliches.

    In Deutschland gibt es viele alte Freundschaften aus den 1980er Jahren, mit denen die Ultras womöglich gar nichts mehr anfangen können. Ist das ein Problem?

    Gabler: Das ist unterschiedlich. Bei einigen Freundschaften haben sich die Ultras bemüht, diese Tradition zu wahren, den Kontakt aufrechtzuerhalten oder zu erneuern. Dass die "Ultras Nürnberg" und die "Ultras Gelsenkirchen" so gut befreundet sind, ist dafür ein schönes Beispiel. Da hat die alte Kuttenfreundschaft auch in der Generation der Ultras überlebt. Aber das ist nicht überall der Fall. Die Freundschaft zwischen 1860 München und dem 1. FC Kaiserslautern besteht heute in dieser Form nicht mehr.

    Gibt es denn auch Freundschaften, die ihre Wurzeln anderswo haben – beispielsweise in politischer Nähe?

    Gabler: Eine Ähnlichkeit in der politischen Weltanschauung hilft natürlich, eine Freundschaft aufzubauen. Genauso gibt es viele Freundschaften, die nicht zustande gekommen sind oder wieder aufgekündigt wurden, weil es unterschiedliche politische Vorstellungen gegeben hat – vermutlich hat das zum Beispiel beim Versanden der Kontakte zwischen Stuttgart und Cottbus eine Rolle gespielt. Aber mindestens genauso wichtig ist das Interesse an anderen Fußballkulturen. Hier ist die Freundschaft zwischen Chemie Leipzig und Eintracht Frankfurt ein gutes Beispiel. Die Chemie-Fans, die ja eigentlich in der fünften Liga zu Hause sind, haben so auch die Möglichkeit, in großen Kurven zu singen und manchmal sogar zu Europacupspielen zu fahren. Auf der anderen Seite ist es für die Frankfurter interessant, sich anzusehen, wie es weiter unten zugeht. Außerdem ist Chemie ein Verein, der von den Fans neu gegründet worden ist.

    Es gibt auch viele deutsch-österreichische Fanfreundschaften. Was motiviert deutsche Gruppen, sich Freunde in Österreich zu suchen?

    Gabler: Gerade in der Anfangszeit der deutschen Ultrabewegung hat es ein Interesse daran gegeben, möglichst viele Freundschaften in möglichst vielen Ländern zu haben. Das war eine ganz wichtige Inspirationsquelle. Außerdem gibt es in Österreich die Ultrakultur länger als in Deutschland. Die "Verrückten Köpfe" in Innsbruck und die "Ultras Rapid" sind älter als alle deutschen Ultragruppen. Da haben sie sicher viel lernen können.

    Was macht denn eine Freundschaft abgesehen von den gegenseitigen Matchbesuchen aus?

    Gabler: Die Besuche sind zentral. Da spielt die symbolische Ebene eine sehr wichtige Rolle: Wenn die Zaunfahne des Gastes über die eigene gehängt wird, wenn der Vorsänger sagt, dass Freunde angereist sind und dann gemeinsame Lieder skandiert werden. Daneben gibt es immer auch die Einladungen zu anderen Anlässen wie zu Feierlichkeiten und Turnieren. Meistens überreichen sich die Gruppen gegenseitig Geschenke, wodurch die Freundschaft dokumentiert und bestärkt werden soll. Diese Besuche dauern auch länger als nur einen Matchtag, meistens geht das über ein ganzes Wochenende.

    Bei aller Freundschaftspflege lösen sich Verbindungen auch immer wieder auf. Woran liegt das?

    Gabler: Grundsätzlich ist es sehr viel leichter, Rivalitäten aufzubauen als Freundschaften, die oft total fragil sind. So eine Fanfreundschaft muss ja immer von der ganzen Kurve getragen werden. Wenn sich dann plötzlich auch nur ein kleiner Teil nicht daran hält, kann es auch schon wieder vorbei sein. Wenn es da nicht gelingt, den Freunden klarzumachen, dass sich nur Einzelpersonen nicht an die Abmachungen gehalten haben, kann aus freundschaftlichen Gefühlen ganz schnell eine Abneigung werden.

    In einer Fankurve mit mehreren Gruppen und vielen unterschiedlichen Menschen erscheint das schwierig.

    Gabler: Ja, man muss sich da nur die Hertha anschauen. Da gibt es Rivalitäten mit Cottbus, Frankfurt, Schalke, Stuttgart und Union, und eine Freundschaft mit dem Karlsruher SC. Aber wenn man in der Kurve nachfragt, ist die Gewichtung total unterschiedlich. Da werden manche ältere Fans sagen: "Frankfurt und Stuttgart sind mir eigentlich egal, Schalke hasse ich über alles, und Union finde ich sogar ganz cool." Und ein Jüngerer erklärt dir dann vielleicht: "Union ist das Allerletzte, und Schalke ist zwar unser Feind, aber mir eigentlich relativ egal." Auch in den Ultragruppen wird das oft ganz unterschiedlich bewertet, auch dort werden die Rivalitäten und Freundschaften auf verschiedenen Levels gelebt.

    Wie schätzt die Polizei diese Freundschaften ein? Ist sie bei Spielen zwischen Freunden weniger präsent?

    Gabler: Es gibt im Vorfeld der Spiele immer eine Risikobewertung der Behörden, und da spielt das eine Rolle. Im Regelfall weiß die Polizei auch sehr genau, zwischen welchen Kurven Kontakte oder sogar Freundschaften bestehen. Bei Rivalitäten gilt das Gleiche. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Die Polizei weiß, dass es zwischen der Eintracht aus Frankfurt und der Hertha eine Rivalität gibt. Die kommt ursprünglich daher, dass Eintracht-Fans einen Konflikt mit Anhängern des Karlsruher SC, also Freunden der Hertha, hatten. Ich weiß nicht, ob die Polizei alle Hintergründe dieser Geschichte kennt, aber sie weiß, dass es knallen könnte. (Moritz Ablinger & Benjamin Schacherl, 14.4.2017)

    Jonas Gabler (35) arbeitet als Politikwissenschaftler bei der Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit in Hannover und Berlin. Er ist Autor mehrerer Bücher über die Ultrakultur, darunter "Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland".

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