Spiel gegen Monaco: "Herkulesaufgabe" für schockiertes BVB-Team

12. April 2017, 14:53
116 Postings

Dortmunder müssen nach den traumatischen Erlebnissen für das auf heute verschobene Spiel gegen Monaco aufgerichtet werden. BVB-Geschäftsführer Watzke: "Neue Dimension, was da passiert ist"

Dortmund/München – Nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund müssen BVB-Trainer Thomas Tuchel und die Vereinsspitze das schockierte Team für das Champions-League-Spiel heute, Mittwochabend, gegen Monaco wieder aufrichten. Im Gespräch mit der "Bild"-Zeitung sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: "Der Verein ist ohnehin unfassbar geschlossen. Aber wir müssen die Mannschaft in einen spielfähigen Zustand versetzen. Das ist eine Herkulesaufgabe."

Watzke geht nach dem Anschlag dennoch mit einem Gefühl der Sicherheit in das Spiel. Am Dienstagabend waren kurz vor Spielbeginn drei Sprengsätze in der Nähe des Busses explodiert. "Mein persönliches Sicherheitsgefühl ist sehr gut", sagte Watzke der "Bild"-Zeitung. "Die Frage ist, wie wir die Mannschaft davon lösen, helfen, das traumatische Erlebnis zu verarbeiten."

Der BVB-Geschäftsführer zeigte sich in dem Telefoninterview schockiert von der Tat, deren Hintergründe weiterhin unklar sind. Die Polizei geht von einem gezielten Angriff auf den Bus der Dortmunder aus. "Das ist eine sehr gravierende Geschichte", sagte Watzke. "Das ist eine neue Dimension, was da passiert ist."

Bartra noch in der Nacht operiert

Bei dem Anschlag war der spanische Verteidiger Marc Bartra schwer an der Hand verletzt worden. Bartra wurde noch in der Nacht in einem Dortmunder Krankenhaus operiert. Ein Polizist, der den Teambus zum Stadion begleitete, erlitt ein Knalltrauma und einen Schock.

Bartra ist mittlerweile auf dem Wege der Besserung. "Er hat die Operation gut überstanden", sagte BVB-Präsident Reinhard Rauball am Mittwoch. Der Dortmunder Abwehrspieler hatte am Dienstagabend einen Bruch der Speiche sowie Fremdkörper-Einsprengungen am rechten Handgelenk erlitten. In der laufenden Saison dürfte der 26-Jährige voraussichtlich nicht mehr zum Einsatz kommen.

Zwei Bekennerschreiben, eine Festnahme

In dem in der Nähe des Tatorts gefundenen Bekennerschreiben gibt es Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund der Tat. In dem in deutscher Sprache verfassten, einseitigen Schreiben wird auf den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten und den Einsatz deutscher Tornado-Kampfflugzeuge in Syrien Bezug genommen. Die Anzeichen für einen islamistischen Hintergrund verdichten sich, zumal ein Islamist als Tatverdächtiger vorläufig festgenommen worden ist, wie die deutsche Bundesanwaltschaft am Mittwoch in Karlsruhe mitteilte. Insgesamt gebe es zwei Verdächtige, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler.

Die Ermittler prüften am Mittwoch zudem die Authentizität eines zweiten Bekennerschreibens. In dem am späten Dienstagabend im Internet verbreiteten Schreiben wurde erklärt, der Bus sei mit eigens für den Anschlag angefertigten Sprengsätzen als "Symbol für die Politik des BVB" attackiert worden, der sich nicht genügend gegen Rassisten, Nazis und Rechtspopulisten einsetze. Seit Jahren dürften auch Personen mit einer menschenverachtenden Gesinnung ins Stadion, anstatt örtliche Antifaschisten zurate zu ziehen, "um solches Gedankengut aus dem Stadion zu verbannen".

Bei dem Bekennerschreiben dürfte es sich aber wohl um eine Fälschung handeln. "Wir halten das Schreiben für einen Nazifake", teilten die Betreiber des Internetportals Indymedia der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch in Berlin mit. "Weder Inhalt noch Sprache deuten auf einen linken Hintergrund hin, deshalb haben wir es bereits sehr kurz nach der Veröffentlichung gelöscht", hieß es weiter.

