Crossing Europe als "virtuelles Interrail-Ticket"

12. April 2017, 14:43
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Kritische Filmschaffende aus Polen und Türkei im Rampenlicht des Filmfestivals von 25. bis 30. April in Linz

Linz – "Crossing Europe" ist auch heuer "ein virtuelles Interrail-Ticket" durch den von Umbrüchen geprägten Kontinent, wie es Intendantin Christine Dollhofer bei der Programmpräsentation am Mittwoch formulierte. Neben hoch politischen Eröffnungsstreifen widmet das Filmfestival den Regisseuren Anka und Wilhelm Sasnal aus Polen sowie Yesim Ustaoglu aus der Türkei Schwerpunkte.

Insgesamt zeigt die 14. Ausgabe des Festivals 160 europäische Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus 43 Ländern, darunter 24 Weltpremieren, fast die Hälfte der Streifen wird erstmals in Österreich gezeigt. Im Wettbewerb werden Preise in drei Hauptkategorien vergeben: Fiction, Documentary und Local Artists.

Stark politisch

Bereits das Eröffnungsprogramm ist stark politisch: Passend zur französischen Präsidentschaftswahl, deren beide Wahlgänge kurz vor bzw. kurz nach dem Festival stattfinden, wird etwa das Politdrama "Chez nous – This is Our Land" gezeigt, das im Umfeld einer rechtspopulistischen Bewegung spielt. Anklänge des Films, der in Frankreich bereits angelaufen ist und bei "Crossing Europe" Österreich-Premiere feiert, an den Front National sind nicht wegzuleugnen.

Das diesjährige Tribute ist dem polnischen Filmemacher-Paar Anka und Wilhelm Sasnal gewidmet, von dem eine komplette Werkschau mit zwölf Streifen zu sehen ist. Die beiden setzen sich bevorzugt mit der Verfasstheit der polnischen Gesellschaft auseinander, im Eröffnungsfilm "Slonce, to slonce mnie oslepilo" ("The Sun, the Sun blindes me") etwa mit der Angst vor dem – migrantisch – Fremden.

Neue Schiene

Eine neue Schiene ist das "Spotlight": Zum Auftakt beleuchtet es das Schaffen der türkischen Regisseurin Yesim Ustaoglu, deren Werke sich als Heimatfilme im umgekehrten Sinn beschreiben lassen. Sie greift heiße Eisen an wie das Verhältnis zwischen Kurden und Türken oder – im Eröffnungsstreifen "Tereddüt" – das Thema Zwangsehe. Es sei ihr ein Anliegen gewesen, Ustaoglu als maßgebliche weibliche Filmschaffende der Türkei in den Fokus zu stellen, so Dollhofer. Sie plant weitere "Spotlights" bei künftigen Festivalausgaben.

Die bereits etablierte Schiene "Arbeitswelten" geht heuer unter dem Titel "Was wir tun" der Sinnstiftung von Arbeit nach. Die ebenfalls schon traditionelle "Nachtsicht" ist erneut dem Fantastischen verpflichtet, das zum dritten Mal präsentierte "Cinema Next Europe" gibt unter dem Titel "Very Bright Future" jungen Filmschaffenden die Möglichkeit, sich zu präsentieren.

Finanzielle Lage stabilisiert

Die finanzielle Lage hat sich nach Jahren der Sorge um die Zukunft des Festivals stabilisiert, man könne heuer auf rund 70 verschiedene Finanzierungs- und Kooperationspartner setzen. Nachsatz Dollhofers: Eine Valorisierung der Förderbeträge wäre schon wünschenswert, übt sie den "Spagat zwischen Demut und Aufmüpfigkeit".

Insgesamt verfügt das Festival heuer über ein Budget von rund 550.000 Euro. Zu der Veranstaltungsreihe werden an die 700 Film-, Presse- und Branchengäste aus dem In- und Ausland erwartet, insgesamt wurden im Vorjahr rund 22.000 Besucher gezählt. (APA, 12.4.2017)

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