"Islam veränderte tschetschenische Sexualmoral kaum"

Interview8. April 2017, 08:47
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Historiker Watschagajew über das "neue" Thema Homosexualität und den verlorenen Einfluss der Tschetschenen im IS

STANDARD: Tschetschenien hat circa 1,4 Millionen Einwohner. Wie viele Tschetschenen gibt es insgesamt, wenn man die Diaspora dazurechnet?

Watschagajew: Schwer zu sagen. Die russische Statistik berücksichtigt die Tschetschenen, die zurzeit der Kriege geflohen sind, nicht. Vermutlich handelt es sich insgesamt um 1,6 bis 1,7 Millionen. Es gibt also bis zu 300.000, die außer Landes leben.

STANDARD: Wie viele Tschetschenen haben am Krieg in Syrien und dem Irak teilgenommen?

Watschagajew: Der im Juli 2016 getötete, ethnisch-tschetschenische IS-Führer Omar Schischani behauptete, 5.000 Kaukasier unter seinem Kommando zu haben, von denen Tschetschenen knapp 3.000 gestellt hätten. Diese Zahl erscheint mir irreal hoch. Ich gehe von etwa 2.000 Tschetschenen aus, die insgesamt, in verschiedenen Kommandogruppen und über die drei Kriegsjahre verteilt, für den IS gekämpft haben. Die meisten Kämpfer in Syrien und im Irak gab es vermutlich 2015, aufgrund der massiven Internetpropaganda zu dieser Zeit. Die Höhepunkt an Ausreisen junger Menschen aus Europa war aber wahrscheinlich schon Ende 2014 erreicht, als der IS Kriegserfolge verbuchen konnte, Städte eroberte und einen Staat aufbaute. Ein junger Mensch, der die Anwerbevideos sah, konnte für die Idee begeistert und animiert werden, seine Familie und sein Heim zu verlassen, um am Krieg teilzunehmen. Heute, wo der IS auf dem Rückzug ist und Videos die Runde machen, wie seine Kämpfer in die Defensive geraten und getötet werden, ist das kein anziehendes Bild mehr. Jetzt ziehen nur mehr sehr vereinzelt Leute in den Krieg.

STANDARD: Gab es Propaganda, die sich speziell an Tschetschenen richtete?

Watschagajew: Nein, nur an junge Muslime im Allgemeinen. Die Tschetschenen, die schon in Syrien und im Irak waren, sprachen in ihren Propagandavideos Russisch, um alle Muslime im Nordkaukasus und anderswo zu erreichen. Für (die tschetschenischen IS-Führer, Anm.) Omar Schischani, Salahaudin Schischani, Muslim Schischani (Schischani bedeutet auf Arabisch "Tschetschene" und ist ein Kampfname; Anm.) kämpften auch andere Muslime aus der ehemaligen Sowjetunion: Kasachen, Kirgisen, Turkmenen, Krimtataren et cetera. Sie gehörten vollkommen verschiedenen Ethnien und Staaten an, aber alle wurden vom Gedanken angezogen, dass in Syrien ein gerechter Krieg gegen die Tyrannei Assads geführt würde und man genau dort den Grundstein für einen neuen islamischen Staat legen müsse. Diese bis heute nicht verwirklichte Idee schien einem bestimmten Kreis von Leuten vollkommen real, tatsächlich umsetzbar, darum reisten sie in den Krieg. Die Menschen, die nicht von zu Hause wegkonnten – und ich denke, es wollten viel mehr nach Syrien fahren, als die, die es tatsächlich getan haben –, sind heute die Basis des IS in Russland. In allen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion mit einer muslimischen Bevölkerung gibt es eine Kategorie von Menschen, die glaubt, dass der IS für eine gerechte Sache kämpft.


"Es waren Romantiker. Gegen Assad zu kämpfen hieß für sie, gegen Putin zu kämpfen."


STANDARD: Welche Gründe sehen Sie dafür, dass der Tschetschenen-Anteil unter jenen, die aus Österreich in den Krieg zogen, so hoch ist?

Watschagajew: Tschetschenen sind bei den Ausreisenden aus Österreich nicht in der Mehrzahl. Doch es stimmt, ihre Zahl ist sehr groß, und ich glaube, man muss hier die Folgen der Tschetschenien-Kriege betrachten. Die Kinder der von russischem Territorium Geflüchteten waren in einer ohnmächtigen Situation, diese jungen Menschen waren böse, dass ihre Eltern das Territorium Tschetscheniens, ihre Heimat, verlassen haben. Ich würde sie in der ersten Zeit nicht einmal Radikale nennen, über den Islam haben sie im Internet gelernt, über Youtube. Es waren eher Romantiker, die nach Syrien gingen, weil sie sich vorstellten, damit Russland zu schaden. Assad ist der beste Freund Putins. Gegen Assad zu kämpfen hieß für sie, gegen Putin zu kämpfen. Das war in der ersten Etappe, 2013 und 2014. Für sie ging es nicht in erster Linie um den Jihad und den Islam, sondern um eine Möglichkeit, das zu empfinden, was ihre Eltern durchgemacht hatten, was sie über die Tschetschenien-Kriege gehört hatten. Doch dann geschah eine Änderung: Mit "echten" radikalen Islamisten haben wir es erst 2015 und 2016 zu tun. Ich unterscheide hier zwischen den "Romantikern" der ersten Welle und den ideologisch gefestigten "Islamisten" der zweiten. Man muss hier durchaus unterscheiden.

STANDARD: Können Sie die Rolle der Tschetschenen in der Struktur des IS erklären? Kann man sagen, dass ihr Status höher ist als der anderer ethnischer Gruppen?

