Ein Kanal für Hofer-Wähler und einer für jene Van der Bellens: Etat-Wochenschau

10. April 2017, 07:00
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Wie Bruno Kreisky die Channel Manager für den ORF erfand und wie es mit Mateschitz weitergehen könnte

1. Mitarbeiter der Woche: Bruno Kreisky

Und wer hat's erfunden? Der Kreisky, Bruno. Der legendäre Langzeitkanzler, SPÖ-Chef und Mitarbeiter der Woche(nschau) wusste schon 1973 intuitiv, was der ORF – lange schon, aber ganz besonders heute – braucht: zwei Fernsehkanäle, geführt von möglichst eigenständigen, konkurrierenden Channel Managern. Das schreibt, gewohnt lesenswert, ORF-Vordenker Franz Manola in einem Beitrag für das "Spectrum" der "Presse" (Paid). Formaler Anlass für "Es lebe die Grauzone": 50 Jahre Rundfunkgesetz.

foto: apa/spö/max stohanzl
Mitarbeiter der Woche (links): Bruno Kreisky. In dessen Zimmer in der SPÖ-Parteizentrale arbeitet der aktuelle Kanzler und SPÖ-Chef Christian Kern (rechts) ja seit Herbst regelmäßig (für den Anlass entstand auch das Bild).

Eigentlich sind es schon 50 Jahre und dreieindrittel Monate, seit dieses Rundfunkgesetz am 1. Jänner in Kraft getreten ist. Das am Samstag erschienene Plädoyer Manolas für konkurrierende ORF-Kanäle könnte also auf die Ausschreibung der Channel Manager einstimmen, die, wie vielfach berichtet, große Unruhe und Widerstand unter den ORF-Redakteuren hervorruft. Vor allem gegen die seit langem kolportierte Besetzung von ORF 2 mit dem hemdsärmeligen Exlandesintendanten Roland Brunhofer – dem der Politwunsch nachgesagt wird, er wolle die von Anchor Armin Wolf, Chefredakteur Fritz Dittlbacher und Redakteurssprecher Dieter Bornemann geprägte ORF-Information einfangen.

ORF-General Alexander Wrabetz geht heikle Personalien gerne in vermeintlich friedlicheren Ferienzeiten anetwa zu Weihnachten 2011. Und er wollte die Channel Manager eigentlich im April 2017 ausschreiben. Über Ostern freilich dürfte es doch ruhig bleiben, höre ich gerade: Wrabetz ist die Woche auf Urlaub.

Manola, einst einer der Baumeister von Gerhard Zeilers großer ORF-Programmreform 1995 und später Entwickler von ORF On, plädiert übrigens seit weit mehr als einem Jahrzehnt für zwei getrennt geführte ORF-Kanäle, die Kreisky 1974 installierte. In der Konkurrenz entstanden, daran erinnert Manola auch jetzt, Fernsehlegenden wie "Club 2" und "ZiB 2", "Ein echter Wiener geht nicht unter", "Kottan", "Alpensaga", auch "Musikantenstadl" und "Land der Berge".

Kreiskys ORF-Gesetz 1974 diente vor allem dazu, den aus des Kanzlers Sicht allzu mächtigen, zudem bürgerlichen ORF-General Gerd Bacher loszuwerden (der die Kanalkonkurrenz bei seiner Rückkehr in den 1980ern wieder beendete). Und Kreiskys ORF-Gesetz erfand die heute noch gültigen Strukturen von ORF-Aufsicht und Politik – grob, noch nicht ganz so regierungslastig wie bei seiner nächsten Novelle 1984. Das Gesetz vom 1. Jänner 1967 war Ergebnis des Rundfunkvolksbegehrens gegen den Parteienproporz im ORF und für dessen Unabhängigkeit.

