Bombenkrater als Hotspots der Artenvielfalt

17. April 2017, 14:00
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Alte Bombenkrater können teilweise gar bedrohte Spezies beherbergen. Forscher untersuchen nun ihre Bedeutung für den Naturschutz

Lunz – Vielleicht war die deutsche Luftwaffe schuld. Ihre Jäger könnten die US-amerikanischen Bomber in Bedrängnis gebracht haben. Deren eigentliches Ziel war vermutlich der mehrere Kilometer weiter nördlich gelegene Militärflugplatz. Diesen verfehlten sie, und so hagelte es um das Dorf Apaj Bomben. Die Krater sind bis heute da, berichtet Csaba Vad.

Vad ist kein Historiker, sondern Biologe, tätig am Forschungsinstitut Wassercluster Lunz. Sein Interesse an den Bombentrichtern ist ökologischer Natur. Die Kriegsspuren liegen inmitten der zentralungarischen Pusztalandschaft, südlich von Budapest. Ein Teil der Region gehört zum Kiskunság Nationalpark. Wiesen, Feuchtland und Sanddünen prägen das Gebiet. Ähnlich wie im burgenländischen Seewinkel enthält der Boden vielerorts Sodasalze. Das abwechslungsreiche Terrain umfasst unterschiedliche Habitate, tausende Tier- und Pflanzenarten finden hier geeignete Lebensräume. Auch die Bombenkrater spielen eine tragende Rolle.

Gefährdete Spezies

Die Trichter sind meist mit Wasser gefüllt, trocknen im Sommer jedoch aus, wie Vad berichtet. Größe und Bewuchs der Löcher sind sehr verschieden. In manchen sprießt ein Dickicht aus Schilf und Seggen, andere wiederum haben praktisch keine Vegetation vorzuweisen. Das liegt am Salz, meint Vad. Die Konzentrationen von Natriumcarbonat und weiteren gelösten Mineralien erreichen zum Teil fünf Gramm pro Liter. Die meisten Pflanzen halten das nicht aus. Trotzdem gibt es Organismen, die in solchem Brackwasser bestens gedeihen. Dazu gehören die seltenen Feenkrebse der Art Chirocephalus carnuntanus. Sie gelten als potenziell gefährdet.

Zusammen mit Kollegen aus Lunz und mehreren ungarischen Institutionen hat Csaba Vad die Artenvielfalt der Bombenkrater von Apaj genauer unter die Lupe genommen. Die Forscher wählten eine Gruppe von insgesamt 54 Trichtern aus, die in einem Umkreis von weniger als einem Kilometer liegen. Das Team sammelte systematisch Wasserproben und wirbelloses Getier. Das Material wurde im Labor untersucht, jede einzelne Art, Gattung oder Familie identifiziert. Zur Erfassung von Amphibien und Reptilien führten die Wissenschafter zusätzliche Begehungen durch.

Viele Funde

Das Ergebnis der Suche kann sich sehen lassen. 194 verschiedene Tierarten beinhaltet die Fundliste, plus 80 Diatomeen-Spezies, auch Kieselalgen genannt. Eine der letzteren, Surirella brightwelli, wurde erstmals in Ungarn nachgewiesen. Interessant ist zudem der Vergleich zwischen dieser Inventur und bereits vorliegenden Studien zur Biodiversität in natürlichen Salzlacken.

Die Bombenkrater scheinen gute Ersatzhabitate zu sein. Insgesamt sind aus ungarischen Sodagewässern 61 Käferarten bekannt, in den Trichtern kommen 52 vor. Bei den Amphibien und Reptilien sind sogar sämtliche Spezies vertreten. Bemerkenswert ist die Präsenz der Europäischen Sumpfschildkröte. Sie pflanzt sich erfolgreich in den Kratern fort.

Anpassung an Austrocknung

Auch wenn die Löcher viele Arten beherbergen: Einfache Habitate sind sie nicht. Das regelmäßige Austrocknen erfordert von den Bewohnern Anpassung. Die Libelle der Gattung Lestes dryas zum Beispiel hat deshalb ihren Lebenszyklus beschleunigt. "Ihre Generationszeiten sind sehr kurz", sagt Vad. Die Larven können sich innerhalb von sechs Wochen zum flugfähigen Insekt entwickeln. Bei anderen Libellenspezies dauert das Monate oder Jahre. Große Nutznießer der Trockenperioden sind unter anderem die Amphibien. Sie profitieren von der Abwesenheit von Fischen, die ihre Kaulquappen fressen würden.

Die Wissenschafter machten noch eine faszinierende Entdeckung. Sie unterzogen die – oft sehr diversen – Artenbestände der einzelnen Bombentrichter einer statistischen Analyse und stellten fest, dass die Biodiversität Verteilungsmustern folgt. Die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften wird vor allem von der Salinität und dem Bewuchs geprägt. Spezies ersetzen sich jedoch gegenseitig, je nach vorherrschenden Umweltbedingungen.

Netzwerkeffekt begünstigt Artenvielfalt

Den Auswertungen zufolge wird die Artenvielfalt der Landschaft insgesamt durch einen zwischen den Kratern auftretenden Netzwerkeffekt begünstigt. Mit anderen Worten: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Ein Studienbericht erschien heuer in Fachmagazin Biological Conservation (Bd. 109, S. 253). Für den Naturschutz liefert die Erhebung mehrere wichtige Einblicke.

Zum einen würde es nicht ausreichen, nur einzelne, besonders artenreiche Elemente, in diesem Fall Krater, zu erhalten. Das Netzwerk ginge verloren – und damit ein Teil der Biodiversität. Andererseits haben die Hinterlassenschaften des Krieges offenbar eine wichtige Funktion als Refugium für zahlreiche, zum Teil bedrohte Spezies übernommen.

In Europa sind in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Weiher, Teiche und andere Kleingewässer verschwunden. Die meisten wurden im Zuge der Landwirtschaftsintensivierung zugeschüttet. Sogar die ungarische Kiskunság- Region verlor 80 Prozent ihrer Sodatümpel.

Die Bombentrichter müsse man unbedingt erhalten, betont Vad. Sie sind zu wahren Hotspots der Artenvielfalt geworden. Anderswo dürfte es auch sinnvoll sein, neue Teiche zu graben. Diese könnten gefährdeten Spezies als Trittsteine für die Wiederbesiedlung von ganzen Gebieten dienen. (Kurt de Swaaf, 17.4.2017)

  • Der seltene Feenkrebs Chirocephalus carnuntanus (oben) ist eine der potenziell gefährdeten Arten, die Biologen in ungarischen Bombentrichtern (unten) aufgespürt haben.
    foto: imre potyó

    Der seltene Feenkrebs Chirocephalus carnuntanus (oben) ist eine der potenziell gefährdeten Arten, die Biologen in ungarischen Bombentrichtern (unten) aufgespürt haben.

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    foto: zsófia horváth
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