Die Polizei kündigte an, mit einem Großaufgebot beim Nachholspiel in der Champions League gegen Monaco am Abend für Sicherheit sorgen zu wollen. "Wir werden heute natürlich mit starken Kräften hier vor Ort sein im Stadion, werden aber auch versuchen, unser Möglichstes tun, natürlich die Mannschaften zu schützen", sagte Nina Vogt, Sprecherin der Dortmunder Polizei im ZDF. "Wir stehen da mit beiden Vereinen und auch mit allen Sicherheitsbehörden in sehr engen Kontakt."

Keine Gefährdungshinweise für Spiel in München

Der Angriff auf den Mannschaftsbus von Dortmund beschäftigte auch die Münchner Polizei. Das Sicherheitskonzept vor dem Bayern-Heimspiel im Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid wurde deshalb noch einmal geprüft. Zur Bewertung der Lage stünden die Beamten auch in Kontakt mit der Dortmunder Polizei, sagte ein Sprecher am Mittwochvormittag. Er betonte aber gleichzeitig: "Wir haben keinerlei Gefährdungshinweise für München und das Spiel." Trainer Carlo Ancelotti und sein Team, dem auch ÖFB-Star David Alaba angehört, fühlen mit den BVB-Kollegen und Marc Bartra.

Fansolidarität

Große Solidarität und Hilfsbereitschaft gab es auch unter den Fans: Nach der Verlegung des Champions-League-Spiels boten Dortmunder unter #bedforawayfans Schlafplätze an. Anhänger des AS Monaco suchten auf demselben Weg nach Unterkünften. In der Nacht wurden in den sozialen Netzwerken Fotos von BVB- und Monaco-Fans gepostet, die gemeinsam am Tisch saßen und aßen. Die beiden Fußballklubs informierten per Twitter über die Aktion.

Die Dortmunder Polizei lobte das Verhalten der zehntausenden Fußballfans, die bereits im Stadion saßen, nach der kurzfristigen Absage. "Das ist gestern mit sehr viel Ruhe abgelaufen, und das hat uns natürlich als Polizei und sicherlich auch dem Verein sehr geholfen", sagte Polizeisprecherin Vogt. "Ich glaube, da können wir alle sagen, dass wir auf die Reaktionen gestern nur stolz sein können", betonte sie.

Damit das Dortmund-Match möglichst reibungsfrei über die Bühne gehen kann, wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt und die Zahl der Einsatzkräfte nochmals erhöht, wie NRW-Innenminister Ralf Jäger in Düsseldorf bestätigte. Um die Arbeit der Polizei zu erleichtern, sollten die Fans zum Wiederholungsspiel am Abend keine Rucksäcke mitbringen.

Junuzovic: "Ich habe keine Angst"

Werder Bremens Mittelfeldspieler Zlatko Junuzovic hat die schnelle Neuansetzung des Spiels begrüßt. "Es ist das richtige Zeichen, nach vorn zu schauen. Wir müssen einfach über diesen Dingen stehen", betonte Österreichs Teamspieler am Mittwoch.

Die Geschehnisse in Dortmund seien zwar "etwas beunruhigend", wie auch der Anschlag in der vergangenen Woche in Stockholm. "Aber ich habe keine Angst, und ich will auch keine Angst haben. Wir dürfen uns den Spaß am Leben nicht durch so eine feige Aktion nehmen lassen", sagte Junuzovic.

Mit Blick auf das Nordderby gegen den Hamburger SV, das bereits vor den Vorfällen in Dortmund als Hochsicherheitsspiel eingestuft worden war, hat Junuzovic keine zusätzlichen Bedenken. "Wir lassen uns unser Derby nicht nehmen", erklärte der 29-Jährige. "Ich habe keine Angst vor dem Wochenende." (APA, red, 12.4.2017)

  • Drei Sprengsätze beschädigten am Dienstagabend den Mannschaftsbus des BVB.
    foto: apa/afp/patrik stollarz

    Drei Sprengsätze beschädigten am Dienstagabend den Mannschaftsbus des BVB.

  • Glück im Unglück hatten die meisten BVB-Spieler, lediglich Verteidiger Marc Bartra wurde schwer an der Hand verletzt und musste operiert werden.
    foto: ap/martin meissner

    Glück im Unglück hatten die meisten BVB-Spieler, lediglich Verteidiger Marc Bartra wurde schwer an der Hand verletzt und musste operiert werden.

    Share if you care.