"Der Körper schaltet auf Flucht oder Kampf"

13. April 2017, 10:00
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Dortmunder Spieler werden Schock des Anschlags unterschiedlich aufarbeiten, sagt Oliver Stoll von der Universität Halle

Dortmund/Wien – 2010 in Vancouver, als kurz vor Eröffnung der Olympischen Winterspiele der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili beim Training starb. Oder Olympia 2016 in Rio, als einer der Trainer der deutschen Kanuten bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Daran denkt Sportpsychologe Oliver Stoll, wenn er sich überlegt, was die Spieler von Borussia Dortmund nach dem Sprengstoffanschlag durchmachen mussten und nicht einmal 24 Stunden später ein wichtiges Match zu bestreiten hatten. "Auch damals waren die Athleten geschockt", so der Professor der deutschen Universität Halle.

Dieses Mal, so Stoll, erfolgte "ein Angriff auf Leib und Leben", der höchstwahrscheinlich eine Schockreaktion auslöste. "Der Körper wird hoch aktiviert und schaltet auf Flucht oder Kampf, das ist eine normale Schutzreaktion." Wie man dann, sobald die Situation fürs Erste halbwegs geklärt ist, damit umgeht, hängt von der Persönlichkeitsausprägung der einzelnen Spieler ab.

"Die verdrängen einfach"

"Ein optimistisch-resilienter Mensch würde versuchen, das Erlebte relativ rational und mit emotionalem Abstand aufzuarbeiten, eventuell in Gesprächen mit Nahestehenden oder durch professionelle Hilfe." Andere wären dazu nicht in der Lage, weil sie der Bedrohungswahrnehmung nicht standhalten können. "Die verdrängen dann einfach", so Stoll.

Eine sportliche Leistung abzuliefern sei dabei "immer möglich", so der Psychologe. Athleten, die es gewohnt seien, mit Niederlagen und Schicksalsschlägen wie schweren Verletzungen umzugehen, könnten das alles am ehesten wegstecken. "Wenn man gelernt hat, Gedanken und Gefühle zu regulieren, ist das hilfreich – aber keine Garantie, dass es dann sportlich perfekt läuft."

"Subjektive Kontrolle wiedererlangen"

Vor dem Match am Mittwochabend hat die Mannschaft ein kurzes Training abgehalten – für Stoll der richtige Weg: "Durch Routinen könnte in der Wahrnehmung der Spieler ein Stück weit subjektive Kontrolle wiederlangt werden." Zudem wäre auch die Anwesenheit professioneller Hilfe gut, "Psychologen oder ein Kriseninterventionsteam, das Präsenz zeigt für den Fall, dass es von Spielern gebraucht wird".

Nach dem Spiel sollte das Erlebte auf alle Fälle mit professioneller Hilfe aufgearbeitet werden. "Der beste Stresspuffer, das wissen wir aus der sportpsychologischen Forschung, ist aber soziale Unterstützung. Man sollte den Spielern viel Zeit mit vertrauten Menschen zukommen lassen, vielleicht ein paar Tage", so Stoll. (Kim Son Hoang, 12.4.2017)

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