Die chronischen Leiden der Musiker

7. April 2017, 10:56
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Haltungsschäden, chronischer Stress, Alkoholmissbrauch – ein Symposium in Wien thematisiert die gesundheitlichen Probleme von Berufsmusikern

Für Berufsmusiker ist die Auseinandersetzung mit Musik nicht nur von Begeisterung und Gänsehautgefühl getragen, das Spiel ist gleichzeitig auch harte Arbeit, die man mitunter allabendlich vor Publikum vollführt. An der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien diskutieren heute Musiklehrer, Psychologen oder Physiologen, Therapeuten oder Ärzte – sprich alle Berufsgruppen, mit denen Berufsmusiker in ihrer Karriere potenziell in Kontakt kommen.

Den zahlreichen positiven körperlichen, emotionalen, psychischen Auswirkungen von Musik sowie den drohenden Belastungen, die das Leben als Musiker mit sich bringen kann, widmet sich ein Symposium in Wien. Unter dem Titel "Musik plus/minus Leidenschaft" diskutieren rund 200 Experten darüber, wie Musiker bei Problemen möglichst früh unterstützt werden können.

"Wir haben auch Musiker mit dabei, die in Fallstudien berichten, wie sie Kraft aus dem Publikum gewinnen wenn sie auf die Bühne kommen, aber auch, wie es teilweise überfordert, diese Leistung immer wieder zu bringen", so Matthias Bertsch von der Abteilung für Musikphysiologie und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Musik und Medizin (ÖGfMM).

Musik als Spitzensport

Für Berufsmusiker gelte ähnliches wie für Spitzensportler, die schon relativ jung auf 10.000 Übungsstunden kommen. Das könne zu Mehrfachbelastungen führen, mit denen man sich seit einigen Jahren auch zunehmend wissenschaftlich auseinandersetzt, erklärte Bertsch. Noch in den 1980er-Jahren gab es kaum Hilfe und Verständnis. Wenn etwa durch die Beanspruchung körperliche Probleme entstanden oder das positive Lampenfieber in eine Bühnenangst umschlug, wurde oft mit Alkohol und Medikamenten gegengesteuert.

Erst ab den 1990er Jahren etablierte sich im deutschen Sprachraum unter dem Begriff "Auftrittscoaching" eine professionellere Herangehensweise. Im körperlichen Bereich habe sich für das Fach mittlerweile der Überbegriff "Musikphysiologie" etabliert, erklärte Bertsch.

Auch an den Ausbildungsstätten werde das Thema ernster genommen. Mit der Vermittlung von Strategien gegen falsche Haltung oder ausufernde Aufregung müsse man jedenfalls schon möglichst früh beginnen, denn negative Auswirkungen davon sehe man auch bereits in jungen Jahren, so der Experte. Mit physischen Problemen, etwa im Hals-, Schulter- und Nackenbereich, hätten rund 80 Prozent aller Berufsmusiker zu kämpfen. Bei etwa einem Viertel leide das Gehör über die Karriere hinweg.

Die Spätfolgen von Lampenfieber

Im mentalen Bereich gehe man von etwa 30 Prozent aus, die hier Probleme entwickeln. "Lampenfieber ist positiv. Das bringt den Kick und die Leidenschaft mit sich", sagte Bertsch. Von Bühnenangst spricht man, wenn die Furcht davor regiert, Höchstleitungen in CD-Qualität auch an Abenden abliefern zu müssen, "wenn man nicht so gut drauf ist". Manche greifen dann zu Betablockern oder Alkohol. Hier gehe es auch einen Schritt weit um Enttabuisierung und Bekanntmachen von Optionen, wie Betroffene bei solchen Problemen unterstützt werden können. Die ÖGfMM biete hier eine Vernetzungsplattform zu Ärzten, Psychologen oder anderen Helfern. (APA/red, 7.4.2017)

  • Professionelle Geiger haben oft Haltungsschäden durch die Kopfneigung und die verdrehte Handhaltung. Zudem leidet mit den Jahren das Gehör durch die Lautstärke im Konzertsaal.
    foto: istockphoto

    Professionelle Geiger haben oft Haltungsschäden durch die Kopfneigung und die verdrehte Handhaltung. Zudem leidet mit den Jahren das Gehör durch die Lautstärke im Konzertsaal.

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