Träge Systeme: Die Angst vor Veränderung

8. April 2017, 12:00
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Das österreichische Gesundheitssystem ist reformbedürftig – führende Experten diskutierten über die Ängste von Ärzten und Patienten und Pionierprojekte

Wien – Angst – kaum ein anderes Gefühl ist stärker mit der Sorge um Gesundheit verbunden. Dahinter steht meist die Furcht des Einzelnen, eines Tages nicht mehr in guter Gesundheit zu leben, sondern in Krankheit leben zu müssen. Davon abgesehen spielt Angst auch eine wesentliche Rolle im Gesundheitssystem, vor allem wenn es um Veränderungen geht. "Gesundheit im Wandel" war der Titel einer einer Diskussionsveranstaltung im Hauptverband der Sozialversicherungen, es wurde über neue Versorgungsmodelle für die Zukunft diskutiert.

Zentrales Thema: Veränderung. Österreichs Gesundheitssystem muss sich verändern, darüber waren sich Diskutanten auf dem Podium einig. Die Herausforderungen: Die Menschen werden immer älter, leiden häufiger an chronischen Krankheiten wie Diabetes und Krebs. "Wir müssen uns neu aufstellen und brauchen neue Versorgungsformen", meinte dazu die Vorsitzende des Hauptverbands, Ulrika Rabmer-Koller.

Eines dieser zukunftsträchtigen Versorgungsmodelle sind die sogenannten Primärversorgungszentren. Sie sollen Spitäler entlasten und einen Großteil der Patienten im niedergelassenen Bereich betreuen.

Pionierprojekte mit Mehrwert

Wie ein solches Zentrum aussieht, wusste Wolfgang Hockl zu berichten. Der Allgemeinmediziner aus Enns in Oberösterreich ist Initiator und Geschäftsführer des Gesundheitszentrums Enns, des ersten "richtigen" Primary-Health-Care-(PHC-)Zentrums Österreichs. Vertreter verschiedener Gesundheitsberufe arbeiten dort auf 800 Quadratmetern zusammen. Sechs Ärzte, drei Diplomkrankenschwestern, Ordinationsassistentinnen, ein Psychologe, Physiotherapeuten und Teilzeitkräfte aus den Bereichen Logopädie, Geburtshilfe, Diätologie, Ergotherapie und Sozialarbeit decken so ziemlich alles ab, was Patienten brauchen. Ein Manager kümmert sich um Organisatorisches. Geöffnet hat das Zentrum täglich von sieben bis 19 Uhr, an zwei Tagen in der Woche bis 21 Uhr und auch teilweise am Wochenende.

"Ein solches Modell bringt einen Mehrwert für alle. Patienten werden umfassend betreut, Prävention und Gesundheitskompetenz stehen im Mittelpunkt", sagt Rabmer-Koller. Hockl betont die Vorteile für Ärzte: "Im Team können wir uns gegenseitig entlasten und etwa individuell einen Urlaub planen, ohne dass die Ordination zusperren muss – das steigert die Lebensqualität und die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter, es gibt außerdem gemeinsame Entscheidungsfindung, und wir lernen voneinander."

Vorteile von Teamarbeit

Für den Generaldirektor der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse Jan Pazourek ist das PHC-Zentrum ein Modell, das genau den Nerv der Zeit trifft. "Junge Ärzte wollen keine Kleinunternehmer sein und sich fix an einem Ort niederlassen, sie wollen flexibel sein, auch die Option haben, in fünf Jahren vielleicht nach Burkina Faso zu gehen", sagt er. Maria Wendler von der Plattform "Junge Allgemeinmediziner Österreich" stimmt ihm zu: "Das schöne am Beruf des Allgemeinmediziners ist, dass man nahe am Patienten ist, ihn über eine lange Zeit betreut, ihn gut kennt und dadurch auch beurteilen kann, warum jemand krank ist." Prinzipiell sei das ein Beruf, der nach wie vor vielen jungen Ärzten zusage, "doch es braucht andere Arbeitsmodelle", so Wendler.

