Ist eine neue Domestikation des Wolfs im Gange?

14. April 2017, 17:35
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Die Nähe zum Menschen verändert zunehmend die Lebensweise heutiger Wölfe. Biologen diskutieren, ob auch genetische Veränderungen zu erwarten sind

Melbourne – Klar ist: Der Hund ist seit Jahrtausenden ein Begleiter des Menschen. Seit wann genau, ist nicht abschließend geklärt – und dürfte auch nicht einheitlich beantwortbar sein: Genetische Studien der vergangenen Jahre deuten darauf hin, dass sich Wolfs- und Hundegenom vor 35.000 Jahren im westlichen Eurasien getrennt haben. Die meisten heutigen Hunde gehen allerdings auf eine zweite, spätere Domestizierung in Südostasien zurück.

Der Wolf wurde demnach also zumindest zweimal domestiziert. Doch ist damit Schluss? Forscher um Thomas Newsome von der Deakin University in Melbourne untersuchen seit Jahren, welche Auswirkungen das Leben und vor allem die Nahrungsangebote in der Nähe von Menschen auf Raubtiere haben. Asiatische Löwen im Gir-Nationalpark in Indien etwa, die sich nahezu ausschließlich von landwirtschaftlichen Viehbeständen ernähren, sind Menschen gegenüber deutlich weniger aggressiv als andere Artgenossen.

Auch eine Dingo-Population in der australischen Tanamiwüste, die größtenteils von menschlichen Abfällen lebt, ist freundlicher zu Menschen, Hunden gegenüber regelrecht umgänglich. Vor allem weisen diese Dingos bereits genetische Unterschiede zu anderen Populationen auf – ein erster Schritt in Richtung neue Spezies.

Angepasster Speiseplan

Und Wölfe? Im Durchschnitt würden bereits 32 Prozent der Nahrung heutiger Wolfspopulationen auf den Menschen zurückgehen, sagt Newsome. Wölfe in Griechenland ernähren sich demnach vorwiegend von Schweinen, Ziegen und Schafen, in Spanien von Pferden und anderem Vieh. Auf dem Speiseplan iranischer Wölfe stehen hingegen Hühner, Ziegen und Abfälle. "Wir gehen davon aus, dass sich diese Wölfe langfristig verändern werden", so Newsome.

Wie der Biologe mit Kollegen im Fachblatt "Bioscience" schreibt, könnte die an den Menschen angepasste Ernährungsweise die Sozialstruktur und Größe von Rudeln ebenso beeinflussen wie die Scheu vor Menschen und das Verhalten gegenüber Hunden. Die Forscher vermuten, das die Herausbildung von genetischen Unterschiede zu herkömmlich jagenden Wölfen nur eine Frage der Zeit ist. "Wenn die Abhängigkeit der Wölfe von anthropogenen Lebensmitteln weiter zunimmt, ist zu erwarten, dass Veränderungen der genetischen Struktur auftreten, die in eine neue Spezies münden könnten."

Neue Schutzmaßnahmen

Ist also gerade eine weitere Domestikation des Wolfs im Gange? Nicht alle Experten sind dieser Ansicht. Der Biologe und Genetiker Robert Wayne von der University of California in Los Angeles meldete in "Science" Zweifel an: "Ich glaube nicht, dass wir Wölfe domestizieren, die menschliche Nahrung fressen – diese Lebensweise wird sie eher umbringen." Anders als die erwähnten Dingos, die auf einem kleinen Gebiet leben, würden Wölfe nach wie vor große Territorien durchwandern. "Das macht genetische Isolation unwahrscheinlicher."

Newsome will seine Theorie nun an Wölfen im US-Bundesstaat Washington näher untersuchen. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Wolfspopulationen gezielter vor menschlichen Einflüssen zu schützen: Denn was es letztlich brauche, seien keine neuen Hunde, sondern die Erhaltung der Wölfe. (dare, 14.4.2017)

  • Der Wolf ist dem Menschen ein Hund – oder so.
    foto: ap/gary kramer

    Der Wolf ist dem Menschen ein Hund – oder so.

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