Tief graben im Müll der Mafia: Organisierte Recherche gegen organisierte Kriminalität

7. April 2017, 16:29
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Das "Investigative Reporting Project Italy" untersucht im Kollektiv die 'Ndrangheta und andere Familien

Perugia – "Vor der Hölle können selbst kugelsichere Westen und Helme nicht schützen" beschreibt Claudio Cordova das südtitalienische Reggio Calabria. Kalabrien ist sein Heimatort – und Hochburg der ´Ndrangheta, einer der ältesten und bekanntesten Mafia-Familien in Italien. Die Hölle sei vielmehr die zunehmende Unsichtbarkeit, mit der die `Ndrangheta ihre Macht ausübe, sagt der Journalist in seinem Vortrag auf dem International Journalism Festival in Perugia. Außenseiter, die nicht Teil des weiten Netzwerkes sein wollen, werden angezeigt und damit quasi über den Rechtsweg öffentlich diffamiert.

Der leise Angriff

Die Zeiten der Blutrache und brennender Autos seien vorbei. Das von amerikanischen Filmen kolportierte Bild einer kriminellen Gang deckt sich nicht mit der Realität. Die Methoden sind weniger laut, weniger brutal, aber nicht weniger effektiv. Nicht das Leben zu verlieren, sondern die eigene Glaubwürdigkeit, hat sich als wirksame Methode erwiesen, um kritischen Stimmen zum Schweigen zu bringen. "Das wahre Risiko ist, von der Gemeinschaft isoliert und von der Gesellschaft delegitimiert zu werden", fasst Cordova zusammen.

Einen Teil der kritischen Öffentlichkeit, hat der 31-jährige Journalist in Reggio Calabria bereits erreicht. Seit 2012 veröffentlicht Cordova regelmäßig in dem von ihm gegründeten Online-Magazin "Il Dispaccio" seine Recherchen über die örtlich ansässigen Mafiosi , 2014 war er Mitglied der Anti-Mafia-Kommission. Unter den Augen der ´Ndrangheta über ihre Verbrechen zu schreiben, erfordert aber nicht nur Mut, sondern auch langen Atem. "Ich habe keine Polizei-Eskorte, aber ich versuche auch nicht so ein Fanatiker zu werden, wie meine Kollegen," so Cordova.

Glokales Recherche-Netzwerk

Claudio Cordova tritt der Mafia nicht als Einzelkämpfer entgegen. Seit Jahren ist er Mitglied der IRPI, einem Kollektiv von Journalistinnen und Journalisten, die investigativ über die weltweiten Beziehungen der Mafia in die Politik, Wirtschaft oder öffentliche Verwaltung recherchieren. Für die fundierten Recherchen über Beziehungsgeflechte und Namen der Organisation leisten Journalisten wie Claudio Cordova einen wichtigen Beitrag.

foto: veronika felder für derstandard.at
IRPI-Mitglieder in Perugia: v.l.: Cecilia Anesi, Craig Shaw, Claudio Cordova, Lorenzo Bagnoli und Matteo Civillini.

"Die erste Regel von IRPI ist diese: keiner arbeitet alleine an einem Projekt" sagt Cecilia Anesi, Mitgründerin von IRPI. Dabei sei man mindestens zu zweit, in vielen Fällen würden sich Journalisten aus mehreren Ländern zusammenschließen. Mit der Strategie der "glokale Vernetzung und Kontakte" ließen sich die vielschichtigen Geschäftsmodelle der Mafia einfacher entwirren, so Anesi. Zudem biete die Gemeinschaft auch wesentlich mehr Schutz für die einzelnen Mitglieder. Allein auf dem Balkan recherchieren über 100 Mitglieder der IRPI über Korruption und illegale Machenschaften der dort ansässigen Mafia-Organisationen.

Splitter-Geschäfte der Mafia

Das investigative Netzwerk der IRPI konzentriert sich in seiner Arbeit nicht nur auf einzelne Clans, wie der ´Ndrangheta in Italiens Stiefelspitze, sondern auch auf andere Ableger wie der Cosa Nostra, Camorra oder der Sacra Corona Unita. So gelang es einigen Journalisten der IRPI, neu entstandene Verträge wie jene zwischen der römischen Mafia und ihren Unternehmungen in Senegal aufzudecken.

foto: irpi.eu screenshot
Die Website des Recherchekollektivs IRPI.

Jüngsten Recherchen des IRPI-Journalisten Lorenzo Bagnoli zufolge ist die sogenannte "Mafia Capitale" auch mit Tochtergesellschaften ihrer städtischen Müllentsorgung AMA in Afrika vertreten. Damit habe man ein neues Kapitel im investigativen Journalismus über die Mafia eröffnet, so Bagnoli. Doch: "Sobald es um das millionenschwere Müllgeschäft geht, muss man sehr tief graben." (Ornella Wächter, 7.4.2017)

Das Video vom Panel "Investigating the Italian Mafia" beim Journalismusfestival in Perugia:

international journalism festival
IRPI-Mitglieder in Perugia: v.l.: Cecilia Anesi, Craig Shaw, Claudio Cordova, Lorenzo Bagnoli und Matteo Civillini.

Zum Projekt

Vom Internationalen Journalismus Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW.

Ornella Wächter machte nach ihrem Studium der Publizistik in Wien ein Jahr Pause, die Hälfte davon verbrachte sie in Neuseeland. Wenn die deutsch-italienische Journalistin nicht gerade einen Berg hinauf geht, schreibt sie davon.

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