Frankreich: Flüchtlingslager nach Unruhen niedergebrannt

11. April 2017, 05:30
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Zuvor gab es Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Afghanen – Bewohner wurden in Sicherheit gebracht

Paris – Bei einem Großbrand ist ein Flüchtlingslager in Nordfrankreich nach Kämpfen zwischen hunderten Campbewohnern nahezu vollständig zerstört worden. In dem Lager in Grande-Synthe bei Dünkirchen brannten in der Nacht auf Dienstag die meisten der 300 Flüchtlingsunterkünfte nieder, wie die Behörden mitteilten. Mehrere Menschen wurden verletzt.

"Es müssen an mehreren Stellen Feuer gelegt worden sein, anders ist das nicht möglich", sagte der Büroleiter des Bürgermeisters von Grande-Synthe, Olivier Caremelle, der Nachrichtenagentur AFP. "Vermutlich gibt es eine Verbindung zu Kämpfen zwischen Irakern und Afghanen." Näheres müssten die Ermittlungen noch zeigen. Der zuständige Präfekt Michel Lalande sagte, das im März 2016 errichtete Lager sei in einen "Haufen Asche" verwandelt worden. Die Errichtung neuer Flüchtlingsunterkünfte sei dort "unmöglich".

In dem Lager am Ärmelkanal hatten sich irakische Kurden und Afghanen am Montag heftige Kämpfe geliefert. Daran beteiligt waren nach Polizeiangaben zunächst 200 Flüchtlinge, später sogar 600. Sechs Menschen wurden mit Messern verletzt. Bei dem anschließenden Großbrand wurden mindestens zehn Menschen verletzt. Die Kämpfe zwischen den Flüchtlingen gingen bis in die Nacht weiter. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Die Beamten wurden aber immer wieder mit Steinen beworfen, wie ein AFP-Journalist berichtete.

Etwa 500 Migranten aus Grande-Synthe wurden zunächst in Turnhallen untergebracht, wie die Regionalzeitung "La Voix du Nord" berichtete. 59 Feuerwehrleute waren im Einsatz, um die Flammen zu löschen. Insgesamt seien rund 20 Personen von Rettungskräften behandelt worden, berichtete der Sender BFMTV. Die Regierung kündigte an, dass eine Untersuchung den Hergang klären solle.

Der Innenminister und die Wohnungsbauministerin wollten am Dienstagnachmittag nach Grande-Synthe reisen. Die französische Regierung hatte Mitte März angekündigt, das Flüchtlingslager in Grande-Synthe auflösen zu wollen. Der damalige Innenminister Bruno Le Roux nannte die Zustände in dem Lager unhaltbar und verwies auf Prügeleien zwischen Flüchtlingen.

Die Spannungen in Grande-Synthe hatten nach der Schließung des Flüchtlingslagers im 40 Kilometer entfernten Calais im vergangenen Herbst zugenommen. Zahlreiche afghanische Flüchtlinge kamen nach dem Abriss des "Dschungels" nach Grande-Synthe. Das führte zu Konflikten mit bereits dort lebenden kurdischen Flüchtlingen. Nach Angaben von Beobachtern mussten die Afghanen in den Gemeinschaftsküchen leben, weil die Wohnhütten bereits von den irakischen Kurden belegt waren.

Le Pen nutzte Brand für Wahlkampf

Die Präsidentschaftskandidatin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, nutzte den Brand in Grande-Synthe umgehend für ihren Wahlkampf. "Das Chaos muss beendet werden", erklärte Le Pen und wiederholte ihre Ankündigung, sie würde nach einem Wahlsieg die Flüchtlingslager schließen und die Grenzen dichtmachen. Le Pen führt in den Umfragen für den ersten Wahlgang in knapp zwei Wochen vor dem unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron, der aber in der Stichwahl am 7. Mai in allen Umfragen als klarer Sieger gesehen wird.

Das Lager war vor etwas mehr als einem Jahr von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) und der Stadt Grande-Synthe eingerichtet worden. Es sollte internationalen Standards genügen und eine anständige Unterbringung ermöglichen: Die 300 Holzhütten ersetzten ein wildes Zeltlager, in dem sich bis dahin hunderte Flüchtlinge unter erbärmlichen Umständen aufgehalten hatten. Der Staat hatte das Projekt anfangs kritisch beäugt, dann aber doch den Betrieb finanziert. MSF zog sich jedoch vor einigen Monaten zurück und kritisierte den zunehmenden Druck der Behörden.

In Nordfrankreich sammeln sich seit Jahren immer wieder Migranten, die illegal nach Großbritannien gelangen wollen. In dem Camp sollen zuletzt rund 1.500 Menschen gelebt haben. Die meisten von ihnen stammen aus Nordafrika und dem Nahen Osten. In der vergangenen Woche hatten Migranten versucht, mit Baumstämmen den Verkehr auf einer Fernstraße in der Nähe des Lagers anzuhalten – in der Hoffnung, per Lastwagen oder Auto nach Großbritannien zu gelangen. (APA, AFP, 11.4.2017)

  • Feuerwehr vor Ort.
    foto: afp

    Feuerwehr vor Ort.

  • Am Tag danach.
    foto: reuters

    Am Tag danach.

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