Jemen steht vor Katastrophe wie Syrien kurz vor Kriegsbeginn

11. April 2017, 17:16
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Internationales Interesse an Konflikt in dem bitterarmen Land sei jedoch gering, sagt Hilfsorganisation Care

Der Jemen steht am Abgrund einer riesigen humanitären Katastrophe, "ähnlich wie in Syrien vor sechs Jahren", warnt die internationale Hilfsorganisation Care. Zwei Jahre nach Beginn des Krieges im Jemen zählt die NGO mehr als 10.000 bei Angriffen getötete Menschen, 17 Millionen Menschen, die ohne humanitäre Hilfe nicht überleben können, sieben Millionen hungernde Menschen und mehr als drei Millionen Flüchtlinge im Jemen selbst. Vor allem die Situation der Kinder und jene von schwangeren und stillenden Frauen verschärft sich täglich, hält Care fest: Mehr als drei Millionen sind akut unterernährt, mit möglichen lebenslangen Folgen für die kognitive Entwicklung von Kindern. Das Land, das schon vor dem Krieg zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte, rückt dem Zerfall näher.

Care arbeitet trotz "größter Schwierigkeiten" weiterhin im Jemen, die Mitarbeiter verteilen Hygienepakete, Lebensmittel und Bargeld oder kümmern sich um die Instandsetzung von Wasseranlagen und Toiletten. 1,3 Millionen Menschen hat Care bisher unterstützen können. Vor allem für eine Viertelmillion Menschen, die in belagerten Städten leben, ist humanitäre Hilfe nahezu unmöglich. Helfer setzen dabei ständig ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Geringes Interesse

"Die Nahrungsmittelsituation ist schon lange ein chronisches Problem im Jemen", sagt Marten Mylius, Care-Regionalkoordinator für den Nahen Osten und Nordafrika, der derzeit im Jemen tätig ist. Doch während die Menschen vor dem Krieg zwar nur wenig Geld für den Einkauf von Lebensmittel hatten, die Nahrungsmittel aber zumindest weitgehend zur Verfügung standen, sei dies nun kaum noch der Fall.

Der größte Hafen im Jemen, Hodeida am Roten Meer, ist immer wieder Ziel von Angriffen – in einem Land, das bis zu 80 bis 90 Prozent von Importen abhängig ist. Zudem fallen die Einkommensmöglichkeiten in den Städten zunehmend weg, da der öffentliche Sektor zusammengebrochen ist und Gehälter nicht mehr ausgezahlt werden.

Das Interesse an diesem Konflikt sei bei allem Elend gering, sagt Mylius. "Die Welt, die auch sehr lange nicht nach Syrien geschaut hat, schaut nun nicht auf den Jemen. Erst durch die sogenannte Flüchtlingskrise, als Syrer nach Europa kamen, wurde der Blick auf den Konflikt in Syrien gelenkt."

Keine Bilder der Flüchtlinge

"Die Menschen im Jemen haben keine Möglichkeit zu fliehen, es gibt also keine Bilder von ihnen, zusätzlich ist der Zugang ins Land für Journalisten nur sehr beschränkt möglich." Daraus resultiere mangelnde Aufmerksamkeit, niedriges Spendenaufkommen und der Umstand, dass kaum Druck auf die Kriegsparteien ausgeübt werde, so Mylius.

Im Jemen kämpfen schiitische Huthi-Rebellen gegen die Truppen der international anerkannten Regierung von Präsident Abd Rabbo Hadi Mansur. Seit März 2015 wird die Regierung von Saudi-Arabien und anderen sunnitischen Ländern mit Luftangriffen unterstützt. Den Konflikt machen sich zusätzlich Extremistengruppen wie Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) und die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) zunutze, um ihre Macht auszuweiten.

Die Uno hat den Bedarf für Nothilfe im Jemen zuletzt auf 2,1 Milliarden Dollar (1,9 Milliarden Euro) beziffert, doch nur sieben Prozent davon seien derzeit durch Finanzierungszusagen der Geberländer gedeckt. Die jemenitische Wirtschaft liege am Boden, dringend benötigte Nahrungsmittelimporte würden erschwert, und die Hilfe der Vereinten Nationen sei dramatisch unterfinanziert, heißt es in dem Bericht mit dem Titel "Yemen pushed towards man-made famine". (Anna Giulia Fink, 11.4.2017)

  • Friedhof für Opfer des Krieges in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.
    foto: reuters/khaled abdullah

    Friedhof für Opfer des Krieges in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.

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