"Wir wurden wie Tiere behandelt und nicht wie Menschen"

Video13. April 2017, 09:00
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Dortmunds Spieler und ihr Trainer kritisieren die UEFA für Spielansetzung und erhalten Unterstützung von Klopp und Kovac. DFB-Sicherheitschef verteidigt Entscheidung

Dortmund – Borussia Dortmunds Trainer Thomas Tuchel hat die schnelle Wiederansetzung des Champions-League-Spiels gegen den AS Monaco nur einen Tag nach der Terrorattacke auf den BVB-Mannschaftsbus kritisiert und dabei Unterstützung von Liverpool-Coach Jürgen Klopp und Frankfurts Trainer Niko Kovac erhalten. "Wir hätten uns mehr Zeit gewünscht, damit umzugehen", sagte der Coach am Mittwochabend kurz vor dem Anpfiff im TV-Sender "Sky".

Tuchel kritisierte die Europäische Fußball-Union (UEFA). In Nyon sei entschieden worden, "ohne dass das Ausmaß irgendwie klar war". Es sei "ein etwas ohnmächtiges Gefühl", meinte der 43-Jährige. Man müsse vor allem den Spielern zugestehen, "mit einem mulmigen Gefühl in den Bus zu steigen". Mit der Anstoßzeit (18.45 Uhr) und der Vorgeschichte fühle sich der Mittwoch nicht wie ein Champions-League-Feiertag an. Dortmund verlor das Match am Donnerstagabend gegen den AS Monaco mit 2:3.

borussia dortmund
Trainer Tuchel bei der Pressekonferenz.

Klopp und Kovac solidarisch

Auch der frühere BVB-Trainer Jürgen Klopp hat die Entscheidung der UEFA kritisiert. "Ich bin mir ziemlich sicher, wenn einer der Leute, die das entschieden haben, im Bus gesessen hätte, hätten sie die Partie nicht gespielt", sagte Klopp am Donnerstag. "Wenn man nicht im Bus sitzt, kann man sich sicher nicht genau vorstellen, wie das war." Sein Ex-Verein habe sich trotzdem hervorragend verhalten. "Ich hab' das Spiel gesehen und war sehr stolz auf Borussia Dortmund", lobte Klopp, "wie sie damit umgegangen sind und was für eine Atmosphäre sie erzeugt haben".

Der Coach räumte allerdings ein, er könne beide Seiten verstehen. "Es war zuerst mal schwierig, im engen Spielplan ein Ausweichdatum zu finden. Wann soll man die Partie spielen?", gab der 49-jährige Deutsche zu bedenken. "Aber ich denke, jeder hätte Verständnis gehabt, wenn man gesagt hätte: 'Okay, wir spielen nicht, wir finden nächste Woche eine Lösung.'"

"Es ist schon paradox, wenn man als Fußballer keine Zeit mehr hat, um solche Dinge als Mensch zu verarbeiten", sagte Kovac. "Es geht immer weiter und immer höher und immer schneller", betonte der ehemalige Salzburg-Spieler und -Betreuer.

Ermittlungen in alle Richtungen

Am Dienstag waren kurz vor dem ursprünglich angesetzten Spiel drei Sprengsätze nahe des Dortmund-Buses explodiert. Dortmunds Abwehrspieler Marc Bartra wurde schwer an Hand und Arm verletzt und operiert. An seiner Stelle begann gegen Monaco Sven Bender. Ein Polizist erlitt ein Knalltrauma und einen Schock. Die Ermittler gehen von einem gezielten Angriff aus. Am Mittwoch wurde ein mutmaßlicher Islamist im Zusammenhang mit dem Anschlag vorläufig festgenommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt aber weiterhin in alle Richtungen.

Spielern freigestellt, ob sie spielen wollen

Tuchel hatte den Spielern freigestellt, am Mittwochabend zu spielen. "Das gebietet der normale Menschenverstand und der Umgang zwischen uns", sagte der Trainer. Es sei aber niemand zu ihm gekommen. Es habe nicht mit Professionalismus zu tun, dass sie spielen würden. "Das, was uns gestern widerfahren ist, ist uns als Menschen widerfahren", sagte Tuchel. "Und das steckt uns allen in den Knochen."

Dortmunds griechischer Verteidiger Sokratis, der sich nach dem Spiel mit Tränen in den Augen bei den Fans bedankte, sagte: "Wir wurden wie Tiere behandelt und nicht wie Menschen."

Nuri Sahins bewegendes Interview.

Nuri Sahin sprach nach dem Spiel in norwegische TV-Kameras: "Ich weiß nicht, ob das die Leute verstehen können, aber bis ich in der zweiten Halbzeit auf dem Platz war, habe ich nicht an Fußball gedacht." Sahin war in der Pause eingewechselt worden. "Ich weiß, dass der Fußball wichtig ist. Und ich weiß, dass wir sehr viel Geld verdienen, ein privilegiertes Leben haben. Aber wir sind auch nur Menschen, und es gibt sehr viel mehr als Fußball auf dieser Welt. Das haben wir vergangene Nacht gefühlt."

DFB-Sicherheitschef Spahn verteidigt Entscheidung

Der künftige Sicherheitschef des Fußball-Weltverbandes FIFA hält die Ansetzung des Spiels für richtig. "Wenn wir einknicken, machen wir genau das, was diese Kriminellen wollen", sagte der Deutsche Helmut Spahn, der ab dem 2. Mai FIFA-Sicherheitschef wird, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Donnerstag).

Nach einer Attacke wie auf den BVB-Mannschaftsbus am Dienstag müsse aber abgewägt werden. "Wenn es Tote gegeben hätte, hätte natürlich kein Spiel stattgefunden", versicherte der Sicherheitschef der WM 2006 in Deutschland.

Die Dortmunder hatten am Mittwoch das nach dem Anschlag um einen Tag verlegte Viertelfinalhinspiel gegen AS Monaco mit 2:3 verloren. Bei den Sicherheitsstandards sei der deutsche Fußball führend. "Wenn dann trotzdem zum Beispiel Pyrotechnik eingeschmuggelt wird, liegt natürlich die Vermutung nahe, es könnten auch mal andere Stoffe sein", meinte Spahn. "Mit diesem Restrisiko, das man so weit wie möglich minimieren muss, muss man aber leben – oder es wird keine Fußballspiele mehr geben."

Spahn arbeitete nach der WM 2006 fünf Jahre für den Deutschen Fußball-Bund (DFB). 2011 wurde er Direktor des Internationalen Zentrums für Sicherheit im Sport in Katar, wo der Steirer Heinz Palme als sein Stellvertreter fungierte. (APA, red, 13.4.2017)

  • Dortmund Trainer Tuchel hatte gern mehr Zeit gehabt, um den Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus zu verarbeiten.
    foto: afp photo / patrik stollarz

    Dortmund Trainer Tuchel hatte gern mehr Zeit gehabt, um den Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus zu verarbeiten.

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