IWF fordert Berlin zum Abbau des Exportüberschusses auf

10. April 2017, 16:31
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Die Kritiker der Globalisierung unterschätzen die Vorteile des Freihandels, heißt es in einem neuen Bericht von IWF, Weltbank und WTO

Wien – Für die Anhänger des Freihandels waren die vergangenen Monate nur schwer zu ertragen. In den USA ist mit Donald Trump jemand ins Weiße Haus eingezogen, der am liebsten mit Strafzöllen dafür sorgen würde, dass chinesische Stahlbetriebe und deutsche Autobauer ihre Produkte nicht mehr in den USA verkaufen können. In Europa sind es linke Globalisierungskritiker, die gegen weitere Liberalisierungen ins Feld ziehen und Handelsabkommen wie TTIP bekämpfen.

Der Freihandel ist zu einem Prügelknaben in den politischen Debatten zahlloser Länder geworden. Am Montag ist der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die Welthandelsorganisation WTO in den Ring gestiegen, um dem bedrängten Kämpfer zu helfen. Die drei Institutionen haben einen Bericht ("Making Trade an Engine of Growth for All") vorgestellt, indem sie zeigen wollen, dass mehr Handel zwischen den Nationen zu mehr Wohlstand für alle führen kann.

Zollabbau

Zunächst zeigen die Ökonomen der drei Institutionen, wie der internationale Handel stetig zugenommen hat. Seit den frühen 1990er-Jahren, also mit dem Ende der Sowjetunion, hat sich die Entwicklung weiter beschleunigt. Der durchschnittlich verhängte Importzoll auf Einfuhren aller Art in Industrieländern betrug im Jahr 1990 noch sechs Prozent. Heute sind es weniger als drei Prozent.

In Entwicklungs- und Schwellenländern sind durchschnittliche Zölle von gut 40 auf unter zehn Prozent gefallen. Die Zahl der weltweiten Handelsabkommen ist von 50 auf 280 gestiegen. Mit den Abkommen wurden Zölle für viele Warengruppen ganz gestrichen, wobei die Verträge immer umfassender werden.

grafik: apa

Die lange Periode der Handelsliberalisierung habe zu mehr Wohlstand geführt. Als Beleg führen die Ökonomen Studien an, wonach Unternehmen in offenen Volkswirtschaften vom Wettbewerb profitieren, indem sie produktiver werden.

Zugleich war die Entwicklung für Konsumenten vorteilhaft. Mehr Handel bedeutet, dass die Produktvielfalt ansteigt – in den USA ist die Zahl der importierten Güter seit den 1970ern um das Dreifache gestiegen. Die Weltmarktöffnung bedeutet, dass Firmen ihre Handys, Fernseher und Kühlschränke für viel mehr Menschen produzieren. Wenn sie ihre Produktionsstückzahl erhöhen, können Unternehmen ihre Waren billiger anbieten. Laut IWF, Weltbank und WTO profitieren davon vor allem ärmere Bevölkerungsschichten, weil sie im Schnitt mehr Geld für importierte Waren wie Lebensmittel ausgeben. Die zunehmende Einbindung in den Welthandel habe weiters zu massiven Wohlstandsgewinnen in Schwellenländern geführt. Als Positivbeispiele werden etwa China und Vietnam erwähnt.

Jobverluste in der Industrie

Im Gegenzug hat die Marktöffnung in reicheren Ländern Industriezweige unter Druck gesetzt. Zitiert werden die Studien von David Autor. Der Professor am Massachusetts Institute of Technology schätzt in einer Studie, dass seit den 1990er-Jahren in den USA 2,4 Millionen Jobs durch Billigkonkurrenz aus China verlorengegangen sind. Ganze Landstriche im mittleren Westen der USA leiden unter der Deindustrialisierung.

Um solchen Tendenzen entgegenzuwirken, müssten die Staaten mehr tun. So brauche es mehr Investitionen in Umschulung von Arbeitern. Länder wie die USA sollten auch ihre Ausgaben zugunsten von Arbeitslosen deutlich erhöhen. Das internationale Handelssystem müsste zudem fairer gestaltet sein. IWF-Chefin Christine Lagarde sagte anlässlich der Vorstellung des Berichts, dass Deutschland mehr tun müsse, um Ungleichgewichte auszugleichen. Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss (Saldo aus Waren- und Dienstleistungshandel) lag 2016 bei 261 Milliarden Euro. Deutschland müsse deshalb mehr investieren, so Lagarde. (szi, 10.4.2017)

  • Die Handelsüberschüsse Deutschlands sind hoch. Geht es nach IWF-Chefin Christine Lagarde, soll das Land mehr in Infrastruktur investieren.
    foto: reuters/fabian bimmer

    Die Handelsüberschüsse Deutschlands sind hoch. Geht es nach IWF-Chefin Christine Lagarde, soll das Land mehr in Infrastruktur investieren.

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