Wie Familien die Kunst des Dialogs lernen

Kolumne9. April 2017, 17:00
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Stehen in der Familie große Entscheidungen an, sollten auch die Kinder mitsprechen dürfen. Welche Regeln brauchen Dialog und Verhandlung in der Familie?

"Dafür haben wir keine Zeit": So lautet das häufigste Argument in Familien und anderen Gemeinschaften dafür, warum es nicht gelingt, Themen gemeinschaftlich zu besprechen und alle einzubinden. Doch das Argument hat in der Regel keine Grundlage: Wir haben Zeit dafür. Aber es ist eben einfacher, sich Argumenten nicht zu stellen und Entscheidungen ohne die anderen Mitglieder der Familie oder der Gemeinschaft zu treffen.

Jede Familie braucht unterschiedlich lange, um gemeinsam zu einer Entscheidung zu kommen. Es kann sein, dass die Diskussion in der Familie niemandem besonders wichtig ist, und deshalb länger dauert. Andere sind schnell und präzise mit dem, was sie wollen oder nicht wollen, und kommen so schneller zu einer Lösung. Wieder andere Familien leben den Grundsatz, dass gemeinsame Entscheidungen genau die Zeit bekommen sollen, die sie eben brauchen.

Egal wie lange wir brauchen, es ist wichtig, sich dabei bewusst zu sein, dass Inhalt und Prozess der gemeinsamen Entscheidungsfindung zwei unterschiedliche Dinge sind. Was und wie wir es tun, sind zwei paar Schule. Und: Der Prozess ist meistens das wichtigere der beiden Elemente. Denn Idee und Ziel einer Familie sollte die Gemeinschaft sein.

Zuhören und ausreden lassen

Um als Gemeinschaft zu funktionieren, braucht es den Dialog. Es braucht jemanden, der zuhört, während der andere spricht. Und alle Seiten müssen ihre Erwartungen auf den Tisch legen. Das klingt möglicherweise einfacher als es ist. Für manche von uns mag es sogar sehr schwierig sein. Dann nämlich, wenn wir in unseren Herkunftsfamilien erfahren mussten, dass wir dann besonders "wertvoll" sind, wenn wir nichts sagen und beinahe unsichtbar bleiben.

"Kinder sollen weder gesehen noch gehört werden" – in diesem Geiste sind viele von uns, die heute erwachsen sind, aufgewachsen. Viele haben dies stillschweigend zur Kenntnis genommen. Auch wenn der Spruch auf Frauen gemünzt war.

Die Kunst des Dialogs erlernen

Also müssen viele von uns zuerst in ihrer neuen Familie die Kunst des Dialogs erlernen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Hauptzutat dieser Familie gegenseitiges Interesse ist: Interesse an den Sichtweisen und Meinungen der anderen. Manche mögen jetzt sagen, dass es wichtiger oder zumindest gleich wichtig sei, die Sichtweisen der anderen einfach zu akzeptieren. Meiner Meinung nach ist das aber nicht der beste Ausgangspunkt für gemeinsame Entscheidungen in der Familie.

Denn wenn ich jemanden bedingungslos akzeptiere, muss ich mich nicht wirklich mit ihm beschäftigen. Mit Respekt und Toleranz verhält es sich ähnlich: Es ist einfacher, diese aufrechtzuerhalten, wenn einem die andere Seite nicht zu nahe kommt.

Wie Respekt entsteht

Respekt entsteht durch einen erfolgreichen Dialog und durch das Ansammeln von praktischen Erfahrungen. Voraussetzung ist, dass die jeweils andere Sichtweise als konstruktiv und bedeutungsvoll angesehen wird. Ein Dialog in der Familie unterscheidet sich beispielsweise von einem politischen Dialog, weil er in Bezug auf den Zweck und das Ziel maximal transparent sein sollte. Das bedeutet, dass alle ihre Ziele und Erwartungen aussprechen und austauschen dürfen, ohne dass sie zwischen die Fronten geraten.

Alle Beteiligten sollten sich so persönlich wie möglich ausdrücken. Jeder und jede sollte für sich selbst sprechen und nicht über oder für den oder die anderen. Nur, wenn wir wissen, was gut oder schlecht für jedes einzelne Familienmitglied ist, können wir eine Entscheidung treffen, die für die ganze Familie gut ist.

Da wir uns stetig verändern und weiterentwickeln, müssen wir diese Art der Kommunikation jedes Mal aufs Neue anwenden. Wir können Sichtweisen und Ziele nicht als Garantie für irgendetwas oder als selbstverständlich voraussetzen.

Wie sollen wir debattieren?

Nehmen wir als Beispiel ein Paar, das unterschiedliche Bedürfnisse in Bezug auf die Gesellschaft anderer Menschen hat. Der eine ist gerne unter Menschen, der oder die andere zieht sich lieber zurück. Das Ziel einer Aushandlung oder Debatte in der Familie oder Partnerschaft sollte immer das Folgende sein: Jedes Familienmitglied, jeder Partner bekommt genug von dem, was es oder er braucht, und ist so wenig wie möglich dem ausgesetzt, was ihm zu viel Überwindung abverlangt. Eine Debatte braucht also zwei Dinge: Alle Beteiligten sollten sich persönlich und nuanciert ausdrücken. Und es muss möglich sein, Dinge auszuprobieren und zu experimentieren.

Wir selbst müssen uns als Teil des Dialogs also zunächst fragen, was wir nicht möchten, was dazu führt, dass wir uns schlecht fühlen, was diesbezüglich unsere Erfahrungen sind. Die andere Seite muss sich fragen: Was bedeuten mir meine Freundschaften und Ausgehzeiten? Sind sie eine Bereicherung in meinem Leben? Ist es eine alte Angewohnheit oder eine bedeutungsvolle Aktivität? Für beide Seiten gilt, dass jeder in seiner Weise eigene Worte für seine Frustration finden muss.

Langsamkeit heißt nicht Ineffizienz

Nun kann mit unterschiedlichen Optionen experimentiert werden, bis das gemeinsame Ziel erreicht ist oder bis sich beide eingestehen, dass das nicht möglich ist. Das bedeutet auch, dass es während des Experimentierens immer wieder Gespräche braucht, um zu reflektieren im Sinne des gemeinschaftlichen Ziels und nicht, ob der eine oder andere seinen Weg geht. Diese Debatten brauchen Zeit, vielleicht nur einen Abend oder eine Woche, manchmal aber auch Jahre.

Für viele von uns ist es frustrierend, dass sowohl ein Dialog als auch eine Debatte so viel Zeit in Anspruch nehmen können. Wenn uns die Erfahrung prägt, in einer despotischen Familie groß geworden zu sein, verbinden wir langsame und langwierige Prozesse oft mit Ineffizienz, Dummheit und Entscheidungsunfähigkeit. Um einen Machtkampf innerhalb der Familie oder der Beziehung zu vermeiden, sollten wir sehr aufmerksam mit diesen verlockenden alten Mustern umgehen. (Jesper Juul, 9.4.2017)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne erscheint am 23. April 2017.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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