Große und kleine Eisberge reisen auf ganz unterschiedliche Art

18. April 2017, 11:08
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Kleine werden vom Wind aufs Meer geweht – bei Giganten kommt eine ganze Reihe von Faktoren ins Spiel

Bremerhaven – Bei Eisbergen kommt es in vielerlei Hinsicht auf die Größe an. Diese führt auch dazu, dass sie auf ganz unterschiedliche Weise aufs Meer hinausziehen, wie das Alfred-Wegener-Institut berichtet. Welche Kräfte dabei ihre Wirkung entfalten, berichtet das Team um den Bremerhavener Forscher Thomas Rackow im "Journal of Geophysical Research: Oceans".

Für Kleine reicht der Wind

Für ihre Studie speisten die Forscher die realen Positions- und Größendaten von 6.912 antarktischen Eisbergen in ein Modell ein und simulierten die Drift und das Schmelzen der Eisberge über einen Zeitraum von zwölf Jahren. Die vom Modell berechneten Routen überprüften sie dann sowohl mit Echtdaten großer Eisberge aus der "Antarctic Iceberg Tracking Database" als auch mit Positionsdaten von GPS-Sendern, die auf verschiedenen Eisbergen im Weddellmeer installiert worden waren.

"Eisberge, die nicht länger und breiter als zwei Kilometer sind, treiben innerhalb weniger Monate von der Schelfeiskante weg und aus dem Küstenbereich heraus. Der Wind drückt sie auf das offene Meer hinaus, wo sie dann im Laufe von zwei bis drei Jahren in kleinere Stücke zerbrechen und schmelzen", sagt Rackow.

Riesen kommen ins Rutschen

Bei Giganten, die eine Fläche von tausenden Quadratkilometern umfassen können, sieht das etwas anders aus. Der Wind spielt hier zunächst keine Rolle. Angetrieben wird die Bewegung hier vor allem durch das Eigengewicht des Eisberges. Dazu kommt im Fall von antarktischen Eisbergen die Tatsache, dass die Oberfläche des Südpolarmeeres keine ebene Fläche ist, sondern sich Richtung Norden neigt. An der Südküste des Weddellmeeres kann der Meeresspiegel bis einem halben Meter höher liegen als im Zentrum des Weddellmeeres.

"Wenn große Eisberge treiben, dann rutschen sie zunächst die schräge Meeresoberfläche hinunter. Ihre Rutschbahn verläuft dabei jedoch nicht als gerade Linie, sondern schlägt einen Bogen nach links. Der Grund dafür ist die Corioliskraft, welche auf die Erdrotation zurückzuführen ist und die Eisberge letztlich auf eine Bahn parallel zur Küste ablenkt, ähnlich dem Verlauf des Küstenstroms", erklärt Rackow.

Die Ablenkung durch die Corioliskraft lässt große Tafeleisberge die ersten drei, vier Jahre in Küstennähe verbleiben. Den Sprung hinaus auf das offene Meer schaffen viele von ihnen erst, sobald der Küstenstrom die Küste verlässt oder wenn sie im Packeis gefangen sind und der Wind das Meereis samt Eisberg von der Küste wegschiebt.

Highways in den Norden

Ist ein solcher großer Tafeleisberg erst einmal in nördlichere Meeresregionen mit wärmerem Wasser gelangt, beginnt er vor allem an der Unterseite zu schmelzen und folgt je nach Ursprungsort einer von vier Routen, die die Forscher als "Highways" bezeichnen.

Eine dieser "Eisberg-Autobahnen" führt an der Ostküste der Antarktischen Halbinsel entlang aus dem Weddellmeer Richtung Atlantik. Eine zweite Ausfahrt zweigt auf Höhe des nullten Längengrads am Ostrand des Weddellmeeres ab. Die dritte "Ausfahrt" beginnt auf Höhe des Kerguelen-Plateaus in der Ostantarktis und die vierte führt das Eis aus dem Rossmeer Richtung Norden.

Große Eisberge, die einmal den Weg nach Norden eingeschlagen haben, schaffen es häufig, tausende Kilometer zurückzulegen und sogar den 60. südlichen Breitengrad zu überqueren. Einzelne Exemplare wurden auch schon vor der Küste Südamerikas oder Neuseelands gesichtet.

Der nächste Kandidat

Derzeit schauen Polarforscher aus aller Welt gespannt auf die Antarktische Halbinsel: Am Larsen C-Schelfeis beginnt sich nämlich ein wahrer Riese vom Schelfeis abzulösen. Der zukünftige Eisberg wird etwa 175 Kilometer lang und an seiner breitesten Stelle 50 Kilometer breit sein. Mit einer Gesamtfläche von fast 6.000 Quadratkilometern und einer Masse von etwa 1.300 Gigatonnen wird er fast so viel auf die Waage bringen wie alle Eisberge, die normalerweise im Zeitraum eines Jahres in der Antarktis entstehen, zusammengenommen.

Rackow prognostiziert dem Giganten eine Lebenszeit von acht bis zehn Jahren. Wie weit der künftige Larsen-C-Eisberg treiben wird, hängt davon ab, ob er nach dem Abbruch als ganzer Eisberg erhalten bleibt oder schnell in viele kleinere Stücke zerfällt. Zudem könnte er auch für einen gewissen Zeitraum auf Grund laufen. (red, 18. 4. 2017)

  • Dieser Tafeleisberg ist "nur" etwa zwei Kilometer lang – da geht noch bedeutend mehr.
    foto: alfred-wegener-institut / t. ronge

    Dieser Tafeleisberg ist "nur" etwa zwei Kilometer lang – da geht noch bedeutend mehr.

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