"mood swings": Leere Worte, volle Blicke

    11. April 2017, 17:25
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    Die Ausstellung thematisiert im Museumsquartier Emotionen in Politik und Technologie

    Wien – Auf einer Länge von acht Metern sammeln sich papierene Demonstranten. Manche davon sind nackt, andere verschleiert, auf den kleinen Schildern steht "Free Ai Weiwei" und "Lady Gaga leads to hell". Ihre Forderungen widersprechen oder stützen einander, sind auf Englisch, Arabisch und Italienisch. Tom Molloy erschuf für seine Installation Protest eine Massendemonstration im Kleinformat.

    Der Künstler hat medial verbreitete Bilder von Demonstranten ausgeschnitten und zu einem Protestzug zusammengefügt. "Molloy greift damit das emotionale Verhältnis zwischen einem Individuum und der Gesellschaft auf. Die Protestierenden tragen alle ein emotionales Anliegen vor ihren Körpern her und wollen so öffentlich wahrgenommen werden", erklärt Sabine Winkler, Kuratorin der Ausstellung mood swings.

    Winkler stellt in ihrer Schau im Freiraum Q21 die Frage, wie Emotionen und Stimmungen in die Gesellschaft hineinwirken. Besonders fokussiert die Ausstellung dabei auf Politik, Wirtschaft, Medien und Technologie. "Es geht darum, zu betrachten, wie und warum Emotionen analysiert und instrumentalisiert werden", erklärt sie. Antworten versucht Winkler in den wenigen, aber klug ausgewählten Werken zu finden, die ein breites Themenfeld abstecken. Wenig überraschend ist, dass dabei auch der Populismus seinen Platz findet.

    Aus einer Ecke, ein paar Schritte weiter von Molloys stummer Demonstration, hallt eine Männerstimme durch den Raum. An einem Rednerpult kann man per Knopfdruck politische Reden voller leerer Phrasen abspielen, in denen ein Politiker namens Norbert Nadler zum Beispiel fragt: "What makes a man a man?"

    Freude in Prozent

    Das Künstlerduo Harteg Nadler startete eine fiktive Wahlkampagne, mit einem der Künstler als Politiker Norbert Nadler. Nadler besuchte ein Schützenfest, eröffnete die Fußballsaison und schüttelte bei Wahlveranstaltungen Hände. Sein Slogan lautet schlicht und einfach "Stimmt", er ist ein ideologieloser Politiker, der sich den gefragten Ideologien und Stimmungen anpasst. So kann er zur Projektionsfläche für jede Enttäuschung, Angst oder Hoffnung für die Zukunft werden.

    Neben der politischen Emotionalisierung zieht sich auch die Digitalisierung als roter Faden durch die Ausstellung. Fast 30 Nasen, gerümpft oder nicht, projiziert der Künstler Ruben van de Ven auf eine Leinwand. Daneben mindestens so viele Augenbrauenpaare und Lippen – geschürzt, angehoben und zusammengekniffen. Nüchtern bewertet die App Emotion Hero die Emotionen auf den Bildern in Prozentpunkten. 4,5316 % Überraschung und 85,6321 % Freude.

    Dazu kann man fünf weitere Emotionen auswählen und vor der Handykamera einüben. So könne man "die richtige emotionale Antwort in jeder Situation" lernen, wird das Videospiel beworben. Der Künstler untersucht damit Emotionserkennungsprogramme, wie sie von Konzernen bei Bewerbungsgesprächen und Mitarbeitertrainings verwendet werden. "Van de Ven will zeigen, dass es eben nicht objektiv ist, wie Emotionen zugeordnet werden", sagt Winkler. "Aber er weist auch darauf hin, wie Konzerne Daten speichern, sammeln und auswerten."

    So greift mood swings hochaktuelle Themen auf und wagt vielleicht einen Blick in die Zukunft: Mit dem von Antoine Catala entwickelten Emobot kann man Emotionen realer Personen auf einen Roboter übertragen, um so nicht anwesende Personen emotional zu vertreten. Auf einer Leinwand wird so gerade die Mimik eines elfjährigen Jungen auf den Emobot übertragen, gespenstisch spricht eine Kinderstimme dazu. Was bleibt, ist ein unheimlicher Nachgeschmack. (Eva Walisch, 11.4.2017)

    • Die allgemeine Proteststimmung will Tom Molloy mit seinem oft widersprüchlichen Protestzug aus Papier zeigen ("Protest", 2011).
      foto: suchart wannaset, courtesy: lora reynolds gallery. tom molloy, protest

      Die allgemeine Proteststimmung will Tom Molloy mit seinem oft widersprüchlichen Protestzug aus Papier zeigen ("Protest", 2011).


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