Creators Update im Test: Kleiner Schritt für Windows, ein großer für Paint

11. April 2017, 10:05
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Großes Potenzial als Tool für den 3D-Einstieg – Microsoft spendiert Windows 10 vor allem kleine Verbesserungen

Knapp ein halbes Jahr nach seiner Ankündigung hat Microsoft nun begonnen, das Creators Update für Windows 10 über den Windows-Update-Dienst zu verteilen. Der Prozess ist in Wellen organisiert, das Paket erreicht also nicht alle Nutzer auf einmal, sondern zuerst nur einen Teil. Die Gruppe der Empfänger wird anschließend über die kommenden Wochen und Monate stetig erweitert. Wer es eilig hat, kann den Update-Prozess aber auch manuell starten.

Funktionen für "Erschaffer" lautet das namensgemäße Versprechen. Dafür hat man die Xbox-Plattform aufgewertet, um sie für Gamer und Streamer attraktiver zu machen. Eine Neuauflage hat die Zeichensoftware Paint erhalten, die nun in die dritte Dimension vorstößt. Neuerungen gibt es auch für den Browser Edge und die Einstellungen der Privatsphäre. Der WebStandard hat das Creators Update unter die Lupe genommen.

Wiedergeburt eines Oldies

Es ist ausgerechnet die kleine Zeichensoftware Paint, deren Erneuerung im Vorfeld für viele Schlagzeilen gesorgt hat. Wenig verwunderlich, ist sie doch seit der ersten Windows-Version aus dem Jahr 1985 ein Fixbestandteil des Systems. Größere Funktionserweiterungen hat man der Software jedoch seit den 1990er-Jahren nicht mehr spendiert.

Mit dem Creators Update ist das Programm nun in zwei Versionen präsent. Einmal in der "klassischen" Ausgabe, die vielen Menschen geläufig ist. Und einmal als "Paint 3D". Letztere bringt auch alle bekannten Werkzeuge für zweidimensionales Zeichnen mit, ergänzt diese aber um touch- und Stift-taugliche Schaltflächen und Funktionen.

foto: derstandard.at/pichler

Der 3D-Abschnitt nimmt nun jene Rolle ein, die das klassische Paint lange für viele Nutzer hatte: den Einstieg in die Erstellung digitaler Kunstwerke ebnen. Dabei macht die neue Ausgabe im Grunde alles richtig. Sie beschränkt sich auf einfache Funktionen – die Erstellung grundlegender geometrischer Formen sowie die Möglichkeit, selbstgezeichnete 2D-Formen in die dritte Dimension zu "erweitern".

Mit etwas Herumprobieren lassen sich nette, wenn auch simple eigene Kreationen bauen. Auch komplexere Figuren sind möglich, wenn man der Software etwas mehr Zeit widmet.

Einfache Bedienung

Lob verdient Microsoft dafür, die Steuerung sehr zugänglich gehalten zu haben. Wer 3D-Modelling-Software wie Blender oder 3D Studio Max kennt, weiß, dass deren Oberfläche für Anfänger alles andere als einladend ist. Paint 3D schlägt in dieser Hinsicht sogar Tools wie Wings 3D, die an und für sich schon als sehr zugänglich gelten.

Das gilt nicht nur für das Erstellen von Modellen, sondern auch für deren äußerliche Gestaltung. Im 2D-Modus lassen sich 3D-Objekte mit den bekannten Malwerkzeugen bearbeiten, aber auch Oberflächentexturen und zusätzliche zweidimensionale Aufdrucke, genannt "Stempel", können einfach hinzugefügt und angepasst werden.

foto: derstandard.at/pichler

Tauschplattform

Freilich: Wer einen computeranimierten Film oder ein Videospiel kreiert, wird mit Paint 3D nicht das Auslangen finden. Wer aber einfach nur seiner Fantasie etwas freien Lauf gönnen oder flott etwas skizzieren möchte, bekommt hier ein gutes Werkzeug an die Hand gegeben. Eigene Kreationen können in verschiedenen 2D-Bildformaten sowie im 3D-Studio-kompatiblen Dateityp FBX oder dem Format 3MF für 3D-Druck exportiert werden.

Mit Remix 3D gibt es zudem eine Onlineplattform, über die Nutzer ihre Werke teilen und herunterladen können, was eine durchaus sinnvolle Idee ist. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie aktiv dieses Netzwerk für dreidimensionale Kunst letztlich verwendet werden wird.

Edge liest nun E-Books

Ausgebaut hat Microsoft auch den mitgelieferten Browser Edge, der nach wie vor ein Dasein im Marktanteilsschatten von Google Chrome und Mozilla Firefox führt. Als bedeutendste Neuerungen darf man hier eine integrierte E-Reader-Funktion sowie die Möglichkeit zur Speicherung von Tab-Gruppen verbuchen.

