Ägypten: Journalisten kämpfen um Vertrauen

17. April 2017, 11:00
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Medienvertreter zur Lage: Der ehrenwerte Bürger kritisiert nicht, er hat keine eigene Meinung

Der ehrenwerte Bürger kritisiert nicht, er hat keine eigene Meinung. Er vertraut dem Regime – nicht den Medien.

Es ist nicht lange her, da herrschte Ausnahmezustand in Ägypten. Millionen Menschen versammelten sich im ganzen Land um gegen den Langzeit Diktator Hosni Mubarak zu demonstrieren. Die Straßen wurden ein Symbol des Widerstandes, heute traut sich kaum mehr jemand seine Meinung öffentlich zu sagen.

Der derzeitige ägyptische Diktator Abdelfattah al-Sisi hält nichts von der freien Meinungsäußerung. Viele Medien schlossen sich nach dem Putsch dem Militärregime an. Die Gesellschaft hat das Vertrauen in Journalisten längst verloren. Sogar in unabhängige und regimekritische Medien.

Ehrenwerte Bürger

Declan Walsh ist einer von ihnen. Der Büroleiter der "New York Times" in Kairo erklärt beim International Journalism Festival im italienischen Perugia, wie es um den Journalismus in Ägypten steht. Die Bürger seien misstrauisch, Regimekritiker würden denunziert werden und eine Meinungsumfrage nach westlichem Vorbild sei beinahe unmöglich. "Ich nenne sie (ägyptische Bürger, Anm.) die honorable Citizens", sagt Walsh.

Walsh kommt ursprünglich aus Irland. Als internationaler Journalist habe er es im Gegensatz zu seinen ägyptischen Kollegen verhältnismäßig einfach. Verhaftungen von Journalisten sind im autokratischen Regime keine Seltenheit. Aber das ist nicht das einzige Problem.

foto: masamasr.com / screenshot
Die ägyptische Nachrichtenseite Mada Masr.

Es scheint als würde man den Leuten aktiv das Vertrauen zu Medien nehmen, meint Lina Attalah von der ägyptischen Nachrichten-Webseite Mada Masr. Die Lage in Kairo sei nicht einfach für sie und ihre Kollegen. Aufgrund der Verhaftungen haben laut Attalah viele Journalisten wegen Paranoia und Angst ihre Arbeit aufgeben. "Ohne die Unterstützung von meinem Team wäre es nur schwer möglich, hier meiner Arbeit nachzugehen", so die ägyptische Journalistin.

Derzeit ist keine Besserung in Sicht. Die US-Regierung unter Donald Trump pflegt ein gutes Verhältnis zum ägyptischen Machthaber al-Sisi. Die Journalisten wollen jedenfalls nicht Aufgeben. Es geht ihnen darum, das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. (Madeleine Gromann, 17.4.2017)

Das Video von der Diskussion "Doing Journalism in Egypt: From the Arab Spring to El-Sisi" beim Journalismusfestival 2017 in Perugia:

international journalism festival
Auf dem Podium: Lina Attalah (Mada Masr), Laura Cappon (RAI 3 News),
Declan Walsh,("New York Times", Kairo).



Zum Projekt

Vom Internationalen Journalismus-Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW.

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