Vor 200 Jahren startete die österreichische Brasilien-Expedition

9. April 2017, 07:30
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Wissenschaftliche und ökonomische Interessen standen hinter dem Projekt, das tausende Exponate nach Wien brachte

Wien – 200. Jubiläum eines Ereignisses, das auch in Österreich vielen nicht bekannt ist: Am 9. April 1817 legten die beiden Fregatten "Austria" und "Augusta" in Triest ab, um ein österreichisches Expeditionskorps nach Brasilien zu bringen. Bis zu 18 Jahre lang erkundeten die Expeditions-Teilnehmer die dortige Flora und Fauna und legten mit den von ihnen gesammelten Pflanzen, Tieren und Ethnographica die Basis für das Völkerkunde- und das Naturhistorische Museum in Wien.

Historischer Hintergrund

Auch Österreich konnte sich der Anfang des 19. Jahrhunderts herrschenden Übersee-Euphorie nicht entziehen. Doch es war nicht nur Forscherdrang, der das anfangs von Fürst Metternich großzügig finanzierte Unterfangen antrieb. Es steckten auch ökonomische Interessen dahinter. Am 13. Mai 1817 vermählte sich der portugiesische Thronerbe und spätere brasilianische Kaiser Dom Pedro mit der Erzherzogin Maria Leopoldine, der Tochter von Kaiser Franz I. – und Österreich wollte das Portugal in Personalunion verbundene Königreich Brasilien als Handelspartner gewinnen.

Dazu erhoffte man sich von der Reise auch Informationen über Rohstoffe und Agrarprodukte. "Die österreichische Brasilien-Expedition war ein herausragendes Beispiel für die geopolitischen Interessen einer europäischen Großmacht, die keine Überseekolonien besaß, aber im Konzert der Kolonialmächte mitzuspielen gedachte", schrieb die Historikerin Ursula Prutsch in ihrer 2013 erschienenen "Kulturgeschichte" Brasiliens.

Ein gutes Dutzend Forscher und Maler brach auf, um das "Wunderland" zu erkunden. Der Direktor des k.k. Hof-Naturalienkabinetts, Karl Franz Anton von Schreibers, war in Österreich Gesamtleiter. Die Expedition selbst führte der Prager Botaniker Johann Christian Mikan an. Er wurde überraschend dem Assistenten am Hofnaturalienkabinett, Johann Natterer, vorgezogen – was für die Atmosphäre des Unternehmens nicht gerade förderlich war.

Holpriger Start

Die Reise begann gleich mit einer Panne: Die beiden Schiffe wurden zwei Tage nach dem Auslaufen bei einem Sturm beschädigt und mussten repariert werden, erst im November trafen schließlich alle Expeditionsteilnehmer in Rio de Janeiro ein. Der Großteil der Forscher blieb bis 1821 in Brasilien. Natterer setzte seine Forschungen aber bis 1835 fort.

Er erkundete Mato Grosso und den Amazonas, immer wieder übermittelte Befehle zur Heimkehr ließ Natterer unbeachtet. Über 18 Jahre lang sammelte und notierte er akribisch, auch Krankheiten bremsten seinen Forscherdrang nicht. Zwei Sklaven setzte er als Sammler und Träger ein, bis zu dessen Tod 1826 begleitete ihn auch der Präparator Ferdinand Dominik Sochor. Obwohl im Lauf der Jahrzehnte etwa durch Brände einiges verloren ging, sind über 50.000 Notizen aktenkundig.

Große Ausbeute

Natterer sammelte mehr als 12.000 Vögel, knapp 33.000 Insekten, 1.146 Säugetiere, 1.678 Reptilien, 1.671 Fische und etwa 40.000 Pflanzen. Dazu kamen mehr als 2.000 Geräte, Waffen, Schmuckstücke, etc. der indigenen Bevölkerung. Erst 1836 kehrte Natterer nach Wien zurück. Ob seiner reichen Ausbeute wurde Natterer als "Prinz des Sammelns" bezeichnet.

Doch Christa Riedl-Dorn, Leiterin des Archivs für Wissenschaftsgeschichte im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien, hebt auch die Rolle der anderen Teilnehmer hervor: "Es sind viele Helfer dahinter gestanden". So habe etwa die Frau des Expeditionsleiters fleißig geholfen, "es gibt Briefe von Mikan, in denen er schreibt, wie toll seine Frau präparieren kann". Sie habe auch die Gesellschaft verköstigt und sei für die Betreuung der lebend gefangenen Tiere zuständig gewesen.

200 davon wurden vom Expeditionsmitglied Johann Baptist Emanuel Pohl 1821 nach Wien gebracht, selbst ein Paar vom Stamm der Botokuden verschleppte man nach Österreich. In Summe kamen 166.000 Objekte nach Wien – viel zu viele für das Naturalienkabinett in der Hofburg. Daher wurde 1821 ein eigenes Brasilianisches Museum eingerichtet, das anfangs regen Zulauf erhielt. Nach Natterers Rückkehr flaute das Interesse an den Überseeforschungen aber schnell ab und das "Brasilianum" wurde geschlossen.

Grundstein des Museums

Die Bestände blieben aber erhalten: "Natterer baute eine vorbildlich dokumentierte Kollektion naturwissenschaftlicher und völkerkundlicher Objekte für Wien auf. Diese trug wesentlich zum weltweiten Ruf des Museums bei", heißt es in einer historischen Selbstbeschreibung des Naturhistorischen Museums, für das die Objekte der Brasilien-Expedition nach Ansicht Riedl-Dorns "einen der größten und wichtigsten Bestandteile" bilden.

So sei ein großer Prozentsatz der von Pohl mitgebrachten Pflanzen bis dahin unbekannt gewesen und wurde erstmals beschrieben. "Das sind Typen, so etwas wie ein Ur-Meter für die jeweilige Art. An der brasilianischen Pflanzenwelt interessierte Forscher müssen daher nach wie vor hierherkommen, um einen solchen Typus zu untersuchen", so Riedl-Dorn.

Aber nicht nur die Wissenschaft schöpft bis heute aus dem gesammelten Material, auch die Museen selbst profitieren davon. "Viele Objekte sind derart gut gesammelt und präpariert worden, dass wir sie heute noch im Schaubereich haben", so Riedl-Dorn. So findet der Besucher heute im NHM nicht nur eine eigene Vitrine über die Geschichte der Brasilien-Expedition, sondern in vielen Schausälen noch damals gesammelte Objekte.

Keine Ausstellungen zum Jubiläum

Trotz der Bedeutung der Sammelstücke für das NHM und das Weltmuseum – bei seiner Ausgliederung aus dem NHM 1927 erhielt das damalige Völkerkundemuseum rund 2.000 ethnographische Objekte aus Brasilien – sind keine Ausstellungen zum Jubiläum geplant. Das NHM bietet – nach Voranmeldung – spezielle Führungen auch ins Archiv zu nicht ausgestellten Objekten und Bildern der Expedition an.

Im Weltmuseum, dessen Wiedereröffnung im Herbst dieses Jahres vorgesehen ist, plant man einen eigenen Saal, wo die Geschichte der Brasilien-Expedition geschildert, Objekte aus der Sammlung in einen zeitgenössischen Kontext gestellt und zum Teil von Mitgliedern indigener Gruppen kommentiert werden. Zudem sei man in Gesprächen mit der brasilianischen Botschaft über eine gemeinsame Veranstaltung Ende des Jahres. (APA, red, 9. 4. 2017)

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