Nicolaia Rips: Ich und die Welt und das Netzwerk

11. April 2017, 10:42
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Die 18-jährige New Yorkerin erzählt von sich und vom Chelsea Hotel

Wann wird Etikettenschwindel eigentlich justiziabel? Da lockt ein Buch mit dem Untertitel Aufwachsen im Chelsea Hotel, damit der amerikanischen Originalausgabe treu folgend und mit dem Mythos dieser Künstlerabsteige in New Yorks 23. Straße spielend zwischen Janis Joplin und Beatniks, Sid Vicious, Patti Smith und Leonard Cohen, Dylan Thomas und Brendan Behan – und handelt eigentlich von der Schulzeit.

Nicolaia Rips ist achtzehn Jahre jung und hat bis 2011 nirgendwo anders gewohnt mit ihren Eltern als in einem kleinen Apartment im Chelsea Hotel. Die 1884 eröffnete Herberge wird wohl noch bis 2018 wegen Umbaus geschlossen sein. Und dann nur noch eine schale Erinnerung an die buntscheckige Gästeschar bieten, die ihren mutmaßlich letzten Auftritt in Alles außer gewöhnlich hat. Leute, die ganze Tage im Foyer verhocken, Bohemiens und bunte Vögel wie El Capitan, der eine weiße Uniform mit Goldknöpfen und weißen Handschuhen trägt, oder Stormé, einst Vorreiter der Schwulenbewegung und Künstlerin, jetzt zwischen allen Geschlechtern und Hautfarben changierende Rollstuhlfahrerin. Den definitiv letzten Auftritt hat der langjährige Hotelier Stanley Bard, der in der Leitung seinem Vater nachgefolgt war und heuer im Februar starb.

Diese Personen aber treten bald in den Hintergrund. Rips erzählt vielmehr von Besuch von Vor- und Grundschule und Highschool, von Außenseitertum und Peinlichkeiten, von lustigen Auftritten, bizarren Lehrerinnen und von ihrer Loser-Clique befremdlicher Freunde. Das ist amüsant. Und von graziös berückender Belanglosigkeit.

Nicolaias Mutter Sheila Berger, einst Model, ist heute Künstlerin. Ihr Vater Thomas Rips hat nach Jahren als Strafverteidiger Jus gegen das Schreiben von (wenigen) Romanen eingetauscht, sein Bericht über einen Aufenthalt in Italien ist auch auf Deutsch erschienen. Die prominenten Freundinnen der Mutter und das Netzwerk des väterlichen Literaturagenten halfen dabei, dass aus den Aufzeichnungen für ein Jahresabschlussprojekt ein teuer eingekauftes und von renommierten Häusern verlegtes Buch wurde.

Dass Nicolaia Rips Ironie, Selbstironie und das präzise Timen von Pointen bei ihren Vorbildern Groucho Marx und Oscar Wilde gelernt hat, ist unüberlesbar. Seit Herbst 2016 geht sie auf die angesehene Brown University in Providence in Rhode Island. Mutmaßlich wird sie, wenn sie die Uni mit 21 abgeschlossen haben wird, eine Kolumne bekommen. Daraus dürfte eine TV-Comedy-Miniserie werden. Auf die das Buch über die Dreharbeiten folgt. Und eine Kolumne über das Schreiben des Buches über die Dreharbeiten ... Eine gänzlich anstrengungslose Lektüre ist Alles außer gewöhnlich dank der Unterteilung in Kapitel, die in der Regel zwischen vier bis sechs Seiten lang sind. Sie suchen das passende Buch für eine Fahrt mit der U-Bahn oder dem Fernbus? Hier ist es. (Alexander Kluy, Album, 11.4.2017)

  • Nicolaia Rips,  "Alles außer  gewöhnlich". Aus  dem Englischen von Kathrin Razum.  € 20,60 / 224 Seiten. Nagel & Kimche,  Zürich 2017
    cover: nagel & kimche

    Nicolaia Rips, "Alles außer gewöhnlich". Aus dem Englischen von Kathrin Razum. € 20,60 / 224 Seiten. Nagel & Kimche, Zürich 2017

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