"Washington Post" "bleibt hoffentlich Quelle für jene, die wissen wollen, was passiert"

Interview7. April 2017, 13:00
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Digitalprojektchef Greg Barber rät Österreichs Medien: "Experimentiert – aber experimentiert strategisch"

Greg Barber ist "Director of Digital News Projects" bei der Washington Post. derstandard.at* sprach mit ihm über den Umgang mit Donald Trump, mit Fake News, über den Journalismus anno 2050 und über Facebook und Google.

STANDARD: Was macht die "Washington Post", um trotz Digitalisierung noch Geld mit Journalismus zu verdienen?

Barber: Einerseits durch Online-Werbung und Digital-Abos. Auf der anderen Seite haben wir ein Content-Management-Systems namens "Arc" entwickelt, das wir an Medienunternehmen verkaufen. Zu unseren Kunden zählen viele US-amerikanische Zeitungen, wie zum Beispiel die "Los Angeles Times".

STANDARD: Wie können klassische Medien im Kampf gegen Facebook, Google & Co. überleben?

Barber: Ich weiß nicht, ob das zwingend ein Kampf ist. Jedes Medium muss sich sorgfältig überlegen, wo und wie es seine Inhalte platziert. Bei der Washington Post waren wir sofort dabei, als Facebook seine Instant-Article-Funktion gestartet hat. Wenn wir solche Entscheidungen treffen, überlegen wir uns vorher genau, wie unsere Strategie aussieht. Für Kooperationen mit Google gilt das gleiche. Wichtig ist, zu wissen, was die Ziele sind und wie man sie erreichen kann.

STANDARD: Welche Antwort haben Sie auf die große Zunahme von Fake News und alternativen Fakten im Internet?

Barber: Wir bleiben hoffentlich eine Quelle für jene, die wirklich wissen wollen, was in der Welt passiert. Das Internet ist ein riesiger Ort und jeder kann Texte darin veröffentlichen. Das Phänomen von "Fake News" ist nichts neues. Für Qualitätsmedien ist es wichtig, dass wir die höchsten journalistischen Standards halten. Unsere Berichterstattung muss stark und unsere Fact-Checks müssen felsenfest sein. Weder wir von der Washington Post, noch irgendein anderes Medienunternehmen kann Menschen aufhalten, die im Internet Unwahrheiten verbreiten.

foto: simon seher für derstandard.at
Greg Barber leitet Digital News Projects bei der "Washington Post" – und sprach beim Journalismusfestival in Perugia.

STANDARD: Wie hat die Digitalisierung den Journalismus und journalistische Arbeitsweisen verändert?

Barber: Die Digitalisierung ermöglicht viele verschiedene Arten, Geschichten zu erzählen. Auf Snapchat kann man eine Geschichte anders aufbereiten als auf einer Website. Früher waren die unterschiedlichen Mediengattungen strikt voneinander getrennt. Im Digitaljournalismus vermischen sich Radio, Bewegtbild und Text. Uns Journalisten steht heute eine massive Auswahl an Erzählformen zur Verfügung. Natürlich ist es auch eine Herausforderung, die passende zu finden.

STANDARD: Lassen wir uns kurz über die Zukunft des Journalismus sprechen. Wie wird der Journalismus in 2050 aussehen?

Barber: Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, wie der Journalismus in 2017 aussehen wird, wäre ich weit daneben gelegen. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass es 2050 sehr viel anders als heute aussehen wird. Was uns auf dieser Evolution helfen wird, ist der selbe Zugang, der uns auch in den letzten 70 Jahren geholfen hat: jede Innovation ist auch eine Chance. Bei jedem neuen Tool müssen wir uns fragen, wie wir damit besser Geschichten erzählen können.

STANDARD: Welchen Rat würden Sie einem österreichischen Medienunternehmen geben, wenn es um Digitalprojekte geht?

Barber: Experimentiert, aber experimentiert strategisch. Nicht alle Medien haben die gleichen Ressourcen, nicht jede Zeitung ist die New York Times. Aber alle können ausprobieren und sich Bereiche aussuchen, in denen sie gut sein wollen. Wichtig ist es, klare Ziele zu definieren und Wege zu finden, damit diese auch erreicht werden. Im Journalismus funktioniert es wie in allen Naturwissenschaften: durch Experimente gewinnt man Erkenntnisse. Und wenn Experimente schiefgehen, hat man zumindest eine neue Erfahrung gesammelt.

STANDARD: Wie wird die Präsidentschaft von Donald Trump die Medienlandschaft in den Vereinigten Staaten verändern?

Barber: Wir haben die Pflicht, die Fakten zu berichten. Nur so können wir die offiziellen Statements aus dem Weißen Haus hinterfragen. Vor allem dann, wenn sie schon auf den ersten Blick unwahr scheinen. Unsere Leser erwarten von uns umfangreiche Information und wir tun alles, um sie ihnen bieten zu können. (Simon Seher, 7.4.2017)

Greg Barber ist "Director of Digital News Projects" bei der "Washington Post". Die traditionsreiche Qualitätszeitung wurde 2013 von Amazon-Boss Jeff Bezos übernommen.

* Zum Projekt

Vom Internationalen Journalismus Festival in Perugia berichten Studierende des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW.

Simon Seher arbeitet als freier Journalist (bisher unter anderem bei "Falter", "Wiener Zeitung", ORF), er ist Head of Online & Social Media beim "Gewinn". Er studiert Journalismus und Medienmanagement in Wien sowie Wirtschaftsjournalismus und Krems.

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