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15. Mai 2017, 16:29

Als Noumam Sakandé aus dem kleinen Bus aussteigt, wird er von dutzenden Männern empfangen. Sein Auge ist mit einer weißen Bandage bedeckt – farblich passend zum Bart, der seine untere Gesichtshälfte einrahmt. Auf seinem kahlen Kopf spiegelt sich das gleißende Licht der Mittagssonne. Staub steigt vom unasphaltierten Boden auf.

foto: gregor kuntscher
Noumam und Manzo Sakandé verlassen die Augenklinik in Zorgho.

Die Männer schütteln dem 81-Jährigen die Hand und fragen nach seinem Befinden, nachdem er die Nacht in einer Augenklinik verbringen musste. In dem privaten Krankenhaus, das rund 15 Minuten Fahrt von seinem Dorf Songdin entfernt im zentralen Osten Burkina Fasos liegt, ließ er sich den Grauen Star vom rechten Auge operativ entfernen.

Ein Plastikstuhl für den Dorfältesten

Das rege Interesse der Versammelten gilt aber auch der kleinen Gruppe europäischer Journalistinnen, die Sakandé mitgebracht hat: Sein Sohn Manzo hat den spontanen Besuch auf der Busfahrt von seinem alten Tastenhandy aus angekündigt.

Rasch wird eine Holzbank herbeigeholt und in einer der geräumigeren Lehmhütten aufgestellt. Auch Sakandé soll Platz nehmen. Ein weißer Plastikstuhl – wie man sie aus den Schanigärten halbseidener Bahnhofscafés kennt – wird für ihn zurechtgerückt. Wenige Tage zuvor erklärt ein Burkinabé, ein Einheimischer, dass der Plastikstuhl in vielen Haushalten des westafrikanischen Landes den Gästen oder Respektpersonen vorbehalten sei, denn er gelte als die beste und bequemste Sitzgelegenheit.

christa minkin
Die Männer der Familie Sakandé bezeichnen sich allesamt als Rebouteurs.

Die anderen zehn, fünfzehn Männer unterschiedlichen Alters drängen sich stehend gegenüber dem Dorfältesten und den Gästen zusammen. Neugierige Kleinkinder wuseln an der Tür. Ein paar ältere Buben haben sich nonchalant in den Türrahmen gelehnt und beobachten das Geschehen.

Sakandé ist ein "Rebouteur": ein Heiler, der mit Hausmitteln arbeitet, ein Knochenklempner, jemand, der Schmerzen oder Verletzungen an Beinen, Armen oder am Rücken mit überlieferten Methoden und ohne medizinische Ausbildung behandelt. Er kann weder lesen noch schreiben.

Heilen als "Gabe Gottes"

Auch die anderen Männer bezeichnen sich allesamt als Rebouteurs. Das Wissen um die Heilung gebrochener Knochen oder verschobener Bandscheiben werde seit Generationen unter den männlichen Mitgliedern der Großfamilie weitergetragen. Sakandé spricht von seinem Großvater und deutet mit einer Armbewegung an, dass schon dieser von seinen Urahnen gelernt habe.

Ihre Fähigkeiten verstehen die Männer als "Gabe Gottes". Sie reiben Verletzungen mit Fett ein, legen Bandagen an, massieren schmerzende Muskeln oder stabilisieren Knochenbrüche mit Holzlatten. Dabei sprechen sie Worte, die sie von ihren Vorfahren gelernt haben: "Gott, hilf mir, eine Besserung herbeizuführen", übersetzen sie diese sinngemäß aus der lokalen Sprache Mooré ins Französische. Sie hätten bisher jeden geheilt, der zu ihnen kam, sagen sie mit Bestimmtheit.

christa minkin
Der 22-Jährige hat sich bei einem Minenunfall verletzt. Übungen sollen ihm helfen.

