"The Signal from Tölva" im Test: Ein Roboter-Shooter entrümpelt das Open-World-Genre

    Rezension14. April 2017, 09:17
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    Der stylische Shooter konzentriert sich auf die Atmosphäre und das Eigenleben seiner KI-Bewohner

    Kaum ein Blockbustergenre der letzten Jahre leidet so sehr an Formelhaftigkeit wie jenes der Open-World-Spiele. Durch den Massenerfolg von "GTA", "Assassin’s Creed", "Far Cry" & Co inspiriert, schlichen sich wiederholt dieselben Spielmechaniken und Schablonen in so gut wie jeden Vertreter eines Genres, das ursprünglich mit großer Freiheit lockte: riesige Landkarten, zugekleistert mit Missionsmarkern; Sammeln, Craften und Grinding als allgegenwärtiges Beschäftigungsangebot; eine lose Hauptstory, die von unzähligen, mehr oder weniger liebevoll gestalteten, aber letztlich als Pausenfüller dienenden Nebenquests aufgefettet wird. "The Signal from Tölva" (Windows-PC, Mac, 19,99 Euro) des kleinen britischen Studios Big Robot entrümpelt radikal und präsentiert sich als schlankes Gegenmodell: ein Open-World-Shooter, der sich auf die Basics konzentriert.

    Vom Planeten mit IKEA-haften Namen Tölva – der auf Isländisch übrigens "Computer" bedeutet – kommt ein geheimnisvolles Signal, und um dessen Rätsel zu lösen, machen sich verschiedene Fraktionen von autonomen Robotern dazu auf, diese Welt zu erforschen. Als Operator einer dieser Fraktionen können sich die Spielerinnen und Spieler an der Fernsteuerung der ausgesandten Roboter, hier "Drohnen" genannt, versuchen und durchstreifen so aus der First-Person-Perspektive eine Spielwelt, die trotz eigentlich technisch bescheidener Grafik durch Atmosphäre und Design überzeugt.

    jim rossignol
    Trailer zu "The Signal from Tölva"

    Science-Fiction in Rost und Pastell

    Dass der von Rockstar Games bekannte Kult-Designer und Konzeptkünstler Ian McQue an der Gestaltung von Welt, Raumschiffen und Robotern federführend beteiligt war, ist "The Signal from Tölva" anzusehen: Sowohl Farbgebung als auch gelungene Lichtstimmungen machen das außerirdische Hochland, das mit geheimnisvollen Ruinen und den rostenden Überresten gigantischer Androiden übersät ist, zu einem atmosphärisch beeindruckenden Ort, der Stück für Stück im Verlauf der – minimalistisch erzählten – Hauptstory durchstreift wird. Besonders der gelungene Tag- und Nachtwechsel sowie atmosphärische Effekte in besonders gefährlichen Zonen machen die ausgiebige Bewanderung dieser Welt zum stimmigen Erlebnis.

    Außer Vogelschwärmen und Insekten bekommt man allerdings (fast) nur mechanisches "Leben" zu sehen, doch das hat es in sich: Es ist kein Zufall, dass Studiogründer Jim Rossignol wiederholt von seiner Bewunderung für das legendäre "STALKER – Shadow of Chernobyl" spricht. Wie in diesem Klassiker bewegen sich auch hier die von der KI gesteuerten Konkurrenten, aber auch die eigenen Verbündeten autonom durch diese Welt und erfüllen sie so mit unvorhersehbarem Leben. Dass sich die Roboterfraktionen auch untereinander bekriegen, führt so zu immer wieder spannenden Situationen: etwa wenn man beim Angriff auf einen feindlichen Bunker plötzlich unerwartet Schützenhilfe von anderen Blechkameraden bekommt, die sich dann nach der Schlacht postwendend gegen einen selbst wenden. "Tölva" gibt in seiner ansonsten erfrischend unverstellten Sandkiste dieser Interaktion mit der selbstständigen KI den nötigen Raum und verlässt sich darauf, dass die Spielerschaft sich selbst darin beschäftigt.

    Laserwaffen und Kontemplation

    Das heißt nicht, dass es nichts zu tun gäbe: Neben der Suche nach Hinweisen und dem Sammeln von Artefakten, die als Ressource für den Ausbau des umfangreichen Waffenarsenals dienen, ist es vor allem der mehr als nur solide Shooter-Anteil, der motiviert. Optisch und akustisch befriedigend auf den Punkt gebracht, erlaubt die Kombination der verschiedenen Waffen eigenständige Taktiken. Neben diversen Fern- und Mitteldistanz-Laserwaffen sorgt vor allem die Möglichkeit, sich Unterstützung von befreundeten Einheiten auf die Expeditionen mitzunehmen, für Abwechslung. Während die KI zu Beginn noch eher harmlos wirkt, steigert sich der Schwierigkeitsgrad nach den ersten Spielstunden merkbar und erfordert durchwegs Vorsicht und taktische Annäherung.

    Wer angesichts der idyllischen Atmosphäre und der auch immer wieder erforderlichen minutenlangen Fußmärsche durch das Hochland von "Tölva" meint, hier quasi "nur" einen "Walking Simulator" mit Laserwaffen vor sich zu haben, irrt: Besonders in seinen späteren Kämpfen fordert das Spiel kreative Taktiken und sorgfältige Wahl der Waffen. In Verbindung mit seiner unberechenbaren, sich ständig bewegenden KI-Gegnerschaft erinnert es bei gänzlich anderer Ästhetik tatsächlich an das große Vorbild "STALKER" – kein kleines Lob.

    Fazit

    "The Signal from Tölva" ist ein schlankes, höchst atmosphärisches Spiel, das seine großen Stärken geschickt einsetzt: Sowohl seine beeindruckende Ästhetik als auch sein Fokus auf die Autonomie der künstlichen Intelligenz überzeugen. Am erfrischendsten jedoch ist es, endlich wieder einmal ein Open-World-Spiel zu sehen, das sich in radikalem Minimalismus von all dem Ballast befreit, der so viele Genre-Blockbuster zu vollgestopften Jahrmärkten nach Schema F gemacht hat. Ein eigentlich altmodisches Spiel – das allein dadurch hoch modern ist. (Rainer Sigl, 12.4.2017)

    "The Signal from Tölva" ist für Windows-PC und Mac erschienen. UVP: 19,99 Euro

    Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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    The Signal from Tölva

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