The Necks: Einmal alles gleichzeitig, bitte!

12. April 2017, 08:00
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Das australische Trio spielt "Jazz", der keiner sein kann – und es entdeckt in der freien Improvisation die Schönheit des Moments. Seine Intensität lässt die Zeit auch auf dem Album "Unfold" stillstehen

Wien – Die aus dem Moment entstehenden Improvisationen dauern in der Regel bis zu einer Stunde. Wobei man angesichts des musikalischen Schaffens des australischen Trios The Necks kaum von einem Arbeitsplan oder Regelwerk sprechen kann. In der Regel gilt bei Pianist und Organist Chris Abrahams, Schlagzeuger Tony Buck und Bassist Lloyd Swanton höchstens die Ausnahme davon.

foto: chris holly
Das australische Freistil- und Improvisationstrio The Necks lässt die Zeit stillstehen und legt darin eine unglaubliche Dynamik zutage.

Aktuell hat man sich zwar auf dem Vinyldoppelalbum Unfold, erschienen auf dem von Sunn-O)))-Gitarrist Stephen O'Malley betriebenen Experimentlabel Ideologic Organ, nach knapp 20 CD-Veröffentlichungen seit 1989 auf einen seltenen, technisch bedingten Kompromiss einigen können. Statt wie gewohnt eines, produzierte man eben vier Stücke, also eines pro Schallplattenseite. Aufgrund der Klangqualität des Vinylformats können diese nicht viel länger als jeweils 20 Minuten dauern, bevor der Sound der Pressung auszudünnen beginnt. Allerdings kann der Hörer die Reihenfolge der Stücke selbst bestimmen. Es gibt keine Markierungen von A-, B-, C- und D-Seite.

Das bringt bei den vor allem in Musikerkreisen hochverehrten älteren Herren auch nichts. The Necks starten ihre Entdeckungsreisen nicht an einem ominösen Punkt A, um von dort über die Bundesstraße B und die baubedingte Umleitung über den Güterweg C (mit einer Mittagspause im Dorfgasthaus C.1) ans Ziel D zu gelangen – wo sich zum Finale ein wunderschönes Landschaftspanorama auftut und wir uns alle trotz der langen Fahrt etwas erschöpft und verspannt, aber überglücklich und überwältigt fühlen.

Ist das Jazz, Postrock, Ambient, Drone oder New Age mit teilweise düsteren Zukunftsprognosen? The Necks spielen alles gleichzeitig. Und sie begehen so gut wie nie den Fehler, Stücke nach einem bedächtigen, zeitraubenden wie unglaublich intensiven und Gänsehaut hervorrufenden Aufbau in befreienden Soundkaskaden oder kathartischen Lärm und alles niederwalzenden Klangblöcken aufzulösen.

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Wie in Blue Mountain, dem zentralen Stück von Unfold, unter Beweis gestellt, startet die Band, ausgehend von einem berückend schönen Pianomotiv, erst einmal mit einer Meditation auf sanfter Freejazzbasis. Die einfache, klare Melodie wird immer wieder minimal variiert, darunter rattert und scheppert das freigeistige Schlagzeug Tony Bucks in seinem unnachahmlichem, erstaunlicherweise völlig unaggressiven Stil teilweise so, als würde ein leichtes Erdbeben daheim in der Küchenzeile die Besteckschublade durchrütteln.

Sich aufbauende Wellen

Irgendwann nach fast einer Viertelstunde setzt eine gerade durchmarschierende sanfte Basstrommel ein. Das Piano und eine etwas geisterhaft durch das Stück wehende Orgel, die nach einem ewigen Intro für einen Gospelsong klingt, haben sich immer stärker zurückgenommen. Gemeinsam driftet das Trio in sich mächtig aufbauenden, allerdings nicht brechenden Wellen, auch mit einem eher am Geräusch denn am Klang interessierten, tendenziell eintönigen Kontrabass (der an anderer Stelle im Übrigen auch gern mit Bogen behandelt wird) Richtung Schlussakkord. Ganz am Ende zischeln die Becken.

Alles hat sich gedreht, alles hat sich bewegt. Danach Stille – und das endlose Knistern der Auslaufrille, so man keinen langweiligen Automatikplattenspieler besitzt. Merke, die mit eiernden Kratzgeräuschen der Tonabnehmernadel befeuerte Stille danach ist bei The Necks und Unfold sehr wichtig. Wirkung bedeutet immer auch: Nachwirkung. Immer schön Staub auf der Nadel ansetzen lassen. Patina ist eine Tochter der Zeit.

Zwischen allen Stühlen

The Necks lassen die Zeit stillstehen. Sie entdecken in dieser Aufhebung linearer Strukturen Freiräume, in denen sich ungeahnte Dynamiken offenbaren.

Möglicherweise handelt es sich bei Unfold schon aufgrund der Stücklängen um das zugänglichste Album von The Necks. Nach ihrem Debüt Sex von 1989, Folgearbeiten wie Hanging Gardens, Aether, dem programmatischen Piano Bass Drums und zuletzt Vertigo von 2015 wird von diesen drei Musikern jedenfalls eine Haltung gefestigt, die felsenfest zwischen allen Stühlen sitzt, ohne dabei in Erstarrung zu verfallen.

Der fabelhafte US-Musiker und Produzent Jim O'Rourke hört The Necks übrigens jeden Morgen eine Stunde lang, um gut drauf zu werden. Nur so als Tipp. (Christian Schachinger, 12.4.2017)

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