Mailänder Möbelmesse: Stilmix, Kompaktes & ein Star für Ikea

    16. April 2017, 12:00
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    Das Ergebnis des 56. Salone del Mobile: Opulente Dekore, kompakte Dimensionen und nachhaltige Prozesse vermischen sich

    Kontamination" lautet das Stichwort der Stunde. Damit ist keine radioaktive Verschmutzung gemeint, sondern eine beständige Vermischung von allem: Formen, Stile und Geschmäcker werden ebenso durcheinandergewirbelt wie die Namen von Designern und Herstellern. Das Wohnen ist eine lebendige, "unreine" Collage, deren Zusammenstellung allein den persönlichen Präferenzen überlassen ist. Alles ist erlaubt, solange es gefällt: von verspielt bis minimal, von bunt bis monochrom, von günstig bis luxuriös.

    1. Mehr ist mehr

    Immer mehr Designer entdecken die Oberfläche und bringen einen belebenden Stilmix aus Farben, Mustern und haptischen Strukturen ein. Auch hier spielen zeitliche Referenzen eine wichtige Rolle. Anstatt sich wie in den letzten Jahren an den 1950er-Jahren zu orientieren, werden vielmehr Referenzen an die wilde Memphis-Gruppe, an die sinnliche Materialität des Art déco und an die schwelgerischen Dekore des Barocks eingewoben. Wie das aussieht? Opulent bis schrill! So überzieht Driade die Schrankserie "Ziqqurat" (Inhouse Design) mit vertikalen und diagonalen Streifen.

    foto: hersteller
    Schrill und zitatenreich, z. B. die Schrankserie "Ziqqurat", die man bei Driade vorstellte.

    Philippe Starck lässt mit seiner Leuchtenserie "Bon Jour Versailles" das Industrielle und Handwerkliche miteinander verschmelzen, indem Schirme aus Kunststoff von opulenten Glasfüßen aus den Werkstätten der Kristallmanufaktur Baccarat ausbalanciert werden. Auch Pop fasziniert: So ließ sich Jaime Hayon bei seiner Tisch- und Schrankkollektion "Stone Age Folk" für Caesarstone von clownesken Masken und Karussells inspirieren (siehe großes Foto).

    Seletti hat mit der Kollektion "Fast Food Furniture" von Studio Job einen Wurf im Programm, bei dem Sessel und Sofas den Formen von Hamburgern und Hotdogs nachempfunden sind – und gepolsterte "Würste" und "Tomaten" als Rückenkissen und "Gurken" als Armlehnen dienen. "Die Arbeiten sind eine Persiflage auf all die schweren und furchtbar langweiligen Polstermöbel der letzten Jahre. Design muss wieder Spaß machen", fordert Designer Job Smets am Eröffnungsabend, als die kalorienreichen Pop-Möbel sogleich von zahlreichen kleinen und großen Kindern in Beschlag genommen wurden.

    foto: tom mannion
    Der spanische Designer Jaime Hayon ließ sich bei seiner Tisch- und SchrankKollektion "Stone Age Folk" von Masken, Clowns und Karussellen inspirieren.

    2. Im Garten wird es noch wohnlicher

    Neue Freiräume werden im Garten und auf der Terrasse erkundet. Auf den ersten Blick ist die Polsterserie "Brixx" von Dedon überhaupt nicht als Gartenmöbel zu erkennen. Das von Lorenza Bozzoli entworfene Sitzprogramm transferiert mit wetterbeständigen Polsterungen und bonbonfarbenen Stoffen die Anmutung und den Komfort von Innenraumsofas hinaus ins Freie. Der spanische Möbelhersteller GAN hat in Mailand die Kollektion "Garden Layers" von Patricia Urquiola vorgestellt. Teppiche, Matten, Kissen und Nackenrollen lassen sich zu großzügigen Sitzlandschaften auf dem Boden kombinieren, die haptische Qualitäten mit lässigem Komfort in Einklang bringen.

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    Die umtriebige spanische Designerin Patricia Urquiola entwarf "Garden Layers".

    3. Kompakteres für knapperen Wohnraum

    Auch kompaktere Dimensionen werden von den Herstellern und Designern verstärkt in Angriff genommen. "Vor allem in Großstädten wird Wohnraum immer knapper. Darum wollen wir die Maße reduzieren", erklärt das Designerduo Lyndon Neri und Rossana Hu, das die kompakte Badewanne "Immersion" für Agape sowie das locker an der Wand lehnende Bücherregal "Ren" für Poltrona Frau entworfen hat. Einen schwebend leichten Eindruck erzeugt das von Gordon Guillaumier konzipierte Sofa "Josephine" für Moroso. Mit seinen abgerundeten Enden ist es nicht nur platzsparender als ein kubisches Polstermöbel, sondern es passt sich ebenso flexibel in unterschiedliche Einrichtungsstile ein.