Sie führen die Besucher nach draußen. Im Schatten eines Baumes sitzt ein junger Mann, 22 Jahre alt, in einem grünen Plastikstuhl: vor ihm ein aus alten Krücken und Metallteilen zusammengezimmertes Gestell, das er als Hilfsmittel für Rückenübungen benutzen soll. Er erzählt, dass er gerade in einer Mine arbeitete, als diese "über ihm zusammenstürzte". Seither habe er Schmerzen und Schwierigkeiten beim Gehen. Aus der 100 Kilometer entfernten Hauptstadt Burkina Fasos, Ouagadougou, sei er hierher gereist – und es gehe ihm schon besser, sagt er gutgelaunt.

christa minkin
Verletzte werden in improvisierten Krankenzimmern untergebracht.

Er ist nicht der Einzige, der sich bei den Sakandés aufhält. In kleinen runden Lehmhütten mit Strohdächern sowie einem weitläufigen Gebäude mit roten Jalousien in den scheibenlosen Fenstern sind Kranke und Verletzte untergebracht. Sie können bleiben, bis sie sich wieder fit genug fühlen, um nach Hause zu gehen. Improvisierte Krankenbetten aus bunten Decken oder Matratzen liegen in den Ecken der sonst unmöblierten Räume. Elektrizität gibt es nicht. An Schnüren hängen Wäsche und mit Trinkwasser befüllte Plastikbeutel. Ein bunter Wirrwarr aus Kübeln, Sackerln, Kleidung, Geschirr und Besen liegt am Boden herum.

"Chez le rebouteur"

Draußen dient ein Pavillon als Wartezimmer. Unter dem Blechdach sitzen Frauen, Männer und Kinder. Sie dösen vor sich hin, telefonieren oder hören Musik am Handy. Ein großes Metallschild am Wegesrand weist auf die inoffizielle Klinik hin: "Chez le rebouteur" (Beim Rebouteur) und "A 100 M" (In 100 Metern) steht drauf. Ein Pfeil zeigt in die entsprechende Richtung. Darunter sind Telefonnummern angegeben. Die Männer erzählen, dass manch ein Schmerzgeplagter von weit her reist, um sich bei ihnen behandeln zu lassen. Bis in die Nachbarstaaten – Ghana, Benin, Elfenbeinküste – seien sie als Heiler bekannt.

christa minkin
Das Wartezimmer der Rebouteurs im Dorf Songdin.

Behandeln würden sie ausnahmslos jeden – auch Frauen. Rebouteurs könnten diese aber nicht werden. "Dazu fehlt ihnen die Courage", sagt Sakandé. Die jüngeren Männer machen sich über ihre Antwort länger Gedanken. "Wir wissen, dass sich die Welt verändert", sagt schließlich einer und nickt dabei kurz in Richtung des Smartphones in seiner Hand. Doch die Heilmethoden würden seit jeher nur unter den Männern weitergegeben. Ändert die Familie dies, laufe sie möglicherweise Gefahr "Gottes Gabe" zu verlieren, erklärt er.

"Krebs haben wir nie gesehen."

Die Religionszugehörigkeit der Schmerzgeplagten spiele ebenfalls keine Rolle. Die muslimischen Männer scheinen sich über diese Frage der Journalistinnen zu wundern. Sie sind nicht die ersten Burkinabé, die so reagieren. Religiöse Spannungen seien kein Thema, heißt es immer wieder. Muslime (rund 60 Prozent der Bevölkerung), Christen (rund 25 Prozent) und Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften würden friedlich zusammenleben, sagen auch Vertreter vor Ort ansässiger Behörden, NGOs sowie Journalisten.

Einzige Bedingung für eine Behandlung bei der Großfamilie Sakandé ist, dass die Beschwerden mit den Extremitäten oder dem Bewegungsapparat zu tun haben. Ist das nicht der Fall, rieten sie den Menschen, einen Arzt oder anderen Heiler zu konsultieren. Krankheiten wie Malaria könnten sie nicht therapieren. Es gebe aber "Guérisseurs", also Heiler, die das könnten. Und Krebs? Die Männer sprechen kurz miteinander, dann antwortet einer: "Von Krebs haben wir im Krankenhaus gehört, aber nie selbst gesehen."

