Kameramann Michael Ballhaus gestorben

Video12. April 2017, 18:31
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Er war in Deutschland wie auch in Hollywood einer der bedeutendsten und gefragtesten Kameraleute

Wien – Die Essenz seiner Arbeit hat Michael Ballhaus einmal so zusammengefasst: "Ich blieb ruhig, es war die Kamera, die sich bewegte." Vielleicht war diese Ruhe, von der er spricht, tatsächlich genauso wichtig wie sein Auge. Denn die beiden bedeutendsten künstlerischen Temperamente, mit denen Ballhaus in seiner großen Karriere zusammenkam, waren beides "Besessene": Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorsese. Ein bayerischer Deutscher und ein italienischer Amerikaner, dazwischen Michael Ballhaus, ein Weltbürger aus Berlin.

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Seine berühmteste Übung mit der beweglichen Kamera ist in einem der unbekannteren Filme von Fassbinder zu sehen: In "Martha" (1974) spielte Margit Carstensen eine Bibliothekarin, ein spätes Mädchen, das sich in einen sadistischen Schönling verschaut, den Karlheinz Böhm spielte. Die erste Begegnung dieser beiden ungleichen Menschen wird durch das Kameramanöver, das später als Ballhaus-Kreisel zu einer Trademark wurde, perfekt charakterisiert – ein Taumel, bei dem sich in dem Moment, in dem sich eine Welt öffnet, auch schon das Gefängnis abzeichnet, zu dem diese Beziehung werden wird.

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Michael Ballhaus, geboren 1935 in Berlin, aufgewachsen in einer Familie, die er als Künstlerkommune erlebte, fand den Weg in sein Metier bei einem der Film von Max Ophüls: "Lola Montez" gab mit seiner opulenten Form und seinem melodramatischen Inhalt viel von dem vor, was später für Fassbinder den Kern seiner Operationen an der Filmgeschichte ausmachte.

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Die Lehrjahre verbrachte Ballhaus beim Fernsehen, als Kameraassistent beim Südwestfunk, wo er schließlich den Regisseur Peter Lilienthal kennenlernte, mit dem er wichtige frühe Arbeiten gestaltete. Seinen ersten Kinofilm drehte Ballhaus allerdings in einem kommerziellen Zusammenhang: "Mehrmals täglich" (1968) mit Didi Hallervorden.

Bewegender Blick

Der Schauspieler Ulli Lommel stellte die Verbindung zu Fassbinder her, die 1971 mit "Whity" zu einer ersten Zusammenarbeit führte. Es folgten weitere 14 gemeinsame Filme, darunter Klassiker wie "Mutter Küsters Fahrt zum Himmel" oder "Die Ehe der Maria Braun".

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Als Fassbinder 1982 starb, war Michael Ballhaus bereits in Amerika (zwischendurch hatte er übrigens auch eine Folge der Alpensaga fotografiert: "Der deutsche Frühling" über das Jahr 1938). Peter Lilienthal drehte Dear Mr. Wonderful in New York, mit einem Mann in der Hauptrolle, der damals schon ein Fixstern im Universum von Martin Scorsese war: Joe Pesci. Den ersten amerikanischen Film machte Ballhaus allerdings für John Sayles: "Baby It’s You" (1982). Es folgten große Arbeiten mit Martin Scorsese, wobei es einige Jahre dauerte, bis "The Last Temptation of Christ", der damals schon geplant war, tatsächlich realisiert werden konnte. Dreimal war Ballhaus für einen Oscar nominiert, zuletzt 2003 für "Gangs of New York".

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Seit den 1980er-Jahren lebte er einerseits in Los Angeles, andererseits in Berlin. Seit 1958 war Ballhaus mit der Schauspielerin und Ausstatterin Helga Betten verheiratet, sein Sohn Florian ist ebenfalls Kameramann. Nach dem Tod von Helga Betten heiratete Ballhaus 2011 Sherry Horman, mit der er bei dem Natascha-Kampusch-Film "3096 Tage" zusammenarbeitet.

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Das deutsche Kino, das man in seiner Frühzeit einmal mit einer entfesselten Kamera assoziierte, brachte Michael Ballhaus auf seine Weise auf Weltniveau: mit einem beweglichen Blick, der niemals in technischer Virtuosität ins Leere lief.

In der Nacht auf Mittwoch starb er im Alter von 81 Jahren in Berlin. (Bert Rebhandl, 12.4.2017)

  • Michael Ballhaus erhielt 2016 den Goldenen Ehrenbären der Berlinale für sein Lebenswerk.
    foto: reuters/fabrizio bensch

    Michael Ballhaus erhielt 2016 den Goldenen Ehrenbären der Berlinale für sein Lebenswerk.

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