Missbrauchsprozess: Der Lustgreis im Pflegeheim

12. April 2017, 07:00
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Ein 85-Jähriger soll eine bettlägrige 90-Jährige im Intimbereich betastet haben. Er leugnet und behauptet, er habe ihren Bauch massiert

Korneuburg – Dass ein Richter einen Angeklagten anschreit, passiert äußerst selten. Im Prozess gegen Karl H. hat Helmut Neumar, Vorsitzender des Schöffengerichts in Korneuburg, aber allen Grund dazu. Denn sein Gegenüber ist 85 Jahre alt und hört nicht mehr so recht. Was zu folgendem Dialog führt: "Haben Sie einen Hörapparat?" – "Nein, noch nie einen gehabt." – "Wäre aber nicht schlecht", gibt Neumar eine Empfehlung ab.

Der Prozess dreht sich um eine ungewöhnliche und ernste Sache: Der Pensionist soll in einem Pflegeheim eine bettlägrige und demente 90-Jährige sexuell missbraucht haben. Er leugnet das und spricht von Hilfsbereitschaft.

Angebliche Bauchmassage

Das Opfer lag in einem Zweibettzimmer, in dem auch eine Bekannte von H. betreut wurde. "Ich habe sie vier Jahre lang besucht, fast jeden Tag!", erzählt der Angeklagte. Dabei habe er sich auch um die mittlerweile verstorbene Frau S. gekümmert. "Sie hat einmal 'Schwester, Schwester, mir tut der Bauch so weh!' gerufen." Daher habe er ihr den Bauch massiert, behauptet der Greis. "Das ist die Wahrheit, wieso glaubt mir niemand?", wundert er sich. "Wenn Sie mir die Wahrheit sagen, glaube ich es Ihnen vielleicht", entgegnet der Vorsitzende.

Denn am 31. Dezember und am 22. Jänner haben zwei Pflegerinnen etwas ganz anderes wahrgenommen. Die erste Zeugin sagt hinsichtlich des Vorfalls im Jänner aus. Sie sei kurz vor 17 Uhr mit dem Essen ins Zimmer gekommen. "Da ist er am Bett gestanden und hat die Hand unter der Decke im Intimbereich von Frau S. bewegt." Dann habe sie auch bemerkt, dass die Inkontinenzeinlage, eine Art Windel, heruntergeklappt gewesen sei.

Ertappt gefühlt

"Er hat auch noch 'Gfoids da?' gesagt, bevor er mich bemerkt hat", schildert die Pflegerin. "Ich habe dann 'Schleich di!' gesagt, da ist er dann rasch gegangen. Er kam sich ertappt vor."

Sie glaubt auch nicht, dass die Frau über Bauchschmerzen geklagt habe. "Sie hat überhaupt nicht mehr viel geredet. Wenn man eine Frage gestellt hat, hat sie begonnen, das Vaterunser zu beten." Sie sei außer sich gewesen, betont sie noch: "I hob ziddad wi a Lamperlschwaf."

Die zweite Mitarbeiterin hat Herrn H. am 31. Dezember ebenso überrascht, als sie ins Zimmer kam. "Das habe ich aus zwei Meter gesehen, dass er mit der einen Hand die Decke hochhielt und mit der anderen die Windel wegklappte." Auch da ließ er sofort von der Frau ab.

Selbstanzeige erstattet

Nach dem zweiten Vorfall hat der 85-Jährige Stationsverbot bekommen, der Direktor des Heimes forderte ihn zur Selbstanzeige auf, was der Angeklagte auch machte. Der Senat braucht nicht lange zur Beratung und verurteilt Herrn H. nicht rechtskräftig zu 3.600 Euro Geldstrafe, weitere 3.600 Euro werden ihm bedingt nachgesehen.

"I bin 85!", beschwert er sich bei Neumar. "Das spielt ja keine Rolle. Alter schützt vor Dummheit nicht", entgegnet der. "Das ist eine traurige Geschichte. Angesichts Ihres Alters macht eine Gefängnisstrafe keinen Sinn, aber es muss ein spürbares Übel sein", begründet der Vorsitzende die Entscheidung. (Michael Möseneder, 12.4.2017)

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