Mit Ersterem schafft Microsoft einen Ersatz für die schon länger stillgelegte "Reader"-App. Dieser unterstützt allgemeine E-Book-Formate wie EPUB, nicht aber Amazons proprietäre Kindle-Bücher. Neben der Anzeige der Bücher gibt es Basisfunktionen wie das Verstellen der Schriftgröße und Lesezeichen. Texte lassen sich auch vom Computer vorlesen. Ärgerlicherweise wird jedoch weder die Sprache eines Buches automatisch erkannt noch lässt sich die Vorlesesprache manuell umstellen – selbst wenn das entsprechende Sprachpaket am System installiert ist.

foto: derstandard.at/pichler

Speicherbare Tab-Gruppen

Die Möglichkeit, aktuell geöffnete Tabs zu hinterlegen und optional alle Seiten in die Favoriten aufzunehmen, ist praktisch und mit zwei Schaltflächen am linken oberen Fensterrand gut gelöst. Im Gegensatz zu Angaben aus dem Test eines US-Mediums merkt sich Edge die einzelnen Sammlungen auch über einen Neustart des Browsers oder des Systems hinweg.

Ebenfalls neu ist die Unterstützung von Erweiterungen durch Edge. Ein Schritt, der eigentlich längst überfällig ist, insbesondere wenn man Boden auf die Konkurrenz gutmachen möchte. Hier bleibt vor allem das Interesse der Entwickler abzuwarten, denn zum Testzeitpunkt waren lediglich 22 Extensions für Microsofts Surftool verfügbar. Eine Randnotiz sei hier auch noch angebracht: Edge ist der erste Browser, mit dem 4K-Inhalte von Netflix gestreamt werden können – allerdings nur, wenn man einen Prozessor von Intels aktueller "Kaby Lake"-Generation sein Eigen nennt.

Cortana?

Die Sprachassistentin Cortana soll mit dem Creators Update nützlicher werden. So soll sie nun nach neuen Inhalten – beispielsweise Songtexte – suchen können, in der Benachrichtigungsleiste Schnellzugriff auf zuletzt geöffnete Programme und Dateien bieten oder selbstständig To-Do-Einträge auf Basis ausgewerteter E-Mails vorschlagen. Das scheint, so man diversen US-Rezensionen glauben darf, auch gut zu funktionieren. Cortanas deutschsprachige Ausgabe verweigerte sich im Test diesbezüglich allerdings noch.

foto: derstandard.at/pichler

Windows nun mit Nachtlicht

Die Oberfläche von Windows 10 selbst lässt Microsoft weitgehend unangetastet. Dafür stehen Nutzern nun mehr Anpassungsmöglichkeiten zur Verfügung. Wer möchte, kann sich frische Designs nun aus dem Windows Store herunterladen. Außerdem gibt es nun einen "Nachtlicht"-Modus. Dieser ändert die Konfiguration des Bildschirms und reduziert den Blaulichtanteil. Damit sollen Inhalte im Dunklen angenehmer zu betrachten sein und der Hormonhaushalt des Körpers weniger stark beeinträchtigt werden.

Einige vorhandene Apps wie die Kamera oder Galerie hat man einem Facelifting unterzogen. Sie erhalten zwar keine neuen Funktionen, lassen sich aber besser bedienen. Spielern bietet man eine aufgewertete Xbox-App inklusive Streamingmöglichkeit mit dem neuen Service "Beam". Der Game-Mode hingegen soll beim Spielen etwas mehr Leistung aus dem Rechner kitzeln, der Performanceschub ist in der Realität allerdings kaum messbar.

Diagnosedaten nicht mehr gänzlich abschaltbar

In Sachen Datenschutz erlaubt Windows 10 nun feinere Einstellungen und mehr Kontrolle. Dazu liefert Microsoft auch mehr Erklärungen zu den jeweiligen Optionen. Gleichzeitig ist es aber nicht mehr möglich, die Übermittlung von Diagnosedaten über das eigene System an Microsoft komplett zu unterbinden. "Grundsätzliche Geräteinformationen" werden nun stets übertragen und sollen etwa dazu dienen, gehäufte Abstürze von Programmen unter bestimmten Hardwarekonfigurationen schneller auszumerzen. Datenschützern dürfte dies eher wenig Freude machen.

Im neuen Sicherheitscenter erhält man eine Übersicht und Hinweise zu sicherheits- und leistungsrelevanten Einstellungen des Computers. Man kann zudem Geräte von Familienmitgliedern konfigurieren und etwa bestimmte Nutzungszeiten für die Kinder festlegen.

foto: derstandard.at/pichler

Sinnvoller Fortschritt

In Summe liefert Microsoft mit dem Creators Update für Windows 10 hauptsächlich Feintuning ab. Die Neuerungen sind sinnvoll, aber nicht spektakulär. Dazu fehlen noch angekündigte Features wie die umfassende Integration von Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Brillen oder die im Herbst vorgezeigte "3D-Scanner"-App. Der Browser Edge wird durch neue Features gut ergänzt, dass diese Neuerungen aber massenhaft User von Firefox und Chrome anlocken werden, darf eher bezweifelt werden.

Die neue Generation von Paint hat allerdings das Potenzial, vor allem für junge Nutzern ein Sprungbrett in die Welt eigener 3D-Inhalte zu werden. Eine Bedeutung, die man in einer Technikwelt im Aufbruch ins Zeitalter der augmentierten und virtuellen Realität nicht unterschätzen sollte. (Georg Pichler, 11.4.2017)

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