Geduldsprobe: Einen Infekt aussitzen

16. April 2017, 09:00
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Husten, Schnupfen, Müdigkeit: Wie es ist, einen Infekt im Frühling auszutragen und ihn auch nach Wochen noch immer nicht mit einem Antibiotikum zu traktieren

Ende Februar dachte ich, ich hätte es dieses Jahr ohne gröbere Verkühlung geschafft. Nur ein Mal ein kapitaler Schnupfen, sonst nichts. Die Freude war zu früh. Mitte März war da plötzlich dieser rasselnde Husten. Gelegentlich nur, und nicht wirklich quälend. Müdigkeit ja, aber keine erhöhte Temperatur. Und klar legt man sich nicht ins Bett, wenn man gerade so richtig viel zu tun hat.

Den Mann, der nachts neben mir schläft, den habe ich angesteckt. Bald husteten wir um die Wette, verbrachten niedergeschlagene Wochenenden im Bett und fühlten uns in den ersten sonnigen Frühlingstagen wie im Jammertal.

Mit all meinem medizinischen Halbwissen wusste ich eines: Antibiotika schlucken, das sollte die letzte Option sein. Wir werden diesen Infekt also aushalten. Schonung, Hühnersuppe literweise, mit Salzwasser inhalieren: Wir waren vorbildliche Patienten. Nach einer Woche hörte es aber nicht auf, ging weiter. Vor allem der Husten meines Mannes war unerbittlich, während ich mich gleichbleibend mies fühlte, ging es ihm immer schlechter. Nachts nicht mehr schlafen können, Husten bis zur Kotzgrenze, jeden und jeden Tag wieder. Nach zwei Wochen war irgendwie klar, das kann nicht nur ein harmloses Virus sein.

Zwei Menschen, zwei Verläufe

Die Hausärztin verschrieb meinem Mann Antibiotika, das Gespräch bei ihr dauerte keine Minute. Er solle noch ein paar Tage warten, und sie nehmen, sollte es nicht besser werden. Es wurde nicht besser. Er schluckte die erste Kapsel. Ich blieb dabei: Diesen Infekt wollte ich aussitzen.

Sechs Stunden nach der ersten Einnahme des Antibiotikums wurde der Husten lockerer, die Nacht verlief im Gegensatz zu allen vorigen ruhig und hustenfrei. Wieder schlafen, ein Labsal. Er stand wie Phönix aus der Asche auf. Und nach fünf Tagen war er gesund.

Ich nicht, ich fühle mich immer noch schlecht. Aus dem Husten wurde Halsweh, dann ein widerlicher Schnupfen mit grausigem Rotz. Es fühlte sich an, als ob mir das nun lebenslänglich bliebe. Jeden Morgen wieder so, als ob mir einer mit einer Pfanne über den Schädel geschlagen hätte. Mein Stolz, kein Antibiotikum genommen zu haben, hält sich in Grenzen.

Gut für künftige Abwehr

Denn die Erkenntnis dieser Geschichte: Antibiotika können richtige Wundermittel sein. Beim nächsten Infekt wird sich die Entscheidung erneut aufdrängen: Tabletten schlucken oder abwarten. Ich kann verstehen, warum Menschen viel zu rasch zu Medikamenten greifen, nicht an die Resistenzen denken, die in nicht allzu ferner Zukunft ein Riesenproblem sein werden.

Was mich tröstet ist eine Weisheit der traditionellen chinesischen Medizin. Dort, sagt man, dass so ein Infekt deshalb auch gar nicht so schlecht ist, weil er das Immunsystem fordert und es wieder wachsam gegen andere Keime macht. Es sei nämlich ganz unnatürlich, nie krank zu sein. Auch Krankheit ist zu irgendetwas gut. Diese Idee hilft mir gerade, beim Husten, Rotzen und Müdesein. (Karin Pollack, 16.4.2017)

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Auch wir Gesundheitsredakteure des STANDARD sind immer wieder mal krank. Und wir würden gerne gesünder, fitter und krankheitspräventiver leben. Was wir für unser eigenes Wohlbefinden ausprobieren, was wir im Dschungel unseres Gesundheitssystems alles erleben und was wir tun, wenn es uns selbst dreckig geht, beschreiben wir hier – als Otto Normalverbraucher, sozusagen. Und Achtung: Misery loves company – wir freuen uns über Tipps, Tricks und Resonanz.

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  • Karin Pollack beschäftigt sich von Berufs wegen mit Gesundheit. Manchmal hört sie Krankengeschichten und erfährt, wie es Patienten in Wirklichkeit geht.
    foto: rawicka/istockphoto

    Karin Pollack beschäftigt sich von Berufs wegen mit Gesundheit. Manchmal hört sie Krankengeschichten und erfährt, wie es Patienten in Wirklichkeit geht.

  • Infekte zu zweit austragen macht die Krankheit nicht besser, eher im Gegenteil.
    foto: istockphoto

    Infekte zu zweit austragen macht die Krankheit nicht besser, eher im Gegenteil.

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