Warum der Klimawandel nicht als Fluchtgrund gilt

Interview13. April 2017, 07:00
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Hunderte Millionen Menschen sind durch den Klimawandel in Gefahr – wie die Staaten damit umgehen, kritisiert Sozialwissenschafter Godfrey Baldacchino

STANDARD: Im Jahr 2015 ging der Fall des 39-jährigen Kiribatiers Ioane Teitiota durch die Medien. Er wollte der erste weltweit anerkannte Klimaflüchtling werden. Doch er wurde von Neuseeland abgeschoben. Wissen Sie etwas über sein Schicksal?

Baldacchino: Nein. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass er jemals als Klimaflüchtling anerkannt wird. Wäre das so, würden sich die Schleusen öffnen – denn es gibt Millionen Menschen, die jetzt oder in naher Zukunft einen ähnlichen Anspruch geltend machen könnten. Welche Regierung würde das anerkennen?

STANDARD: Was ist der genaue legale Status dieser potenziellen Klimaflüchtlinge?

Baldacchino: Es gibt keinen.

STANDARD: Und das wird sich nicht ändern?

Baldacchino: Ich kann die Zukunft nicht voraussagen. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Umwelt jemals ein entscheidender Faktor bei der Anerkennung von Flüchtlingen sein wird.

STANDARD: Gibt es Studien, die die genaue Zahl der Menschen erhoben haben, die ihr Land wegen des Klimawandels verlassen würden?

Baldacchino: Natürlich, das ist eine recht einfache mathematische Aufgabe. Was man dafür benötigt, sind Voraussagen über den Anstieg des Meeresspiegels. 60 Prozent der Weltbevölkerung leben in der Nähe einer Küste. Historisch betrachtet war es eine gute Wahl, sich dort niederzulassen. Doch das trifft heute nicht mehr zu.

STANDARD: Wie viele sind davon weltweit betroffen?

Baldacchino: Drei bis vierhundert Millionen. Hundert Millionen stammen aus nur einem Land – aus Bangladesch.

STANDARD: Und diese hundert Millionen Bangladescher sind schon in Bewegung – oder potenziell gefährdet?

Baldacchino: Sie sind potenziell in Gefahr. Und wenn sie versuchen, ihr Land zu verlassen, dann bekommen sie Probleme. Indien, das Bangladesch mehr oder weniger umgibt, ist diesen Leuten gegenüber nicht unbedingt einladend gestimmt. Indien hat jetzt schon ein Bevölkerungsproblem und braucht nichts weniger als Millionen Menschen, die über die Landesgrenze kommen.

STANDARD: Wie gehen westliche Staaten mit diesem Widerspruch in der Praxis um?

Baldacchino: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich bin mit der Air Malta nach Wien geflogen. Im Flugzeugmagazin von Air Malta wird ganz offen für Menschen geworben, die eine zweite Heimat suchen. Diese Werbung richtet sich an eine Elite, an wohlhabende Menschen. Wer Geld hat oder bereit ist zu investieren, kann in westlichen Ländern ohne Probleme einen Pass bekommen. Das gilt auch für Österreich. Migration kennt keine Moral. Diese "Invasoren" sind willkommen.

STANDARD: Die internationale Staatengemeinschaft hat den Klimawandel als drängendes Problem anerkannt. Doch wenn es um die sozialen Folgen des Klimawandels geht, schließt sie die Augen. Ist das nicht paradox?

Baldacchino: Das ist Teil einer Strategie. Diese Strategie lautet wie folgt: Die Staatengemeinschaft macht den Klimawandel als Problem sichtbar. Was sie ebenso sichtbar macht, sind die Strategien, mit denen die Menschen ihrer Ansicht nach darauf reagieren sollten, nämlich durch Anpassung und Milderung. Milderung bedeutet, die Ursachen zu bekämpfen, also etwa die Reduzierung von Emissionen und Luftverschmutzung. Anpassung bedeutet etwa die Pflanzung von Mangroven oder die Förderung von Recycling. Das Problem daran ist: Beide Strategien setzen voraus, dass die Menschen dort bleiben, wo sie sind. Historisch betrachtet bestand die Lösung solch schwerwiegender Probleme darin, das Land zu verlassen. Doch das will niemand.

STANDARD: Die wissenschaftliche Faktenlage ist allerdings eindeutig. Der blutige Darfur-Konflikt 2003 begann mit einer Dürre und der Erosion des Bodens im Westsudan. Das führte zu Konflikten, Krieg und einer Völkerwanderung. Warum ist die Stimme der Wissenschaft in diesem Fall nicht überzeugend?

