Wie Staaten mit Leaks Krieg führen

7. April 2017, 09:00
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Den Gegner treffen, wo es wehtut, ohne einen Schuss abzufeuern: Strategische Hacks werden zur neuen Waffe

Perugia – Es war ein harter Schlag, der die US-Demokraten unvorbereitet traf. Mitten im Präsidentschaftswahlkampf geht die Bombe hoch: Zigtausende Mails ranghoher Demokraten tauchen im Juli des Vorjahres auf Wikileaks auf. Und damit heikle Informationen über Hillary Clinton und ihre Kampagne. Es folgen mehrere Rücktritte und ein massiver Imageschaden für Clinton und die Demokraten. Die US-Geheimdienste sind sicher: Hinter dem Leak stecken die Russen. Die Anweisungen dazu sollen direkt aus dem Kreml gekommen sein. Von ganz oben. Das angebliche Ziel dahinter: Eine Präsidentin Clinton verhindern.

Neue Form der Konfrontation

Die Demokraten, die Emails von John Podesta, der Sony-Hack. In der jüngeren Vergangenheit häufen sich Fälle, in denen Hacker große Massen sensibler Daten erbeuten und an die Öffentlichkeit bringen. Und immer sollen Staaten und ihre Geheimdienste bei diesen Leaks in der einen oder anderen Form die Finger im Spiel haben.

Es ist eine neue Form der Konfrontation, die wir hier erleben, sagt Marcel Rosenbach beim Journalismusfestival in Perugia. Er ist investigativer Journalist beim deutschen "Spiegel" und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Themenkomplex rund um Hacks und Leaks. Rosenbach sieht eine neue Ära der Informationskriege kommen.

Qualität und Masse

Aber was genau ist neu daran? Geheimdienste haben schon immer Informationen über Gegner gesammelt und veröffentlicht. Der sowjetische KGB und die Stasi in der DDR nannten das "aktive Maßnahmen". Und Journalisten wurden auch schon immer geheime Informationen zur Veröffentlichung zugesteckt.

foto: reuters/david mcnew
Eine Anregung für eine Leak-Recherche bei einer Anti-Trump-Demo in Los Angeles im Februar 2017.

Die Qualität und schiere Masse der Daten hat sich aber während der letzten Jahre drastisch geändert, sagt auch die Journalistin Carola Frediani von der italienischen Tageszeitung La Stampa. Auf einmal werden riesige Mengen geheimen Materials online gestellt, das von Parteien, Regierungen oder Unternehmen gestohlen wurde. Und jeder kann darauf zugreifen.

Hinter diesem neuen Vorgehen steckt eine strategische Überlegung: Veröffentlicht wird, was dem Gegner schadet und dem eigenen Ziel dient. Die Daten sind dabei verhältnismäßig leicht zu bekommen, selbst Ministerien oder Parteien schützen sich oft schlecht gegen Datendiebstahl. Strategische Leaks sind also ein gutes Mittel, um mit relativ wenig Aufwand enorme Wirkungen zu erreichen.

Probleme für den Journalismus

Diese drastischen Neuerungen der letzten Jahre bringen auch neue Probleme für Journalisten. Wie sollen sie damit umgehen? Wie über Leaks berichten, sich aber nicht instrumentalisieren lassen? Besinnt euch auf die Grundsätze eures Handwerks, rät Rosenbach seinen Journalistenkollegen. Das heißt: Skeptisch sein, alles hinterfragen und sauber arbeiten.

Ein Problem moderner Leaks ist, dass Journalisten in der Regel keinen direkten Kontakt zur Quelle haben oder sie überhaupt nicht kennen. Es ist also schwer, einwandfrei zu sagen, woher die Daten kommen. Sogar die Geheimdienste haben oft große Schwierigkeiten, die wahren Hintermänner eines Leaks zu identifizieren, sagt Rosenbach.

Für Journalisten heißt das, ein genaues Auge auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und die Quelle zu werfen. Ist es plausibel, dass gerade jetzt von gerade dieser Person oder Organisation veröffentlicht wird? Welche Interessen könnten dahinterstecken?

Datenflut

Die Flut an Daten, die viele neue Leaks bringen, ist eine weitere Schwierigkeit für Journalisten. Terabytes an Material sind schwer zu durchforsten und zu verifizieren. Dahinter steckt aber eine zutiefst journalistische Abwägung, nämlich die Frage danach, ob die Informationen überhaupt von gesellschaftlichem Interesse sind und eine Veröffentlichung damit gerechtfertigt ist.

Transparenz, Sicherheit, Zeit

Und schließlich geht es bei der gebotenen journalistischen Sorgfalt um Transparenz. Dazu gehört, auch Lücken in der eigenen Recherche zu offenbaren. Zu sagen, was einfach nicht mit Sicherheit gesagt werden kann. All das braucht Zeit. Journalisten sollten sich diese Zeit aber unbedingt nehmen, sagt Rosenbach. Denn wenn alle beim "Rattenrennen" um die erste oder exklusive Veröffentlichung von Leaks mitmachen, degradiert sich der Journalismus selbst zum reinen Sprachrohr. Und das beschädigt die Glaubwürdigkeit der vierten Gewalt. (Philipp Bauer, 8.4.2017)

Das Video zum Panel "A New Era of Information Warfare" beim Journalismusfestival in Perugia:

international journalism festival
Carola Frediani ("La Stampa") und Marcel Rosenbach ("Der Spiegel").

Zum Projekt

Vom Internationalen Journalismus Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW.

Philipp Bauer studierte Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung und legt ein journalistisches Praktikum nach dem anderen ab. Daher fiel die Wahl beim Master auf Journalismus und Neue Medien.

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