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    Perfekt für eine Aussprache eignet sich das Sofa "Josephine" von Moroso.

    4. Stars für die Breite

    Mit Spannung ist die erste Zusammenarbeit von Ikea und Tom Dixon erwartet worden. Anstatt den schwedischen Möbelgiganten wie in der Vergangenheit als dreisten Kopisten abzustempeln, wird er heute vielmehr als ernstzunehmender Partner betrachtet, um erschwingliche Produkte für eine breite Masse zu bieten. Das vorgestellte Sofa "Delaktig" sieht auf den ersten Blick nicht allzu spektakulär aus. Muss es auch nicht. Denn der Fokus dieses Möbelstücks liegt auf der Flexibilität des Gebrauchs.

    Dank abnehmbarer Arm- und Rückenlehnen kann es am Tag als klassisches Sitzobjekt und in der Nacht als vollwertiges Bett benutzt werden – ohne dafür aufwendige und teuere Klappmechanismen bedienen zu müssen. Ob der Entwurf tatsächlich die gewünschte Breitenwirkung erzielen wird, muss sich noch zeigen. Die Pressekonferenz im Teatro Manzoni ist jedenfalls so stark belagert worden wie die Abschlussverkündung eines G7-Treffens.

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    Stardesinger Tom Dixon präsentierte seine Kooperation mit Ikea.

    5. Natur & Recycling

    Die Tendenz zu natürlichen Materialien wie Holz, Leder oder Stein hält weiter an. Jedoch steigt auch hier die Sehnsucht nach sinnlicheren und lebendigeren Texturen. Anstelle von weißem Carrara- oder schwarzem Marquina-Marmor kommen auffallend viele grüne oder dunkelrot gesprenkelte Steine zum Einsatz. Auf die Sinnlichkeit der Natur setzt Louis Vuitton mit dem von Marcel Wanders entworfenen "Diamond Screen" aus geflochtenen Lederriemen, während die lederbespannten Sitz- und Rückenflächen von Patricia Urquiolas "Palaver Chair" mithilfe unregelmäßiger Stanzungen an Leichtigkeit und Transparenz gewinnen. Ein immer wichtigeres Thema in der Einrichtungswelt ist der Einsatz recycelter Materialien. Dass diese alles andere als minderwertig aussehen müssen, zeigt Kartell mit dem von Antonio Citterio entworfenen "Bio Chair". Zum ersten Mal ist hier der Kunststoff "Biodura" aus nachwachsenden Rohstoffen für ein wiederverwertbares Möbelstück verwendet worden.

    Jasper Morrison kombiniert mit der Stuhlserie "1Inch" von Emeco einen Rahmen aus recyceltem Aluminium mit Sitzflächen und Rückenlehnen aus einem Kunststoff-Holz-Gemisch. Auch der omnipräsente Stoffhersteller Kvadrat setzt auf Verantwortung, indem er die Mehrheit an "Really" übernahm. Der 2013 gegründete Hersteller fertigt aus Resten der Mode- und Textilindustrie das Flächenmaterial "Solid Textile Board", dessen Praktikabilität im Möbelbereich sogleich vom Londoner Designer Max Lamb mit einer Kollektion von Bänken unter Beweis gestellt wurde.

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    Marcel Wanders setzt für Louis Vuitton auf Sinnlichkeit und zeigt "Diamond Screen".

    6. Kreative Einzelkämpfer

    In der Cascina Cuccagna, einem zum Restaurant und Ausstellungsraum umfunktionierten Bauernhof nahe der Porta Romana, entführte die Schau "Capitalism is over" mit Fotografien von Louis de Belle in die Olivetti-Zentrale in Ivrea – als Sinnbild einer alten, untergegangenen Industriekultur. Der zweite Ausstellungsteil widmete sich der gestalterischen Gegenwart, in der Designer und Mikrounternehmer über Online-Handel einen unabhängigen Vertrieb erzielen.

    Der Fotograf Delfino Sisto Legnani hat dafür unter anderem die Logistikzentren von Amazon abgelichtet – die in ihrer sterilen Perfektion zunächst nur bedingt nach Individualität und Unabhängigkeit anmuten. Die Aufnahmen bildeten den atmosphärischen Rahmen für die Arbeiten zahlreicher junger Gestalter, die ohne einen Hersteller im Rücken auf Autoproduktion setzen. Die Botschaft des Ganzen: Indem sich eine Vielzahl neu gegründeter Minifirmen und kreativer Einzelkämpfer unter die großen Marken mischt, wird die Einrichtungsbranche nicht nur auf stilistischer Ebene immer bunter und vielfältiger, sondern ebenso auf unternehmerischer. Wer davon profitiert? Die Kunden. (Norman Kietzmann, RONDO, 16.4.2017)

    foto: louis de belle
    Der Fotograf Louis de Belle setzte sich mit der untergegangenen Industrie-Kultur auseinander.
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