Neunerhaus baut medizinische Versorgung für Nichtversicherte aus

7. April 2017, 12:01
72 Postings

Medizinzentrum in Wien-Margareten um knapp zwei Millionen Euro erweitert – Nachfrage nach Versorgung für Nichtversicherte nimmt zu

Wien – Die Weltgesundheitsorganisation hat in der Hilfsorganisation Neunerhaus einen besonderen Unterstützer ihres Ziels, "Gesundheit für alle" zu erreichen: Neunerhaus kümmert sich in einem Medizinzentrum und mit mobilen Ärzteteams in Wien um eine Gesundheitsversorgung für jene Menschen, die nicht versichert sind. Die Ressourcen für medizinische und sozialarbeiterische Betreuung werden derzeit am Standort des Medizinzentrums in Margareten massiv ausgebaut – die Fläche wird fast verdreifacht. Denn: Die Nachfrage nach dieser unbürokratischen Versorgungsform steigt stark, wie Neunerhaus-Geschäftsführer Markus Reiter bei einem Pressegespräch am Donnerstag anlässlich des Weltgesundheitstags sagte.

Demnach hat sich die Zahl der Patienten seit 2010 mehr als verdoppelt. Derzeit würden im Jahr 4.000 Patienten behandelt und 27.000 Konsultationen durchgeführt. Bis 2020 rechnet Reiter mit rund 6.000 Patienten. 40 Prozent der Menschen, die dieses Angebot annehmen, seien ganz ohne Versicherung. Viele dieser Menschen hätten aber Anspruch, würden jedoch an bürokratischen Hürden scheitern. "Wenn Neunerhaus-Sozialarbeiter dann helfen, klappt es meistens", sagt Reiter.

orf

Schnell ohne Versicherung

Neunerhaus finanziert das Angebot aus Spenden, anhand eines Vertrags mit der Wiener Gebietskrankenkasse und durch Förderungen des Fonds Soziales Wien – "aber immer mit knappsten Mitteln", sagt Reiter. "Wir wünschen uns einen stärkeren Platz im Gesundheitssystem." Wenn man das Ziel "Gesundheit für alle" zu Ende denke, müsse es eigentlich eine Versorgung für jeden geben, ob mit E-Card oder ohne.

Dass man keine Versicherung habe, betreffe viele und könne leicht passieren, erläutert Katharina Hammer, fachliche Leiterin im Neunerhaus: "Wenn jemand einen AMS-Termin verpasst hat", nennt sie als Beispiel, aber auch Studenten, bei denen sich eine Lücke auftut, Selbstständige, die in knappen Zeiten bei der Versicherung sparen, oder Menschen mit einem Aufenthaltstitel, von dem sie nicht wissen, was dieser genau für sie bedeute. Es gehe oft auch um Selbstwirksamkeit – darum, die Menschen dazu zu ermächtigen, den nächsten Behördenweg allein zu schaffen.

"Viele Barrieren" von unten

In der Akutversorgung arbeitet Neunerhaus mit dem Ordensspital der Barmherzigen Brüder zusammen, die längerfristige Nachbetreuung und die Versorgung chronisch Kranker kann dort aber nicht erfolgen. Stephan Gremmel, ärztlicher Leiter bei Neunerhaus, findet das österreichische Gesundheitssystem prinzipiell "sehr gut", der Blick von unten zeige aber "viele Barrieren und Hürden". Wichtig sei Neunerhaus der interdisziplinäre Zugang, dass Ärzte und Sozialarbeiter eng zusammenarbeiten. Außerdem arbeitet man in der Patientenbetreuung zunehmend mit Videodolmetsch.

Schon jetzt befindet sich in der Margaretenstraße ein Medizinzentrum mit Arzt- und Zahnarztpraxis, sozialarbeiterischer Betreuung und auch Tierartzpraxis. Auch Platz für Wundversorgung, Hebammensprechstunden und eine Nasszelle zur Körperhygiene sind künftig vorgesehen. Zudem soll ein Café einen niederschwelligen Zugang und auch Platz für Veranstaltungen bieten.

Eröffnung für Oktober geplant

Künftig soll die Fläche auf 700 barrierefrei zugängliche Quadratmeter im Erdgeschoß ausgeweitet werden. Gebaut wird bereits, wie die knapp zwei Millionen Euro für das Projekt aufgebracht werden, ist laut Geschäftsführer Reiter noch nicht gänzlich geklärt. Zur derzeit anfallenden Miete kommen 100.000 Euro Mehrkosten im Jahr. "Wie wir diese zahlen, ist de facto offen", sagt Reiter.

Im Oktober soll eröffnet werden. Die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz erklärt den Ausbau von Neunerhaus zum "Bottom-up-Primärversorgungszentrum". Das könne ein Rolemodel für die Neuaufstellung des Gesundheitssystems sein. (spri, 7.4.2017)

  • Modell des geplanten neuen Medizinzentrums von Neunerhaus in der Margaretenstraße.
    foto: spri

    Modell des geplanten neuen Medizinzentrums von Neunerhaus in der Margaretenstraße.

    Share if you care.