Julya Rabinowich: Blick auf Blick

7. April 2017, 17:30
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Auf Peter Stephan Jungks Roman "Edith Tudor-Harts Dunkelkammern" folgt nun der Film "Auf Ediths Spuren"

Peter Stephan Jungk hat nicht nur seine eigenen Innereien in "Das elektrische Herz" seziert, er tat das auch mit den Geheimnissen seiner für den KGB in Sachen Atomangelegenheiten spionierenden Großtante im Roman "Edith Tudor-Harts Dunkelkammern". Nun folgt dem Text der Film "Auf Ediths Spuren".

Jungk bringt eine neue Dimension in seine penible und feinfühlige Recherchearbeit: zarte Zeichentrickfilmsequenzen, die unter anderem das ethisch untragbare Verhältnis zwischen der Fotografin und Mutter eines psychisch kranken Kindes und dem Psychoanalytiker Winnicott, der ihren Sohn behandelte, darstellen.

Ihre Vernehmung durch MI5, die sie in ihrem Bett liegend abwickelte. Allgegenwärtig Edith Tudor-Harts Fotografien als Geist über den Wassern. Ihr in Zweidimensionalität gefrorener Blick, der durch die Kameralinse von Anfang an gesellschaftskritisch und dann gefährlich wurde und den die Sowjets als Waffe einsetzten. Der in seiner Schöpferin die Leiden der beständigen Angst verursachte, enttarnt und vernichtet zu werden.

Edith setzte sich dieser sehr realen Gefahr freiwillig aus. Unentgeltlich. Aus der Überzeugung heraus, dass Kommunismus das Gegengewicht zu Faschismus und damit die vorläufig beste aller Welten darstellte. Ihr Kämpfen ist verborgen und zäh. Ihre öffentlichen Bilder sagen mehr als ihre öffentlichen Worte.

Zäh ist auch Jungks Versuch, an ehemalige KGB-Unterlagen zu kommen. Aus verschiedenen Perspektiven setzt sich ein zerbrochenes Bildnis wieder zusammen, auch die fehlenden Stücke erzählen Geschichte.

Fotografin, Aktivistin, Ehefrau, Geliebte und Mutter. Maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Sowjetunion an die Atombombe kam. Eine Kompromisslose, die verarmt in England starb. Jung spürt sie auf, fühlt ihr nach, lässt nicht locker. Sein Blick auf den ihren lässt jene Zeit wiederauferstehen, die in unserem Bewusstsein verblasst. Zu Unrecht. Sie ist wieder aktuell geworden. Blick auf Blick. (Julya Rabinowich, 7.4.2017)

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