Wenn der Bauer einen Businessplan einreicht

8. April 2017, 08:49
71 Postings

Die Freiheitsdrang der Landwirte in Österreich wächst. Über einen Schweinebauern, der sich der Produktion wie auf dem Fließband widersetzt

Wien – Ein Studium hätte er sicher gepackt, trotzdem habe er es noch keine Sekunde bereut, stattdessen am eigenen Hof anzupacken, sagt Helmut Jandl. Der junge Obersteirer mästet, wie es einst schon sein Vater tat, Schweine. In irgendwelche Abhängigkeiten hat sich seine Familie dabei nie begeben. Jandl baut das Futter für die Tiere selbst an. Die Schlachtung erfolgt möglichst stressfrei an Ort und Stelle. Vermarktet wird das Fleisch ohne jeden Zwischenhändler direkt an Kunden aus der Region.

Jandl schuf für seine rund 100 Schweine einen Auslauf ins Freie und doppelt so viel Platz, wie es für konventionelle Tierhaltung in Österreich vorgeschrieben ist. Rentabel blieb es für ihn dennoch. Auch wenn Schweinefleisch in Supermärkten zu Schleuderpreisen feilboten wird, die Produktion dahinter hochindustrialisiert ist und jeder Cent auf der Waagschale liegt.

Neun bis zehn Euro bekommt er im Schnitt fürs Kilo Fleisch, was es ihm erlaubt, Tiere so zu züchten, dass es auch einzelne Vegetarier auf seinen Betrieb zieht, die sich hie und da ein Schnitzel gönnen, erzählt der Spielberger. Vorbei seien nur die Zeiten, in denen ihm Gastwirte ganze Schweine abkauften. Denn herzhafte Haxlsuppen und Beuschel wurden auf ihren Speisekarten eher rar.

"Ich wollte immer selbstständig sein, mein eigenes Geld verdienen und mich von keinem abhängig machen", sagt Jandl, der Strom für den Bauernhof aus seiner Photovoltaikanlage gewinnt, das Wasser aus seinem eigenen Brunnen holt, mit Hackgut aus der Region heizt und alle Abwärme fürs Warmwasser nutzt. Nur von Geschäften mit erneuerbarer Energie nahm er Abstand, es wäre nicht wirtschaftlich genug gewesen. Eine ruhige Kugel zu schieben, spiele es in seinem Job freilich nicht. "Es funktioniert nur, weil ich gern und viel arbeite."

Das Marktkorsett sprengen

Das Bild der Landwirte, die sich in unabänderlichen Marktmechanismen gefangen fühlen, bröckelt. Franz Sinabell sieht für sie größere unternehmerische Spielräume als gemeinhin angenommen. "Der Einzelne hat sehr wohl die Möglichkeit, die Produktpreise zu beeinflussen", betont der Landwirtschaftsexperte des Wifo.

Ob bei Milch, Fleisch oder Gemüse: Durch vielfältige Abstufungen in der Qualität seien Preisdifferenzen von 100 Prozent möglich – trotz weitgehend gleichgeschalteter internationaler Märkte. "Betriebe müssen dafür aber auch ein gewisses unternehmerisches Risiko auf sich nehmen, investieren, das Management im Griff haben."

Sinabell macht zwei gegensätzliche Entwicklungen aus. Da seien zum einen Höfe, die in Ermangelung von Nachfolgern zusperrten. Zum anderen seien für viele Bauern Businesspläne, detaillierte Buchhaltung und Kostenrechnung selbstverständlich. Hunderte würden sich in Arbeitskreisen treffen, ihre betriebswirtschaftlichen Kennzahlen durchleuchten, die Schwachstellen identifizieren und Anregungen einholen. Manche spezialisierten sich und schufen zusätzliche Beschäftigung.

Viel Luft nach oben

Wer sich in Richtung Gewerbe orientiert, stößt aber bald wieder auf Grenzen. Die Lebensmittelverarbeitung oder der Urlaub am Bauernhof seien in Österreich stärker reglementiert als in anderen Ländern, sagt Sinabell. Auch die regionale Raumordnung hemme die Expansion. Allein schon gesetzlich vorgegebene Dachneigungen könnten teuer zu stehen kommen.

Jochen Kantelhardt, Leiter des Instituts für Agrarökonomie der Wiener Uni für Bodenkultur, erlebt unter Landwirten ebenso unternehmerische Ansätze. "Es gibt aber noch viel Luft nach oben."

Biolandbau, Verzicht auf Gentechnik, Geschäfte mit nachwachsenden Rohstoffen oder Direktvermarktung seien Akzente, um sich abzukoppeln. Wobei er aber keine falschen Hoffnungen wecken wolle. "Die Frage ist, wie weit sich diese Wege wirklich beschreiten lassen." Eine Lösung für die gesamte Landwirtschaft in Österreich sieht Kantelhardt darin letztlich nicht.

Inwieweit die kleinstrukturierte Landwirtschaft erhalten bleibe, werde die Politik entscheiden. Der Spagat hin zu höherer Rentabilität und Wettbewerbsfähigkeit sei auf jeden Fall ein schwieriger.

Schweinebauer Jandl macht für sich eine einfache Rechnung. "Ob mein Betrieb nun klein oder groß ist: Ich kann nicht mehr ausgeben, als ich einnehme." Er selbst steht derzeit sieben Tage die Woche im Betrieb. Das Griss um Osterfleisch sorgt bei ihm einmal im Jahr für ein feines Körberlgeld. (Verena Kainrath, 7.4.2017)

  • Osterspeck: herzhaftes Körberlgeld für Direktvermarkter.
    foto: www.corn.at, heribert corn

    Osterspeck: herzhaftes Körberlgeld für Direktvermarkter.

Share if you care.