Boris Charmatz: Johnny Depp in der Gefriertruhe

7. April 2017, 17:35
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Der Ausnahmechoreograf mit einem nächtlichen Tanz im Resselpark

Wien – Ein kalter Aprilabend im Wiener Resselpark. Leute stehen umher und warten auf einen danse de nuit. Nett klingt das – wie der Titel eines romantischen Balletts. Doch was der französische Choreograf Boris Charmatz, eingeladen vom Tanzquartier Wien, aus seinem in Rennes residierenden Musée de la danse mitgebracht hat, trägt Straßen- und nicht Spitzenschuhe.

Unvermittelt mischen sich sechs Tänzerinnen und Tänzer unter die Wartenden, und einige junge Leute tragen rechteckige Platten auf ihren Rücken, die kaltes Licht abstrahlen. Diese Leucht- und Tanzkörper versetzen die Zuschauer in Unruhe, führen sie tiefer in den Park, dort reißt die Performance ein Loch in die rund 200 Personen starke Publikumshorde. Zerrissen ist auch der Tanz: grotesk, eine unförmige Improvisation, ein "shitty dance", wie die Tänzer selbst sagen.

Dafür stürzen sie sich auf Asphalt und in Worte, mit zugleich berauschendem und ernüchterndem Ergebnis. Ersteres als Folge der harten Stimmen und Bewegungen, Letzteres als Konsequenz des Inhalts: Das Stück stammt aus dem Jahr 2015, als ein Großteil der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo ermordet wurde.

Karikatur der Promi-Geilheit

Einer der von den überwiegend ausgehmodisch gekleideten Tanzenden meist chorisch rezitierten Texte erinnert an diese unverheilte Wunde und daran, wofür Karikaturen da sind. Ein anderer mit dem Titel Starfucker aus dem Jahr 2001 stammt von Tim Etchells (Forced Entertainment): "Sylvester Stallone und Bruce Willis teilen sich eine Dusche", heißt es da unter anderem, oder: "Tom Cruise auf einem Operationstisch. Johnny Depp in einer Gefriertruhe." Eine Karikatur der Promi-Geilheit Marke Hollywood.

Dieser "shitty dance" ist ein äußerst politisches Stück. Seine Aufführung im Resselpark wirft die Frage auf, warum sich österreichische Tanzschaffende aktuell lieber mit "Sons of Sissy", "Queen of Hearts" oder "Boom Bodies" befassen als mit den an allen Nähten reißenden Stoffen der Gegenwart. Boris Charmatz' danse de nuit ist nie auf-, aber stets eindringlich, er ist scharf, aber nicht verletzend: Ein Tanz als Ausdruck einer neuen "Résistance", widerständig und doch großzügig. (Helmut Ploebst, 7.4.2017)

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