Die Forderung nach einer Veränderung gibt es in der Ärzteschaft schon lange, weiß Clemens Auer, Sektionschef im Gesundheitsministerium. "Schon vor Jahren hat ein Allgemeinmediziner zu mir gesagt: 'Du weißt ja gar nicht, wie einsam ich bin, weil ich niemanden habe, mit dem ich mich besprechen kann.'" Auer glaubt, dass Trägheit in der Sozialversicherung selbst und die Trägheit in der Ärztekammer dringend notwendige Veränderungen bremsen. Hier sei wieder die Angst am Werk. Denn die Ärztekammer befürchtet, dass durch die Einführung von PHC-Zentren der Hausarzt abgeschafft würde. Rabmer-Koller beruhigt: "Wir schaffen nicht ab, sondern stärken den Beruf." Hockl erzählt aus der Praxis: "Neben dem PHC in Enns gibt es einen Arzt in einer Einzelordination, das funktioniert gut."

Groll und Angst

Doch Hockl verschweigt auch die Herausforderungen. Der Aufbau des Zentrums in Enns, neben seinem regulären Job als Allgemeinmediziner, hat viel Zeit und Nerven gekostet. "Die finanzielle Belastung war hoch, und wir hatten mit Ressentiments aus der Bevölkerung zu kämpfen", erzählt er, denn auch dort fürchte man um den Hausarzt. "Dabei verschwindet der ja nicht als persönlicher Ansprechpartner. Man kann nach wie vor zu ihm gehen, mit dem Vorteil, dass es eine Vertretung gibt, wenn der eigene Arzt einmal nicht da ist", beruhigt Hockl.

Primärversorgung muss übrigens nicht in Zentren organisiert sein, sondern lässt sich durchaus auch in Netzwerken umsetzen, glaubt man im Hauptverband. "Wir wollen die Kooperationen zwischen Ärzten in Einzelpraxen fördern", sagte Rabmer-Koller und betonte, dass hier flexible, auf regionale Bedürfnisse angepasste Lösungen gefunden werden müssen.

Sektionschef Auer destillierte drei wesentliche Säulen: "Wir brauchen erstens einen guten gesetzlichen Rahmen, daran arbeiten wir gerade. Zweitens, und das muss hier im Hauptverband geschehen, sind ein modernes Vertragswesen und ein neues Honorierungssystem zwingend notwendig.

Gute Ausbildung als Grundvoraussetzung

Die dritte Säule ist eine Gründerinitiative, um Pioniere wie Wolfgang Hockl zu unterstützen." Für Anita Rieder, Vizerektorin der Med-Uni Wien, ist der Schlüssel die Qualität der Medizinerausbildung: "Erst wenn die Ausbildung gesichert ist, müssen wir uns Gedanken über die Versorgung und die Art der Zusammenarbeit machen."

Immer wieder Thema war das Stadt-Land-Gefälle, ein Problem, das wiederum von der Angst dominiert wird, so Pazourek: "Auf dem Land sperren Postämter, Wirtshäuser und Schulen zu, da hat die Bevölkerung klarerweise die Sorge, dass ihr jetzt dann auch noch der Arzt genommen wird." Diese Befürchtungen seien unbegründet, man habe in Niederösterreich in der Vergangenheit keinen einzigen Standort verloren, beruhigt er. Und noch einer lässt sich von der Furcht nicht aus dem Konzept bringen – Wolfgang Hockl: "Ich will nie wieder zurück in eine Einzelordination. Unser Zentrum läuft so gut, ich habe überhaupt keine Angst, dass es floppt." (Bernadette Redl, 8.4.2017)

  • Am Podium der Expertendiskussion: (v.li): NÖ-GKK-Chef Jan Pazourek, Allgemeinemediziner Wolfgang Hockl aus Enns, Horsitzende des Hauptverbands Ulrike Rabmer-Koller, Vize-Rektorin Anita Rieder, Sektionschef Clemens Auer und Jungmedizinerin Maria Wendler.
    foto: hendrich

    Am Podium der Expertendiskussion: (v.li): NÖ-GKK-Chef Jan Pazourek, Allgemeinemediziner Wolfgang Hockl aus Enns, Horsitzende des Hauptverbands Ulrike Rabmer-Koller, Vize-Rektorin Anita Rieder, Sektionschef Clemens Auer und Jungmedizinerin Maria Wendler.

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