Tödliche Passwörter: Wie ein Handyspiel über Syrien informiert

7. April 2017, 10:19
2 Postings

Al Jazeera macht User, die nichts mehr über den Krieg wissen wollen, in einem Mobile Game zu investigativen Journalisten

Perugia – "Die Leute haben so viel über den Krieg in Syrien gehört, dass sie nichts mehr davon wissen wollen. Es ist unsere Aufgabe, einen Weg zu finden sie über neue Perspektiven zu informieren." So beschreibt Juliana Ruhfus von Al Jazeera English ihre Motivation für das Projekt #hacked.

Auf www.syhacked.com wird der Spieler zum investigativen Journalisten. Die Mobile Web App versetzt den User direkt in den syrischen Cyberkrieg. Als Journalist soll man Hackerangriffe auf Aktivisten aufdecken, während man selbst immer wieder potentiell gehackt werden kann.

foto: screenshot syhacked.com al-jazeera
Präsentationsvideo auf syhacked.com

Vom Gamer zum Reporter

Syhacked betreibt Journalismus im Spielformat. Die Entwickler müssen Regeln aufstellen und die Entwicklungen gehen in alle Richtungen. Der User soll kein reiner Beobachter der Recherche sein – er kann in der Geschichte weder vor- noch zurückspulen. Ein zentraler Unterschied zu herkömmlichen Handygames: Der Spieler oder die Spielerin können zwar den den Weg wählen, aber nie den Ausgang der Geschichte beeinflussen.

Ruhfus und ihr Team versuchten so viel Inhalt wie möglich in das Spiel einzubauen. Damit soll der Spieler bestens informiert und die Reputation von Al Jazeera English gestärkt werden.

Syhacked präsentiert dem User Herausforderungen des täglichen Investigativjournalismus. Er muss Interviewpartner finden, die bereit sind ihr Gesicht zu zeigen und gleichzeitig glaubwürdig sind. Möchte jemand nicht erkannt werden – was besonders in Situationen, in denen die eigene Familie geschützt werden muss, der Fall ist – kann das Interview aus ethischen Gründen nicht geführt werden. Befindet sich der User in einem Hotel, so kann er das Wifi dort nicht benutzen, um nicht von Hackern bedroht zu werden. Die eingeblendeten Hacker-Nachrichten basieren auf tatsächlich gefundenem Material.

Track the attack, don’t get #hacked

Al Jazeera hat unzählige Daten und Informationen darüber gefunden, dass Gegner des Assad-Regimes unter ständiger Beobachtung stehen und immer wieder Opfer von Hackerangriffen werden. Die syrische Regierung sammelt sämtliche Daten der Bevölkerung, um ihre Gegner auszuspionieren. Personen, deren Passwörter – wie "FuckAssad" – Kritik am Regime beinhalten, werden umgebracht.

Al Jazeera wurde selbst bereits mehrmals gehackt und durchlebte auch als Nachrichtenstation die Anstrengungen von Datensicherheit. Cyberkriminalität ist daher nicht nur für Privatpersonen ein dauerhaft relevantes Thema.

Gerade als Juliana Ruhfus über Hacking und die Sicherung persönlicher Daten spricht, stürzt ihre Präsentation ab. Das Computerbild bleibt hängen und auf dem Beamer sind plötzlich ihre privaten Fotos sowie ihr Kalender zu sehen.

foto: screenshot syhacked.com al-jazeera
Aus dem Präsentationsvideo von Syhacked.

Weberfolg – ohne die Bestenliste zu hacken

Syhacked ist mehrmals für den Webby Award nominiert und im Apple Store dauerhaft unter den Top-Suchanfragen.

Gleichzeitig stößt diese Art des Journalismus aber nicht auf uneingeschränktes Lob. Die Kritik: Das Spiel mache aus der Situation in Syrien ein Freizeitvergnügen. Ihr begegnet Al Jazeera mit einem Live Feed, der ständig Breaking News aus Syrien liefert. Damit soll der Spieler auch die Ernsthaftigkeit des Projekts im Auge behalten.

100 und mehr Passwort-Opfer

In Syrien ist der Cyberkrieg kein Spiel. Anti-Assad-Aktivisten kämpfen nicht nur gegen das Regime, sondern auch gegen die dauerhafte Online-Überwachung. Die Zahl der Menschen, die wegen ihrer Passwörter nicht mehr leben, wird auf 100 und mehr geschätzt. (Judith Brandstötter, 7.4.2017)

Das Video zur Präsentation beim Journalismusfestival in Perugia:

international journalism festival

Zum Projekt

Vom Internationalen Journalismus Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW.

Judith Brandstötter googelt alles und jeden. Sie studierte Italienisch und Publizistik in Wien und Catania. Neben dem Journalismus-Studium arbeitet Judith für Puls 4 und ist begeisterte Autodidaktin in Chemie. Sie hadert damit, dass ihr Familienname stets falsch geschrieben wird.

  • Artikelbild
    foto: screenshot syhacked.com al-jazeera
    Share if you care.