Baldacchino: Das kann ich leider nicht beantworten. Es gibt vier Länder, in denen solche Eskalationen für möglich erachtet werden. Eines davon ist Nigeria, wo die Bevölkerung so schnell wächst wie kaum anderswo auf der Welt. Nigeria wird in ein paar Jahrzehnten mehr Einwohner haben als Indien. Die offizielle Lösung des Klimawandel-Problems lautet wie gesagt, dass die Menschen aus diesen Ländern vor Ort eine nachhaltige Lebensgrundlage entwickeln sollen. Was aber viele vergessen, ist: In Zentralafrika werden die Temperaturen durch den Klimawandel drei Grad steigen. Das macht viele der Nachhaltigkeitsstrategien in diesem Teil der Welt mehr oder minder nutzlos.

STANDARD: Wer ist für diese, wie sie sagen, "nutzlosen Strategien" verantwortlich?

Baldacchino: Alle Nationalstaaten mit dieser Agenda: Norwegen, Schweden, die USA, Kanada, China, Japan, vermutlich auch Österreich – alle großen Player sind der Ansicht, dass man eine globale Migrationskrise nur durch Nachhaltigkeit in den betroffenen Ländern verhindern kann.

STANDARD: Wie beurteilen Sie die Klimapolitik von Trump und Putin? Wie es scheint, versuchen beide, den Klimawandel als Problem zu verniedlichen.

Baldacchino: Politiker müssen immer ihre Wähler und Wählerinnen im Auge behalten. Klimawandel ist ein mittel- bis langfristiges Thema, das Politiker daher mitunter auf dem Altar der Wählbarkeit opfern. Aus dieser Sicht gibt es drängendere Probleme: Trump hat die Arbeitsplätze im Auge, industrielle Interessen sind für viele Politiker wichtig, Putin inklusive. Wir werden sehen, ob ihr Spiel erfolgreich ist oder nicht.

STANDARD: Wenn das zutrifft, müsste die Politik bei langfristigen Problemen prinzipiell versagen.

Baldacchino: Da möchte ich widersprechen. Politik bedeutet nicht nur, auf die Umfragen zu schielen. Politik bedeutet auch, Führung zu übernehmen. Es gibt sehr wohl Fälle, wo Politiker einen Trend erkannt – und etwas anderes getan haben, als ihre Wähler es erwartet hätten. Doch dafür braucht es Führungspersönlichkeit, Charisma und den Willen zu Risiko.

STANDARD: Wer hätte das Charisma, wer hätte die Führungspersönlichkeit?

Baldacchino: Ich weiß es nicht.

STANDARD: Was passiert, wenn die USA aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen?

Baldacchino: 1997 hat der US-amerikanische Senat mit 95 zu null Stimmen gegen das Kioto-Protokoll gestimmt. So gesehen ist das keine große Sache. Die USA haben Entscheidungen in Umweltfragen immer verschleppt. Die Regierung unter Obama war nur eine kurzzeitige Veränderung.

STANDARD: Wenn die Amerikaner aussteigen – warum sollten sich dann die Chinesen zum Pariser Abkommen bekennen?

Baldacchino: Da haben Sie recht, doch Xi Jinping hat einige Male, vor allem kürzlich in Davos, interessante Aussagen gemacht. Es könnte sein, dass China in Klimafragen die Führung übernehmen wird. Momentan herrscht in dieser Frage ein politisches Vakuum – und diese Möglichkeit ist für China verlockend. (Robert Czepel, 13.4.2017)


Godfrey Baldacchino (56) forscht an der Universität Malta und ist Unesco-Co-Chair in Island Studies & Sustainability an der University of Prince Edward Island, Canada. Am 6. April hielt er an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag über Klimaflüchtlinge.

  • Ein Drittel bis ein Viertel der Menschen, die vom Klimawandel bedroht sind, leben in Bangladesch – im Bild ein Mann im Bezirk Bhola, wo einst sein Haus gestanden ist.
    foto: ap / shahria sharmin

    Ein Drittel bis ein Viertel der Menschen, die vom Klimawandel bedroht sind, leben in Bangladesch – im Bild ein Mann im Bezirk Bhola, wo einst sein Haus gestanden ist.

  • Der Sozialwissenschafter Godfrey Baldacchino forscht an der Universität Malta. Warum Politiker den Klimawandel oft vernachlässigen, hat für ihn damit zu tun, dass es sich dabei um ein mittel- bis langfristiges Thema handelt.
    foto: privat

    Der Sozialwissenschafter Godfrey Baldacchino forscht an der Universität Malta. Warum Politiker den Klimawandel oft vernachlässigen, hat für ihn damit zu tun, dass es sich dabei um ein mittel- bis langfristiges Thema handelt.

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