Hausmittel gegen Grauen Star

Über eine Sache wundern sie sich: Die Journalistinnen erzählen ihnen von einem Gerücht, dass in dem westafrikanischen Land die Runde macht. Es lautet, dass es Heiler gebe, die Grauen Star, also eine Trübung der Augenlinse, behandeln würden. Warum hat der 81-jährige Noumam Sakandé, selbst an einer Katarakt erkrankt, nicht einen solchen Guérisseur besucht, sondern sich für den chirurgischen Eingriff entschieden? "Mit traditionellen Methoden ist das Auge nicht heilbar", antwortet er. Zumindest wüssten sie nichts davon, fügt Sohn Manzo hinzu. Andernfalls hätte er seinen Vater zu einem Guérisseur geschickt.

foto: christa minkin
Links: Die inoffizielle Krankenstation der Rebouteurs. Rechts: Die mit Entwicklungshilfegeldern finanzierte Augenklinik in Zorgho. Sie liegen 15 Minuten Fahrt voneinander entfernt im zentralen Osten Burkina Fasos.

Der Chirurg in der Augenklinik in Zorgho erzählt etwas anderes: Es sei in Burkina Faso weit verbreitet, Grauen Star von Pfuschern behandeln zu lassen. Überhaupt seien Guérisseurs für den Großteil der Bevölkerung die ersten Ansprechpartner bei Beschwerden jeder Art.

gregor kuntscher
Auguste Bicaba arbeitet seit vier Jahren als Ophthalmologe in Zorgho.

Auguste Bicaba arbeitet seit vier Jahren in der Klinik. Er ist der einzige Arzt. Allein an diesem Morgen haben er und zwei geschulte OP-Schwestern 47 Katarakteingriffe durchgeführt. Dabei wird die getrübte Augenlinse entfernt und durch eine künstliche ersetzt. Das dauert 15 Minuten. Scharlatane drücken hingegen die Kristallproteine, die für die Trübung der Linse verantwortlich sind, mit dem Finger den Augapfel entlang nach hinten. Das kann, wenn es nicht sofort schief geht, vorübergehend als Verbesserung der Sehfähigkeit wahrgenommen werden, führt aber zu irreversiblem Schaden. Es komme "ständig" vor, dass Menschen mit von Heilern ruinierten Augen in die Klinik kommen, sagt Bicaba. Er könne dann aber nichts mehr für sie tun.

gregor kuntscher
Emmanuel Kansié ist Pressesprecher im Country Office von Licht für die Welt.

Mär unter Stadtbewohnern

Emmanuel Kansié ärgert sich. Der Arzt könne bestimmt keinen einzigen Patienten nennen, dessen Augen tatsächlich auf diese Art vermurkst wurden, sagt der gebürtige Burkinabé zum STANDARD. Er ist Pressesprecher bei Licht für die Welt – die NGO finanziert die Augenklinik mit – und mit dem Land und seinen Marotten gut vertraut. Er glaube nicht, dass Heiler diese Praktik anwenden. Sie sei eine Mär, die man sich unter Stadtbewohnern erzähle, weil man die Menschen vom Land für unterlegen halte.

Tatsächlich lässt Chirurg Bicaba kein gutes Haar an der ländlichen Bevölkerung. Es brauche viel Bewusstseinsbildung, um die "Mentalität" zu ändern, sagt er. Die Leute glaubten zum Beispiel, dass sie der Nachbar verflucht hätte, wenn sie krank werden. Die Klinik kooperiert deshalb mit lokalen Radiosendern, um die Bevölkerung für gesundheitliche Themen zu sensibilisieren und über das Angebot zu informieren.

christa minkin
Auffallend ist in der Augenklinik der fehlende Müll: eine Seltenheit in Burkina Faso, wo die Landschaft von herumliegenden schwarzen Plastiksackerln geprägt ist.

Grauer Star kommt in Burkina Faso häufiger vor als in Europa. Als Ursachen dafür werden Mangelernährung und fehlender Schutz vor UV-Strahlung, etwa Sonnenbrillen, vermutet. Aber auch unbehandelte Infektionen und nicht verarztete Verletzungen können zur Erblindung führen.

