Yuja Wang: Ein Kinderspiel, spontan und reif

    7. April 2017, 17:20
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    Die chinesische Wunderpianistin gab im Wiener Konzerthaus ein Solokonzert

    Wien – Eigentlich hatte dieser Klavierabend drei Teile: Denn nach den zwei Programmhälften mit je einem gewichtigen Werk fügte Yuja Wang, das chinesische Tastenwunder, einen Block von nicht weniger als sechs Zugaben hinzu, der seinerseits nochmals in etwa so lange dauerte wie die Händel-Variationen von Johannes Brahms, die sie soeben mit aller ihr eigenen Souveränität und Musikalität absolviert hatte.

    Begonnen hatte der Abend mit den 24 Préludes von Frédéric Chopin, die durch ihren Wechsel in Charakter, Komplexität, Satztechnik, Stil- und Ausdrucksebenen als Zyklus insgesamt sehr anspruchsvoll sind – wenn sie nicht zur losen Folge von Nettigkeiten verkommen sollen.

    Rein pianistisch liegen sie (ähnlich wie der technisch wesentlich forderndere Brahms) für Yuja Wang weit in der schlafwandlerisch durchmessenen Komfortzone. Sie vermittelt insgesamt den Eindruck, als fiele ihr alles leicht wie ein Kinderspiel, dabei streift sie nie an Effekthascherei oder Routine, sondern scheint stets aus dem Augenblick heraus zu musizieren: zugleich mit einer tiefen Durchdringung der Werkstruktur und einer Direktheit, deren Grundlage eine erstaunliche interpretatorische Reife bildet.

    So spielte Wang hier mehr als flexible, weit aussingende Melodien, sondern widmete sich der sogenannten Begleitung mit derselben Aufmerksamkeit, um teils kaum je gehörte dissonante Reibungen und Vielschichtigkeit zum Vorschein zu bringen.

    Bei den Zugaben folgte die 30-Jährige dann ihrem Hang zu aberwitziger, dabei aber stets ebenso durchgestalteter Virtuosität mit Alexander Skrjabins vierte Sonate Fis-Dur, der Liszt'schen Bearbeitung von Schuberts Gretchen am Spinnrade oder Schumanns Der Kontrabandiste in der Bearbeitung von Carl Tausig. Prokofjews fingerbrecherische Toccata war von unglaublicher Leichtigkeit, Wangs eigene Variationen über ein Thema aus Bizets Carmen ein unbeschreibliches Feuerwerk pianistischer Superlative und Chopins erste Ballade g-moll ein Musterbeispiel einer Interpretation voller Tiefe und doch auch der Unbeschwertheit eines Kinderspiels. (Daniel Ender, 7.4.2017)

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