Die rätselhaften Riesenviren von Klosterneuburg

7. April 2017, 07:00
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Wien – Mit "Klosneuviruses" bringt ein internationales Forscherteam unter österreichischer Leitung ein neues Lehnwort in die englische Sprache ein. Fundort der in "Science" vorgestellten Entdeckung war nämlich die Kläranlage von Klosterneuburg.

Das vermeintlich neue Ding

Es handelt sich um vier bisher unbekannte Arten von Riesenviren, einer erst in jüngster Vergangenheit entdeckten Lebensform – sofern man Viren überhaupt als lebendig bezeichnen kann. Für die Vermehrung sind sie nämlich – wie alle bekannten Viren – auf die Zellen anderer Wirt-Organismen angewiesen. Sie haben aber auch Eigenschaften, die man bisher nur mit eigenständigen Lebewesen in Verbindung brachte. So besitzen sie etwa auch DNA-Bausteine für die Herstellung von Eiweißen (Proteinbiosynthese).

Wegen dieser Eigenschaften und weil ihr Erbgut wesentlich mehr Gene als das herkömmlicher Viren und sogar mancher Bakterien enthält, wurde bereits spekuliert, es könnte sich um einen ganz eigenständigen Zweig des Lebens handeln, eine vierte Domäne neben Bakterien, Archaeen und Eukaryoten.

Die Analyse

Die Klosneuviren dürften dies laut dem Team um Frederik Schulz von der Uni Wien aber widerlegen. Sie haben den bisher vollständigsten Proteinbiosynthese-Apparat – was den Wiener Wissenschaftern die Möglichkeit gab, dessen Herkunft zu untersuchen. Dabei wurde klar, dass sich Klosneuviren bei der Erweiterung ihres Erbguts bei unterschiedlichen Eukaryoten bedient haben.

"Daraus kann man ziemlich eindeutig schließen, dass sie von ihren verschiedenen Wirten Gene einsammeln. Dieses Muster kann man mit der Annahme einer uralten Lebensform aber nicht erklären. Das stützt sehr stark die Theorie, dass es – man muss fast sagen leider – keine Nachfahren einer unbekannten Domäne des Lebens sind", sagt Michael Wagner vom Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung der Universität Wien.

Offen ist noch, warum sie sich DNA-Bausteine ihrer Wirte einverleiben. Denkbar sei etwa, dass sie damit auf Versuche ihrer "Gastgeber"-Zellen reagieren, ihre Gäste mit dem Herunterfahren ihres Stoffwechsels quasi molekular auszuhungern. Die Klosneuviren könnten diese Teile der Proteinbiosynthese dann einfach selbst erledigt haben und so die Verteidigung der Wirte umgehen. (APA, red, 7. 4. 2017)

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