Manola zu getrennt geführten Kanälen in seinem "Spectrum"-Beitrag: Die "Intuition des eminenten Medienpolitikers Kreisky ist heute, in der Facebook-Ära, in doppelter Hinsicht verifiziert. Weil uns das Werbeplanergerede von sechs oder zwölf Sinusmilieus die Sicht darauf verstellte, dass jede Gesellschaft, die postmoderne noch stärker als die Industriegesellschaft, in zwei prinzipielle Bevölkerungscluster geteilt ist: Das Weltbild der einen ist tendenziell urban, weltoffen und zukunftsoptimistisch; das Weltbild der anderen ist tendenziell vergangenheitsverklärend, zukunftspessimistisch und im heimischen Zusammenhang regional-austrozentrisch. Man kann und man muss beiden ihre kulturelle Heimat bieten, wenn man als ganzheitlicher National Broadcaster glaubwürdig bleiben will."

Ein Kanal für die Wähler Alexander Van der Bellens, ein Kanal für die Wähler Norbert Hofers: So könnte man Manolas Befund vor dem Hintergrund des Präsidentenwahljahres 2016 ebenso zusammenfassen – gut vorstellbar, dass diese Chiffre auch Manola einfiel.

Dafür allerdings bräuchte ORF 1 wohl ein bisschen mehr Information, Hintergrund, Kultur, Wissenschaft als heute. Aber hat nicht Alexander Wrabetz zuletzt vor den ORF-Redakteuren angekündigt, alle ORF-Hauptabteilungen müssten künftig in der Channel-Struktur alle Sender beliefern (bisher fehlen da ja einige ganz in ORF 1)?

foto: apa/roland schlager
Noch zwei Kandidaten für den "Mitarbeiter der Woche": Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer am 1. Dezember im ORF. Ihre Wähler könnten auch für die Publika von ORF 1 und ORF 2 stehen.

2. Ausschreibung, die Zweite

Wo wir schon beim Ausschreiben sind: Es wird langsam Zeit für das Kanzleramt, den Job des RTR-Geschäftsführers auszuloben. Bei üblichen vier Wochen Bewerbungsfrist und wohl doch ein paar Tagen für die Entscheidung ist das Ende des Juni 2017 schon recht nahe – und da endet der Vertrag des Gründungs- und Langzeitgeschäftsführers der Rundfunk- und Telekomregulierung RTR. Als mögliche und aussichtsreiche Bewerber werden seit kleinen Ewigkeiten schon Michael Wimmer (derzeit Büroleiter des ORF-Generals) und Andreas Hruza, freier Filmproduzent und Vorsitzender des RTR-Fachbeirats für den Fernsehfonds, gehandelt.

Die RTR vergibt pro Jahr mehr als 30 Millionen Euro Förderungen für ORF und Private.

3. Mateschitz' Medienprojekt

Dietrich Mateschitz hat mit seinen Ankündigungen über das Projekt einer "journalistischen Organisation" zur Wahrheitssuche die Wochen des Raunens und der Häppchen über das nächste Medienprojekt eröffnet. Wir erinnern uns: Vor dem Start seiner vorangegangenen Entwicklung "nzz.at" hat sich Michael Fleischhacker zunächst recht intensiv dem Ende der Tageszeitung gewidmet.

4. Perugia geht weiter

Über die Zukunft des Journalismus, über seine dramatischen Bedingungen heute in vielen Teilen der Welt, über nur vermeintliche Informationen und Nachrichten werden Sie hier noch eine Weile zu sehen und zu lesen bekommen: Die weiteren spannenden Berichte von Studierenden des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW vom Journalismusfestival von Perugia erscheinen in den nächsten Tagen – hier gibt's schon jetzt eine Menge darüber.

5. Pulitzer-Preise: Was schon feststeht

Montagabend (21 Uhr mitteleuropäische Zeit) werden die Pulitzer-Preise verliehen. So viel kann ich schon verraten: Die Etat-Wochenschau ist nicht nominiert. Völlig zu Recht. (Harald Fidler, 10.4.2017)

Die Etat-Wochenschau widmet sich sehr subjektiv ausgewählten, absehbaren Ereignissen der neuen Woche, ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit, und ohne Gewähr.

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