Social-Media-Aktivität: Je mehr virtuelle Freunde, umso eher ist man Narzisst

18. April 2017, 09:00
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Aktuelle Meta-Analyse zeigt, dass "großspurige" Narzissten in sozialen Medien verstärkt vertreten sind

Würzburg – Das Internet und hier ganz besonders die diversen sozialen Netzwerke scheinen für Narzissten wie geschaffen: Selbstverliebte, die sich nach Bestätigung sehnen, haben auf der digitalen Bühne ein großes Publikum, können sich von ihrer besten Seite zeigen und bekommen die Zustimmung, etwa in Form von "Likes", direkt präsentiert. Ob Menschen mit einer narzisstischen Ader von sozialen Medien tatsächlich besonders angezogen werden, konnten bisherige Studien jedoch nicht eindeutig beantworten. Das eine Mal war der Zusammenhang zwischen Narzissmus und dem Auftritt bei Facebook, Twitter und Co. eindeutig gegeben, mal nur schwach nachweisbar und bisweilen drehte er sogar ins Gegenteil.

Neue Erkenntnisse in dieser Frage präsentierten nun deutsche Wissenschafter. Sie konnten mit einer Meta-Analyse aus 57 Studien mit insgesamt mehr als 25.000 Teilnehmern zeigen, dass es einen schwachen bis mäßig stark ausgeprägten Zusammenhang zwischen einer bestimmten Form von Narzissmus und den Aktivitäten in sozialen Medien gibt. Beim differenzierten Blick auf bestimmten Verhaltensweisen oder auf die Herkunft der Teilnehmer zeigt sich in einigen Fällen sogar ein ausgeprägter Effekt.

Was ist ein Narzisst?

Narzissten halten sich für besonders begabt, bemerkenswert und erfolgreich. Sie lieben es, sich vor Anderen zu präsentieren und brauchen die Bestätigung durch Dritte: So beschreiben Psychologen das typische Verhalten von Menschen, die landläufig als Narzissten bezeichnet werden. "Dementsprechend wird vermutet, dass soziale Netzwerke wie Facebook für sie eine ideale Bühne bieten", sagt Studienautor Markus Appel von der Universität Würzburg.

In den Netzwerken finden sie leicht eine große Zahl von Adressaten; sie können dort gezielt die Informationen über sich preisgeben, die ihnen ins Konzept passen. Und sie können akribisch an ihrer Selbstdarstellung feilen. Kein Wunder, dass deshalb schon frühzeitig in der Wissenschaft die Befürchtung aufkam, soziale Netzwerke könnten Narzissten geradezu ausbrüten.

Drei Hypothesen

Ganz so schlimm ist die Situation allerdings nicht, wie die jetzt im "Journal of Personality" veröffentlichte Meta-Analyse zeigt. Drei Hypothesen haben Appel und sein Kollege vom Timo Gnambs Leibniz-Institut für Bildungsverläufe darin auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht. Zum einen die These, dass die prahlerischen Narzissten häufiger in sozialen Netzwerken zu finden sind als Vertreter einer anderen Form von Narzissmus – des sogenannten "verletzlichen Narzissmus". Letztere sind geprägt von einer starken Unsicherheit, einer Überempfindlichkeit im Umgang mit anderen Menschen und mit dem Drang, sich von der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Die zweite These besagt, dass der Zusammenhang zwischen Narzissmus und der Zahl der Freunde sowie bestimmten Aktivitäten der Selbstpräsentation deutlich größer ist – verglichen mit den sonstigen Aktivitäten, die in sozialen Netzwerken möglich sind.

In ihrer dritten Hypothese stellen die Wissenschafter die Behauptung auf, dass der Link von Narzissmus und dem Verhalten im Netz kulturellen Einflüssen unterliegt. In Kulturen, in denen das Individuum weniger zählt als die Gemeinschaft oder in denen die Rollen eindeutig festgeschrieben sind, bieten soziale Medien Narzissten die Chance, aus diesem Gerüst von Regeln auszubrechen und sich so zu präsentieren, wie es für sie in der Öffentlichkeit nicht möglich wäre.

Je mehr Freunde umso eher ein Narzisst

Tatsächlich bestätigt die Auswertung der 57 Studien die Hypothesen der Forscher. Großspurige Narzissten sind in sozialen Netzwerken häufiger anzutreffen als "verletzliche Narzissten". Und je größer die Zahl der Freunde und je häufiger jemand Bilder von sich hochlädt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Narzissten handelt. Dabei spielt das Geschlecht der Nutzerinnen und Nutzer keine Rolle; auch das Alter zeigt keinen Einfluss. Typische Narzissten verbringen mehr Zeit in ihrem Netzwerk als der durchschnittliche Besucher und sie zeigen dort typische Verhaltensmuster.

Geteilt fällt das Ergebnis für den Einfluss der Kultur auf das Nutzungsverhalten aus. "In Ländern, in denen ausgeprägte soziale Hierarchien und eine ungleiche Machtverteilung im Durchschnitt eher akzeptiert werden, wie etwa Indien oder Malaysia, ist die Korrelation zwischen Narzissmus und dem Verhalten in sozialen Medien stärker ausgeprägt als in Ländern wie etwa Österreich oder den USA", sagt Appel. Einen vergleichbaren Einfluss des Faktors "Individualismus" zeigte die Auswertung der Daten aus 16 verschiedenen Ländern von vier Kontinenten hingegen nicht.

Die Generation Me

Ist die vielzitierte "Generation Me" also ein Produkt von sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram, weil diese narzisstische Tendenzen fördern? Oder sind ihre Vertreter sowieso da und finden nur auf diesen Seiten die ideale Spielwiese für sie? Diese Fragen konnten die beiden Wissenschafter mit ihrer Studie nicht wirklich beantworten.

"Wir vermuten, dass das Verhältnis von Narzissmus und dem Verhalten in sozialen Medien dem Muster einer sich selbst verstärkenden Spirale folgt", sagt Appel. Eine individuelle Disposition steuere die Netzaktivitäten; diese Aktivitäten wiederum verstärkten die Disposition. Um diese Frage endgültig zu klären, seien jedoch weitere Untersuchungen über längere Zeiträume hinweg notwendig. (red, 18.4.2017)

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