Elterntaxi oder zu Fuß: Wie Kinder die Welt sehen

    Ansichtssache14. April 2017, 10:00
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    Kinder, die von ihren Eltern in die Schule gefahren werden, nehmen ihre Umwelt anders wahr als Kinder, die zu Fuß gehen. Das zeigen Schulweg-Zeichnungen eindrücklich

    Kinder, die von ihren Eltern in die Schule gefahren werden, nehmen ihre Umwelt anders wahr als Kinder, die zu Fuß gehen. Das zeigen Schulweg-Zeichnungen eindrücklich

    "Wer den Schulweg verpasst, der verpasst das halbe Leben", sagt der Schweizer Erziehungswissenschafter und Kunsthistoriker Marco Hüttenmoser. Er betreibt die Forschungs- und Dokumentationsstelle "Kind und Umwelt" und ließ Kinder aus der ganzen Schweiz zeichnen, wie sie ihren Schulweg wahrnehmen. Kinder, die von den Eltern mit dem Auto zur Schule gefahren werden; und Kinder, die den Weg eigenständig zurücklegen. Der Unterschied ist überdeutlich: Mädchen und Buben, die selbst gehen, nehmen die Welt völlig anders wahr als Kinder, die ihre Umwelt aus der geschützten Perspektive des "Elterntaxis" heraus wahrnehmen.

    So hinterlasse die Fahrt im Auto im Gegensatz zum Zu-Fuß-Gehen kaum Schulwegerlebnisse, schreibt Hüttenmoser: "Bei den Kindern, die mit dem Auto gefahren werden, bleibt in den Zeichnungen der Weg weitgehend leer." Oder sie machen deutlich, "dass das Leben der Kinder dort beginnt, wo man aussteigt". Bleibt bei manchen im Auto chauffierten Kindern nur das grau in grau der Straße vom Schulweg in Erinnerung, prägen sich bei anderen "Elterntaxi-Kandidaten" immerhin einzelne Stationen auf dem Weg ein – etwa das eigene Haus und die Schule, ein Kreisverkehr oder eine Ampel.

    Die Zeit ausklammern

    "Andere im Auto gefahrene Kinder wiederum klammern die Zeit, die sie im Auto verbringen, ganz aus, indem sie das Wohnhaus und die Schule gleich nebeneinanderstellen", analysiert Hüttenmoser. Dazwischen habe nur das Transportfahrzeug Platz. Vergleichsweise bunt und farbenfroh sind dagegen die Bilder jener Kinder, die zu Fuß in die Schule gehen. "Sie machen deutlich, dass der Schulweg ein sehr wichtiger Weg ist, um sich in unsere Welt, unsere Gesellschaft zu integrieren."

    Hüttenmoser geht es mit seinem Projekt aber keineswegs darum, alle Eltern anzuprangern, die ihre Kinder mit dem Auto fahren. "Es gibt wichtige Gründe, die Eltern dazu zwingen, ihre Kinder mit dem Auto in den Kindergarten und die Schule zu fahren – allen voran der motorisierte Straßenverkehr." Es ist an Politik und Behörden, den öffentlichen Raum so zu gestalten, dass ihn Kinder gefahrlos und auf eigene Faust erfahren können. (lima, 14.4.2017)

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    foto: hüttenmoser
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