Watschagajew: Ich würde sagen, seit dem Tod Omar Schischanis haben die Tschetschenen massiv an Bedeutung verloren. Der IS-Chef Baghdadi hat in ihm einen erfahrenen Kämpfer gegen die russische Armee gesehen. Dabei hat Schischani an den Tschetschenien-Kriegen gar nicht teilgenommen, er hat in seinem Leben nie einen Fuß nach Tschetschenien gesetzt. Er gehörte der tschetschenischen Minderheit in Georgien an und war früher Mitglied einer georgischen Spezialtruppe, die von den USA trainiert wurde. Als Schischani noch am Leben war, gab es einen beachtenswerten Einfluss der tschetschenischen Kämpfer auf die Struktur des IS. Seit seinem Tod haben andere Personen aus der früheren UdSSR die einflussreichen Posten inne. Man kann auch eine gewisse Verbundenheit zwischen ihnen erkennen.

STANDARD: Wie ist in Tschetschenien die Einstellung zu Russland?

Watschagajew: Uneinheitlich. Im Land gibt es keine Proteste gegen das derzeitige System. Weil alle zufrieden sind? Nein, sondern weil Demonstrationen in dem strengen politischen System nicht möglich sind. Es ist sehr schwierig zu sagen, wer dafür ist und wer dagegen. Aber es gibt eine ganze Generation junger Menschen, die nach dem Krieg geboren wurden und die nichts anderes kennen. Für sie ist Russland vermutlich kein Feind mehr, sondern das Land, in dem sie leben. Es gibt viele Sportler, die unter russischer Flagge an Wettkämpfen teilnehmen. Andere wollen das nicht, sie ziehen in andere Staaten und treten für die Türkei, Frankreich oder Deutschland an. Wenn jemand sagt, dass in Tschetschenien alle gegen Putin sind, glaube ich das genauso wenig wie dass ihn alle unterstützen.


"Den Tod eines Tschetschenen zu verheimlichen, ist praktisch unmöglich."


STANDARD: Die russische Zeitung "Nowaja Gaseta" hat Dossiers über systematische Folter und Erpressung Homosexueller in Tschetschenien veröffentlicht. Können Sie sich vorstellen, dass die politische Führung davon wusste?

Watschagajew: Das kann ich mir sehr schwer vorstellen. Wenn sich herausstellt, dass Jelena Milaschinas (Autorin der Artikel, Anm.) Fakten real sind, muss sich die tschetschenische Führung vor Moskau verantworten, aber noch ist es zu früh, Schlüsse zu ziehen. Die Tschetschenen sind durch diese Veröffentlichungen auf ein vollkommen neues Thema gestoßen worden, das sie nicht verstehen. Unser Volk hat plötzlich erfahren, dass es bei uns auch solche Leute gibt. Für uns ist das sehr seltsam und unverständlich, die tschetschenische Gesellschaft ist sehr traditionell und sehr verschlossen. Doch wenn Milaschina davon spricht, dass drei getötet wurden und 100 inhaftiert, kann ich das nicht glauben. Wenn drei Menschen in Tschetschenien getötet werden, weiß das das ganze Land, es hat immerhin weniger Einwohner als Wien! Begräbnisse sind bei uns riesige Veranstaltungen mit tausenden Besuchern. Den Tod eines Tschetschenen zu verheimlichen, ist praktisch unmöglich.

In Tschetschenien haben wir über das Thema Homosexualität nie gesprochen. Dass das jetzt so breit erörtert wird, ist für uns vollkommen neu. Niemand weiß, wie er darauf reagieren soll. Es gibt böse Aussagen – wie dass man die Homosexuellen alle erschießen soll. Bürgerrechtler wissen nicht, was sie sagen sollen, Experten geben irgendwelche Dummheiten von sich. Wir sind früher nie darauf gestoßen worden. Bei uns gab es keine Schwulengemeinschaft, kein Schwuler konnte offen sagen, dass er schwul war. Diese traditionellen Auffassungen erstrecken sich nicht nur auf Homosexualität, sondern auf Sexualität im Allgemeinen. Darüber wird einfach nicht gesprochen, nicht einmal mit den besten Freunden. Das wird als Thema rein innerhalb der Ehe gesehen. Brüder sprechen untereinander genauso wenig über ihr Liebesleben wie Schwestern.

STANDARD: Liegt das rein an den islamischen Traditionen des Landes?

Watschagajew: Nicht nur. Der Islam etwa erlaubt das Händchenhalten eines Ehepaares in der Öffentlichkeit, für Tschetschenen ist so etwas unmöglich. Die sind hier noch wesentlich orthodoxer, als die islamischen Vorschriften es verlangen. Diese Traditionen im Kaukasus sind wesentlich älter, sie existierten schon vor der Annahme des Islams. Natürlich hatte der Islam Einfluss auf die tschetschenische Kultur, aber gerade im Bereich der Sexualmoral hat er wenig verändert. (Florian Supé, 8.4.2017)

Mairbek Watschagajew (geb. 1965 im Tschetschenien der russischen Sowjetrepublik) ist ein französischer Historiker und Publizist der Washingtoner Jamestown Foundation. Er war Repräsentant der nicht anerkannten, eigenständigen tschetschenischen Republik Itschkeria in Russland und Pressesprecher des Präsidenten von Itschkeria, bevor das Land im Zuge des Zweiten Tschetschenienkrieges 1999 wieder in die Russische Föderation eingegliedert wurde.

  • Mairbek Watschagajew.
    foto: galina azoulay/wikimedia

    Mairbek Watschagajew.

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