Kannibalismus: Kalorienzählen bei Menschenfleisch

7. April 2017, 06:00
171 Postings

Britische Forscher zeigen, dass der Nährwert nicht der Grund gewesen sein dürfte, warum Menschen in prähistorischer Zeit zu Kannibalen wurden

Brighton/Wien – Immer wieder tauchen bei Ausgrabungen Verdachtsmomente dafür auf, dass Neandertaler und moderne Menschen während der Steinzeit gelegentlich auch Fleisch von ihrer eigenen Art nicht verschmäht haben. Der Großteil der entsprechenden Funde ist alles andere als eindeutig und nur schwer zu interpretieren. In sehr seltenen Fällen allerdings lassen die vorgefundenen Spuren kaum einen anderen Schluss zu, als dass unsere Vorfahren ihresgleichen als Mahl zubereitet haben.

Kürzlich ist Archäologen von der Universität Valencia in einer südspanischen Höhle ein solcher ziemlich aussagekräftiger Fund gelungen. Die dort freigelegten rund 10.000 Jahre alten Überreste von zwei Erwachsenen und einem Kind trugen nicht nur Abdrücke menschlicher Zähne, sondern wiesen auch typische Schnitt- und Feuerspuren auf: Sie wurden allem Anschein nach zumindest in Teilen verzehrt.

Nahrungsmangel war es wohl nicht

Über die Gründe, warum die Mitglieder dieser Jäger- und Sammlergesellschaft an der Schwelle zur Landwirtschaft einander verspeist haben, lässt sich nur spekulieren. Dass Hunger und Not sie dazu getrieben haben, gilt jedoch eher als unwahrscheinlich: Die Forscher fanden in der Höhle neben den Menschenknochen Gebeine von zahllosen Steinböcken, Rehen und anderen Säugern – Nahrung war offenbar reichlich verfügbar. Nun haben britische Wissenschafter ein weiteres Argument geliefert, warum Kannibalismus in der Steinzeit generell nicht primär der Ernährung gedient hat.

Das Team um den Archäologen James Cole von der University of Brighton hat sich im Detail angesehen, wie es um den Nährwert von Menschenfleisch steht und ihn mit jenem von prähistorischen Wildtieren wie Mammuts, Auerochsen oder Hirschen verglichen. Das Ergebnis: Als Nahrungsmittel macht der Mensch nicht allzu viel her.

Konkret analysierten Cole und seine Kollegen die Zusammensetzung aller Körperteile von vier erwachsenen, modernen Menschen. Die Aufschlüsselung des Fett- und Proteinanteils ergab den Kaloriengehalt der unterschiedlichen Teilstücke. Cole räumt im Fachjournal "Scientific Reports" zwar ein, dass sich Steinzeitmenschen physisch und chemisch etwas von heutigen Homo-sapiens-Vertretern unterschieden haben dürften, die Ergebnisse sollten von den damaligen Verhältnissen aber nicht weit entfernt sein.

150.000 Kalorien pro Mensch

In Zahlen ergaben die Berechnungen einen Wert von 32.400 Kalorien für die gesamte Skelettmuskelmasse eines Menschen. 7.500 davon stecken in den beiden Oberarmen, die Oberschenkel bringen es zusammen auf 13.350 Kalorien. Torso und Kopf sowie Waden und Unterarme ergeben die übrigen 11.550 Kalorien.

Die inneren Organe sind weniger ergiebig: Die Lunge hat 1.600 Kalorien, das Herz etwa 650 und die Leber 2.600 Kalorien. Die Haut als größtes Organ schlägt mit 10.300 Kalorien zu Buche (eine genau Aufschlüsselung ist hier zu finden).

Alles in allem liefert ein vollständig verzehrter männlicher Erwachsener fast 150.000 Kalorien – wenig im Vergleich zu den steinzeitlichen Beutetieren, wie die Forscher finden. Eine 20- bis 25-köpfige Gruppe von Steinzeitmenschen oder Neandertalern hätte davon kaum länger als einen Tag gezehrt.

