Katharina Tiwald: Kleine Petersburger Ode

    7. April 2017, 18:31
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    Lange tuckert die Rolltreppe hinunter in die zweite Ebene der Stadt. Du gehst, du strömst mit in der Petersburger Metro – von einer Station zur nächsten

    Petersburg, das ist ein Geruch: ein vertrauter, unsichtbarer Schleier aus Staub, Hund, Alter. Es ist ein flüchtiger Geruch, er wird die Globalisierung und das Eindringen westlicher Putzmittelscharfmacher nicht überleben. Jedes neue Gebäude stampft ihn aus wie eine abgerauchte Zigarette. Irgendwann wird er umzingelt sein, ausgeräuchert.

    Petersburg, das ist die Distanz: die fröhliche Rückkehrerin erzählt den Mitreisenden, es sei eigentlich ein Katzensprung vom Gostinny Dwor bis zur Newa, ein Spaziergang; am Fluss angekommen wanken die Petersburgneulinge bleichgesichtig und vorwurfsvoll zum Brückengeländer.

    Nicht zu vergessen die U-Bahn. Bis zu sechzig Meter liegen die Schächte unter der Erde, die Stationen versehen mit Mosaiken, Stuck, Prachtleuchtern (und fünf, nämlich die Puschkinskaja, Dostojewskaja, Majakowskaja, Gorkaja und Tschernyschewskaja, sind nach Schriftstellern benannt; es gibt auch "Leninplatz" und "Proletarskaja").

    Lange tuckert die Rolltreppe hinab in die zweite Etage der Stadt. In der Gegenrichtung schmust manchmal ein Pärchen und lässt sich ans Licht tragen. Unten, in kleinen Kabäuschen, sitzen übellaunige Damen in Uniform und bewachen das langsame Treiben. Ab und zu bellen sie einen Befehl in ihr Mikrofon. Du gehst, du strömst mit, vorbei an den Kabäuschen, du wartest auf die großen Sardinenbüchsen, als die sich die Metrowaggons verkleidet haben. Die Stimme, die dich auf deiner langen, langen Reise begleitet – mindestens drei Wiener U-Bahn-Stationen würden in die Strecke passen, die die Petersburger Metro von einer Station zur nächsten durchschnittlich zurücklegt – die Stimme ist die eines Mannes, eine angenehme Tonlage, wie aus einem Sowjetfilm. Beim Einfahren wird die Station genannt, und gleich: "Die nächste Station ist ..." Einmal, als wir jung und dumm waren, lästerten eine Freundin und ich in unserem hier geheimen Deutsch über die Ohrenhaare eines alten Herrn, der neben uns im Waggon stand. Als die U-Bahn hielt, hat er sich höflich von uns verabschiedet. Auf Deutsch. Einmal – aber das war in einem Bus, Jahre später, eine andere Freundin – hat uns einer in Jeansjacke beschimpft: deutsche Huren. Und die älteren Frauen, die sich durch die vollen Busse quetschen und die briefmarkengroßen Fahrkarten verkaufen, sind nie betrunken – bis auf das eine Mal vor fünfzehn Jahren, als meine flugängstliche Mutter nachts ankam: Das Empfangskomitee im Bus waren ich und die besoffene Kontrolleurin.

    Petersburg, das ist eben auch das Wässerchen Wodka, aber viel, viel mehr ist es Wasserfläche, die majestätische Newa, das Netz aus Kanälen, der Hafen, der Finnische Meerbusen, spiegelnde Weite. Petersburg, das sind Bauten aus allen Zeitschichten, die zaristische Zeile an der Newa, der Jugendstil der Jahrhundertwende, Details an den Fassaden, Adler, Fliegen, Engel, der gläserne Globus am Dach des Dom Knigi, die blaue Kuppel der Moschee am Flussufer, 1913 eröffnet: Die besten Architekten der Stadt hatten um diesen Auftrag gekämpft. Petersburg, die alten Innenhöfe, das Innenhofsystem, du gehst von einem zum anderen. Ganglien der Stadt. Putin, heißt es, war ein Innenhofkid. Petersburg, die Plattenbauten am Stadtrand, krächzende Aufzüge in den Oldtimern und Umzingelung durch neue Hochhäuser: rasendes Wachstum.

    Petersburg – das sind Schüsse. Bomben. Durch ein Attentat starb 1881 Alexander II., wie vor ihm und nach ihm etliche Zaren, nur schlug hier erstmals eine Terrorgruppe zu, die "Narodnaja Wolja" – "Volkswille" bzw. "Volksfreiheit". Fast 50 Jahre vorher erlag der Nationaldichter Alexander Puschkin auf seinem Sofa dem Bauchschuss, den er sich bei einem Duell geholt hatte, dort, wo heute an der Metrostation "Tschernaja Retschka", "Schwarzes Flüsschen", monströse Einkaufszentren stehen und Schlafburgen. Dann 1905, als der Zar in eine friedliche Demonstration feuern ließ. Die Revolution von 1917. Bürgerkrieg, Tote. KGB-Kugeln. Terror. Die Bomben und Schüsse der Wehrmacht, der Hunger, die Verhungerten der Blockade von Leningrad. Das Freudenfeuerwerk am Ende der Kriege: Sprengstoff der guten Art. Dann wieder Staatsterror, 1950 gegen Angehörige der Leningrader Stadtregierung. Schüsse. 1996 das Ende der Todesstrafe. Messerattacken, Schüsse, Überfälle. Mafia, Verbrecher, Auftragsmörder.

    Petersburg, das sind meine Freunde. Einer von ihnen, Wladimir Kustow, ist Künstler, er malt oft Tote, in Schwarz, Weiß und Grau. Er malt Krähen, Muscheln, Stricke, Messer. Mandalas. Am 3. April schreibt er mir, ihm sei nichts passiert. "Aber um die Menschen ist mir wahnsinnig leid." (Katharina Tiwald, Album, 7.4.2017)

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