Die Organisation Licht für die Welt, die behinderte Menschen in Entwicklungsländern unterstützt, schätzt, dass zwei Prozent der rund 17,4 Millionen Einwohner des Landes blind sind. Das wären rund 350.000 Menschen; offizielle Zahlen existieren nicht. In Österreich gibt es rund 3.000 Blinde.

gregor kuntscher
15 Minuten dauert eine Katarakt-OP.

Allein in der Klinik in Zorgho wurden im Vorjahr 1.500 Kataraktoperationen durchgeführt, sowie 19.000 Patienten mit anderen Augenkrankheiten behandelt. Bis zum Jahr 2004, bevor die Klinik eröffnet wurde, gab es laut Licht für die Welt im zentralen Osten Burkina Fasos überhaupt keine augenmedizinische Versorgung.

gregor kuntscher
Sehtest für Analphabeten: In welche Richtung ist das Symbol offen?

Es herrscht zudem nach wie vor ein Mangel an Fachärzten: 26 Ophthalmologen gibt es insgesamt im Land. Einer von ihnen ist Bicaba. Die vierjährige Spezialisierung des ehemaligen Allgemeinmediziners wurde von Licht für die Welt finanziert: 7,5 Millionen Francs (umgerechnet rund 11.400 Euro) kostete das Studium jährlich. Er musste es im Nachbarstaat Mali absolvieren, in Burkina wird es nicht angeboten.

Angst und Misstrauen

Der Umgang mit den Patienten in Zorgho sei nicht immer einfach, erzählt Bicaba. Sie seien oft ängstlich oder misstrauisch. Viele würden ihn erst konsultieren, wenn sie keinen anderen Ausweg finden; also etwa ein Guérisseur ihnen nicht helfen kann.

Nach Operationen werden den Patienten Medikamente sowie genaue Anweisungen zur Einnahme mitgegeben. Oft würden diese aber nicht befolgt – aus Unwissen oder weil es keine andere Möglichkeit gibt. "Die Leute sind es nicht gewohnt oder können es sich nicht leisten, sich auszuruhen. Sie gehen gleich am nächsten Tag schwer arbeiten", sagt Bicaba.

christa minkin
Angehörige warten neben der Kantine der Augenklinik im Schatten der Mangobäume.

Immer wieder komme es auch vor, dass Patienten bereits einen OP-Termin fixiert und eine Anzahlung geleistet haben, erzählt der Chirurg. Dann würden sie aber wiederkommen, die OP absagen und das Geld zurückverlangen, weil sie es doch für etwas anderes bräuchten.

Gesundheitsleistungen müssen in Burkina Faso aus eigener Tasche bezahlt werden. Die Konsultation in der Klinik in Zorgho kostet 1.000 Francs (1,50 Euro), eine OP gegen Grauen Star kommt auf 60.000 Francs (90 Euro). Zum Vergleich: Das BIP pro Kopf lag in Burkina Faso 2016 bei rund 615 Euro, in Österreich bei rund 40.000 Euro.

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Klinik-Direktor Dominique Nikiema: "Wer sich die Behandlung nicht leisten kann, wird kostenlos versorgt."

Wer sich die Behandlung nicht leisten kann, wird in der mit Entwicklungshilfegeldern finanzierten Klinik kostenlos versorgt, sagt Klinik-Direktor Dominique Nikiema. Die Patienten würden aber immer erst einmal überprüft: Man frage etwa beim Dorfältesten, in der Kirche oder bei Verwandten nach, wie die finanzielle Lage des Betroffenen sei und ob er sich die Summe von jemandem ausborgen könnte. Denn "wenn etwas gratis zu bekommen ist, ist plötzlich jeder in Burkina arm", sagt Nikiema.

Bei der Rebouteurs-Familie Sakandé stellt sich diese Frage nicht. Die Schmerzgeplagten und Verletzten, die sie aufsuchen, müssen nichts bezahlen, sagt Manzo Sakandé. Die Familie lebt von der Landwirtschaft. "Wenn wir Geld nehmen würden, würden wir Gottes Gabe verlieren." (Christa Minkin, 15.5.2017)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Richtlinien: Die Recherchereise nach Burkina Faso wurde von Licht für die Welt finanziert.