Alleine die Skelettmuskulatur der lokalen Wildtiere würde demnach in Summe einen bedeutend höheren Nährwert besitzen: Beim Auerochsen beispielsweise sind es 980.000 Kalorien, das Fleisch eines Wildschweins liefert 324.000 Kalorien und selbst ein Rentier hat mit 60.000 Kalorien einen beinahe doppelt so hohen Nährwert wie die Muskulatur eines Menschen. Gelang es sogar, ein Mammut zur Strecke zu bringen, standen der Gruppe mit einem Schlag 3,6 Millionen Kalorien in Form von Muskelfleisch zur Verfügung.

Komplexe Hintergründe

Cole kann daraus nur einen Schluss ziehen: Steinzeitlicher Kannibalismus wurde nicht betrieben, um die Sippe satt zu bekommen. Zieht man ins Kalkül, dass die Jagd auf menschliche Artgenossen auch sehr energieraubend gewesen sein muss, würde sich dies in keinster Weise auszahlen, sondern – im Gegenteil – die menschliche Population mit ihrer damals sehr geringen Reproduktionsrate sogar akut gefährden.

Wie bereits bei dem Fall aus der spanischen Höhle vermutet, dürften daher beim Essen der Toten in erster Linie andere, bedeutend komplexere Gründe als bloßer Hunger eine Rolle gespielt haben. Cole vermutet, dass unter den Neandertalern und steinzeitlichen Menschen die verspeisten Individuen oftmals Opfer im Kampf um Ressourcen und Territorium waren. Dass man sie sich einverleibte, könnte symbolische oder rituelle Bedeutung gehabt haben. (Thomas Bergmayr, 7.4.2017)

  • Feinschmecker Hannibal Lecter ging es wohl eher nicht darum, einfach nur satt zu werden. Für die Menschen der Steinzeit wäre laut einer aktuellen Studie Menschenfleisch auch nicht die beste Wahl gewesen: Nährwertmäßig geben nämlich Wollnashorn, Wildschwein, Mammut und Co. wesentlich mehr her.
    foto: apa/epa

    Feinschmecker Hannibal Lecter ging es wohl eher nicht darum, einfach nur satt zu werden. Für die Menschen der Steinzeit wäre laut einer aktuellen Studie Menschenfleisch auch nicht die beste Wahl gewesen: Nährwertmäßig geben nämlich Wollnashorn, Wildschwein, Mammut und Co. wesentlich mehr her.

  • Knochen aus einer Höhle an der südspanischen Küste weisen ziemlich eindeutig darauf hin, dass noch vor rund zehntausend Jahren Menschen andere Menschen verspeist haben.
An diesem Oberarmgelenk sind Schnittmarken zu erkennen, die typischerweise entstehen, wenn man mit einem scharfen Steinwerkzeug den Arm vom Körper trennt.
    fotos: journal of anthropological archaeology

    Knochen aus einer Höhle an der südspanischen Küste weisen ziemlich eindeutig darauf hin, dass noch vor rund zehntausend Jahren Menschen andere Menschen verspeist haben.

    An diesem Oberarmgelenk sind Schnittmarken zu erkennen, die typischerweise entstehen, wenn man mit einem scharfen Steinwerkzeug den Arm vom Körper trennt.

  • Diese Einkerbungen an einer Rippe aus der selben Höhle in Spanien wurden als Nagespuren von menschlichen Zähnen identifiziert. Offenbar steckten eher rituelle Gründe hinter dieser makaberen Praxis.
    foto: journal of anthropological archaeology

    Diese Einkerbungen an einer Rippe aus der selben Höhle in Spanien wurden als Nagespuren von menschlichen Zähnen identifiziert. Offenbar steckten eher rituelle Gründe hinter dieser makaberen Praxis.

Share if you care.