Festgenommener offenbar IS-Mitglied, aber nicht am Anschlag beteiligt

14. April 2017, 19:21
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Bekennerschreiben wohl gefälscht – Täter weiterhin unbekannt – Debatte um Nachholspiel

Dortmund – Die Hoffnung auf einen schnellen Fahndungserfolg nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund hat sich zerschlagen: Zwar erließ der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen einen festgenommenen Iraker wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), für eine Tatbeteiligung fanden sich aber keine Belege.

Wie der Generalbundesanwalt in Karlsruhe am Donnerstag mitteilte, soll sich der kurz nach dem Anschlag festgenommene 26-jährige Abdul Beset A. spätestens Ende 2014 im Irak dem IS angeschlossen haben. Er habe dort das Kommando über eine rund zehnköpfige Einheit geführt. Aufgabe dieser Einheit sei es gewesen, "Entführungen, Verschleppungen, Erpressungen und auch Tötungen vorzubereiten". Auch habe er selbst gekämpft.

Im Jahr 2015 sei A. in die Türkei ausgereist und von dort aus Anfang 2016 weiter nach Deutschland. Von Deutschland aus habe der Beschuldigte weiterhin Kontakte zu IS-Mitgliedern unterhalten.

Bekennerschreiben wohl gefälscht

Die am Ort des Anschlags auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund gefundenen Bekennerschreiben führen nach Einschätzung der Ermittler wahrscheinlich bewusst in die Irre. Eine islamwissenschaftliche Untersuchung habe "erhebliche Zweifel" daran ergeben, "dass das Papier von radikalen Islamisten verfasst" worden sei, berichteten NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" am Freitag.

Der oder die Verfasser hätten eine radikalislamische Motivation möglicherweise nur vorgetäuscht. Das von den Ermittlungsbehörden in Auftrag gegebene Gutachten nennt den Berichten zufolge mehrere Gründe für die Zweifel. So sei der Sprachgebrauch untypisch, und es fehlten Symbole der Jihadistenmiliz IS. Zudem seien nach IS-Anschlägen noch nie Bekennerschreiben am Tatort gefunden worden.

Stutzig mache die Experten auch das Ende des Textes. Dort wird der Abzug von Tornado-Kampfflugzeugen der Bundeswehr aus Syrien und die Schließung des US-Luftwaffenstützpunktes Ramstein gefordert – derartige Forderungen seien für den IS untypisch.

Drei Sprengsätze

Am Dienstagabend waren in Dortmund drei Sprengsätze in der Nähe des Mannschaftsbusses des Fußball-Bundesligisten explodiert, als sich die Spieler auf dem Weg zu der Champions-League-Partie gegen den AS Monaco befanden. Dabei wurden der Dortmunder Fußballer Marc Bartra und ein Polizist verletzt. Neben A. hatte die Bundesanwaltschaft zeitweise einen zweiten Verdächtigen ins Visier genommen, der aber offenbar mangels Tatverdachts auf freiem Fuß blieb. Bei diesem Mann soll es sich um einen 28-jährigen Deutschen aus dem nordrhein-westfälischen Kreis Unna handeln.

Dem von der ARD veröffentlichten "Deutschlandtrend" zufolge bleiben die meisten Deutschen trotz des rätselhaften Falls gelassen. 82 Prozent der Befragten fühlen sich alles in allem eher sicher. Außerdem halten 56 Prozent der Menschen Deutschland gegen terroristische Angriffe für gut geschützt.

Auch wenn sich nur 17 Prozent eher unsicher fühlen, halten allerdings 42 Prozent den Schutz für unzureichend. Ebenfalls 42 Prozent gaben bei der am Mittwoch vorgenommenen repräsentativen Befragung an, in ihrem Alltag verstärkt auf verdächtig aussehende Menschen und Gegenstände zu achten.

Derweil wurden nach dem Dortmunder Attentat in der CDU Forderungen nach einem neuen Sicherheitskonzept für große Fußballspiele laut. "Angesichts des Anschlags von Dortmund werden die Sicherheitsbehörden ihren Fokus für den Schutz großer Fußballspiele weiter fassen müssen", sagte der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Ansgar Heveling (CDU), der "Rheinischen Post" vom Donnerstag.

Bisher stünden eher die Menschenmengen im Stadion im Zentrum der Aufmerksamkeit, hob Heveling hervor. Offensichtlich müssten aber auch die Routen der Spieler und das gesamte Umfeld stärker in die Sicherheit einbezogen werden. "Wenn es sich bewahrheiten sollte, dass in Dortmund ein islamistischer Anschlag verübt wurde, dann stehen wir vor einer neuen Qualität des Terrors, weil mit der BVB-Mannschaft eine konkrete Gruppe das Anschlagsziel war." (APA, 14.4.2017)

  • Auf einen BVB-Mannschaftsbus wurde am Dienstagabend eine Sprengstoffanschlag verübt.
    foto: apa/dpa/marius becker

    Auf einen BVB-Mannschaftsbus wurde am Dienstagabend eine Sprengstoffanschlag verübt.

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